ZDF-Fernsehrat: Rückschlag für die Aufklärung

Autorinnen: Marvel Stella und Nora Sillan

Bildquelle: Magazin Royale, 08.09.2023

Die Aufklärung über die Verschwörungstheorie von ritueller Gewalt/ Mind Control hat einen Rückschlag erlitten. Der ZDF-Fernsehrat gab in seiner gestrigen Sitzung der Programmbeschwerde der Aufarbeitungskommission statt und in Folge wurde die Ausgabe von Jan Böhmermanns Magazin Royale über Satanic Panic aus der Mediathek des ZDF gelöscht.

Es macht äußerst betroffen, dass hier anscheinend unter dem Deckmantel von vermeintlichem Opferschutz mediale Zensur betrieben wird. Und vor allem, dass dabei die Opfer von Fehltherapien erneut fallen gelassen werden. Man könnte nun mutmaßen, dass Therapieopfer eben keine Lobby haben, die für sie spricht. Keine Schwergewichte also, die (politischen?) Einfluss geltend zu machen scheinen, wie z.B. die Aufarbeitungskommission, die bekanntlich auf Social Media keinen Hehl daraus macht, was sie unter „Kindesmissbrauch in rituellen Strukturen“ versteht: Das Wort „satanistisch“ nimmt einen prominenten Platz in diesem Twitter-Posting ein.

Schädigende Wirkung auf Patienten“

In seiner Sitzung vom 8.12.23 hat das ZDF-Gremium nach kontroversen Diskussion mit knapper Mehrheit entschieden, berichtet der Tagesspiegel und zitiert Bundesfamilienministerin und Fernsehratsmitglied Lisa Paus: Das Thema sei „besonders sensibel, besonders heikel und besonders schwierig“. Doch gerade weil es ein „sensibles, heikles, schwieriges“ Thema ist, braucht es fundierte Aufklärung über die Verschwörungstheorie – etwas, was einigen Fernsehratsmitgliedern wohl in der Gesamttragweite nicht klar zu sein scheint. Da reicht ein Blick über die Landesgrenze, um zu sehen welche drastischen Auswirkungen derartige Fehltherapien in der Schweiz auf vulnerable Patienten hatte. Oder war der (politische?) Einfluss der Aufarbeitungskommission in der gestrigen Sitzung etwa zu stark?

Dem Spiegel-Bericht zufolge wurde gestern kontrovers diskutiert: Der „Ausschuss Programmdirektion“ empfahl eine Zurückweisung der Beschwerde, auch ZDF-Intendant Nobert Himmler verteidigte die Sendung. Doch es ging nur nachrangig um die Programmgrundsätze, wird eine Sitzungsteilnehmerin zitiert, denn im Mittelpunkt standen die emotionalen Auswirkungen auf Betroffene. Hierzu äußerte sich Jesuitenpater Hans Langendörfer als Vertreter der katholischen Kirche, dass es Themen gebe, die für Satire nicht geeignet seien, dazu gehöre sexualisierte Gewalt, berichtet der Tagesspiegel.

Diese Meinung verkennt jedoch den Inhalt der Sendung gewaltig: Erstens wurde keine Satire über sexualisierte Gewalt getätigt, sondern ein Thema, das eben auch Traumaopfer betrifft, aufklärend satirisch unter die Lupe genommen. Zweitens sollte der ZDF-Fernsehrat wissen, dass es kein einziges Thema gibt, was für Satire nicht geeignet ist. Denn Satire ist kein Humor, wo ein paar lapidare Witzchen über irgendwelche Themen gemacht werden mit dem Ziel, sich über etwas lustig zu machen, sondern eine konstruktive bottom-up Kritik, vorzugsweise in den Feldern Politik, Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur. Hier in dem Fall richtete sie sich gegen das verschwörungstheoretische und gefährliche Vorgehen viel zu vieler Traumatherapeuten, mit dem schwer traumatisierte Opfer in eine unvorstellbare und (re)traumatisierende Gewalthölle katapultiert wurden (und immer noch werden). Satire deckt Missstände auf, wobei es im Anlassfall um weitaus mehr als nur Missstände geht: Seit den 1990er Jahren, also seit Beginn der Traumatherapie im deutschsprachigen Raum, hat sich ein überaus gefährliches Netzwerk gebildet, was Traumaopfer – ähnlich wie in einer Sekte – mit einbezieht. Hierbei werden weder Distanz eingehalten, noch private Kontakte gemieden, um Opfer in das Netzwerk zu integrieren und damit die eigene profitable Glaubwürdigkeit zu stärken. Traumaopfer werden also zu Komplizen in einem perfiden Geschäfts-Model gemacht, während andere Traumaopfer, die sich diesem Verschwörungsnarrativ verwehren, als täterloyal gebrandmarkt werden.

Ein Schlag ins Gesicht

Was waren die weiteren Begründungen des Fernsehrats für seine abschließende Mehrheitsentscheidung: Die Betroffenenperspektive sei nicht ausreichend berücksichtigt worden und „die Sendung könne eine schädigende Wirkung auf Patienten haben“, wie der Tagesspiegel schreibt. Man könnte angesichts letzterer Wortwahl beinahe meinen, die „schädigende Wirkung“ von suggestiven Fehltherapien auf Patienten wäre zweitrangig, da das öffentliche Anerkenntnis dieser gravierenden und lebenszerstörenden Auswirkungen fehlt.

Kein Wort an dieser Stelle zu den Opfern derartiger Fehltherapien, die hiermit (erneut!) durch den Rost fallen. Deutlicher könnte der Schlag ins Gesicht dieser Therapieopfer kaum sein: Was ist zum Beispiel mit der jungen Mutter, der aufgrund einer Satanic-Panic-Fehltherapie ihr Kind weggenommen wurde? Oder mit dem Therapieopfer aus der Schweiz, das dem SRF mutig seine Geschichte erzählte? Oder mit den Patienten aus den Klinik Littenheid und Münsingen, wo Gutachten die Verschwörungstheorie bestätigen?

Der breite Aufschrei anhand dieser tragischen Fälle bleibt immer noch aus.

Reaktionen auf Social Media

In der „DIS-Bubble“, also unter den Usern, die in den sozialen Medien das Narrativ von ritueller Gewalt & Mind Control propagieren, wurden bekanntlich in den letzten Monate Aufrufe geteilt, man möge doch Beschwerden an den Fernsehrat einreichen. Dass eine derartige Social-Media Stimmungsmache eine gewisse Reichweite hat, zeigt sich in den Zahlen: 9 von insgesamt 22 beim ZDF im Berichtszeitraum eingelangte Programmbeschwerden bezogen sich auf Jan Böhmermanns Sendung, wie der ZDF auf seiner Webseite veröffentlicht. Demgemäß lässt man auf Social Media angesichts der Entscheidung der Fernsehrates gerade die virtuellen Sektkorken knallen – und auch Big Player der rituelle Gewalt-Szene melden sich zu Wort:

Die Aufarbeitungskommission „freut sich“ (natürlich) expressis verbis auf Twitter und an anderer Stelle wird es als „großer Erfolg für Betroffene ritueller Gewalt“ gefeiert. Auch Michaela Huber, um die es in der Magazin Royale-Sendung vornehmlich gegangen ist, schreibt auf Instagram von einem „wichtigen Signal“.

Aktueller Artikel aus dem Spiegel

Apropos Michaela Huber: Hier gibt es auch an anderer Stelle „wichtige Signale“, so hat Spiegel-Journalist Christopher Piltz gemeinsam mit Anton Rainer für die aktuelle Ausgabe des Nachrichtenmagazins die Kritikäußerungen und Anzeigen gegen das Magazin Royale detailliert unter die Lupe genommen und geht darin einigen äußerst interessanten Fragen nach.

An dieser Stelle der Hinweis auf den GWUP-Blog, wo der Gang der Ereignisse detailliert wiedergegeben ist: Satanic Panic: Ominöses rund um die Böhmermann-Sendung zum Thema rituelle Gewalt

In Kurzform: Eine unter dem Pseudonym „Jakob Wagner“ abgefasste Beschwerde erhob schwere Vorwürfe gegen die TV-Sendung – doch es gab dabei zahlreiche Ungereimtheiten: „Was „Wagner“ schreibt klingt geradezu grotesk“, so der Spiegel und stellt die Frage: „Schreibt so wirklich ein besorgter Redakteur? Oder doch eher jemand, der Hubers Ruf verteidigen will?“ Für Böhmermanns Anwälte zeigen sich hier „zumindest Indizien„, dass der Schreibende aus Hubers Umfeld komme und sie stellen Strafanzeige – „zunächst nur gegen Unbekannt“.

Presserats-Eingabe: Ermittlungen gegen Michaela Huber

Weiters berichtet das Nachrichtenmagazin über eine etwas ältere Beschwerde an den Presserat nach dem ersten Spiegel-Berichts, die im Namen einer Psychotherapeutin aus dem Raum Köln eingereicht wurde. Der Haken an der Sache: Die Briefschreiberin wusste gar nichts von einer derartigen Eingabe und erstattete in Folge Anzeige gegen Unbekannt. Was die polizeilichen Ermittlungen im Anschluss ergaben, beschreibt der Spiegel folgendermaßen: „’Bei einer Anschlussinhaberfeststellung‘, heißt es in den Akten, konnte ‚Frau Michaela Huber als Tatverdächtige ermittelt werden.’“ Dies bestreitet die Therapeutin entschieden. Nun ermittelt laut Spiegel die Staatsanwaltschaft Kassel.

Man darf also gespannt auf den Ausgang dieser Ermittlungen sein. Eines ist jedoch gewiss: Die Aufklärung zur Satanic Panic-Verschwörung wird trotz gestriger Depublikation der Böhmermann-Sendung weitergehen. Denn es gibt (leider!) noch viel zu tun.

Weiterführende Links zum aktuellen Thema:

  • GWUP-Blog „Satanic Panic: Ominöses rund um die Böhmermann-Sendung zum Thema rituelle Gewalt“
  • Der Spiegel „Jan Böhmermann, die »Satanisten« – und eine seltsame Anzeige“

Ältere relevante Artikel, Berichte, Gutachten und Videos zum Thema

Die folgende überaus relevante Linkliste hat Lydia Benecke am 08.12.2023 auf Twitter veröffentlicht:

Unsere Beiträge über Michaela Huber

Michaela Huber Beiträge
Vorwort zur Michaela Huber Reihe
1. Rezension: „Trauma und die Folgen“
2. Michaela Hubers Bindung zu den Traumaopfern  
3. Michaela Huber und Corona

Ein Kommentar

  1. Wie zwingend es ist, sich in probatorischen Stunden ein Bild von dem Traumatherapeuten zu machen, der einen bei der Lösung posttraumatischer Beschwerden begleiten soll, habe ich selbst erlebt. In einer Phase zwischen zwei Therapien waren es 16 verschiedene Therapeuten, die ich konsultierte. Gleichzeitig zeigt meine Erfahrung auch, wie leicht es ist, dabei an den falschen zu geraten. Eine aufgenommene Therapie brach ich nach zehn Stunden ab, da die Therapeutin körperlich übergriffig wurde.

    Die Erzählungen von Therapieopfern aus satanistisch – besser gesagt exorzistisch – basierter Traumatherapien sind himmelschreiend. Ja, es konnte sich auf die amerikanische Satanic Panic der 90er Jahre hierzulande eine geradezu verbrecherische Therapieszene etablieren, der die zeitweilig von Tätern unterwanderte Aufklärung zu „falschen Erinnerungen“ letztlich entgegenkam und den Opfern der verschwörungstheoretischen Therapeuten einen Bärendienst erwies.

    Dass die Aufarbeitungskommission (UKASK) den ZDF-Fernsehrat einschaltete, um eine kritische Sendung zu missbräuchlichen Traumatherapien zu zensieren, ist der I-Punkt bei dieser Verschwörung der Verschwörungstheoretiker. Die durch verbrecherische Traumatherapien traumatisierten Patienten sollen nun vor den Auswirkungen der Verbrechen geschützt werden, indem man sie vor den Fakten ihres therapeutischen Missbrauchs durch Zensur verschont und ihnen somit eine Orientierung zur Überwindung des durch induzierte Erinnerungen erlittenen Traumas verweigert. Das ist bösartig und eben von jener Verachtung gegenüber den Traumaopfern, die man der Sendung von Magazin Royale in verleumderischer Weise nachsagt.

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