Rezension: „Trauma und die Folgen“

Autorin: Nora

Das Buch „Trauma und die Folgen“ von Michaela Huber ist ein Plädoyer für Opfer, geschrieben von einer Therapeutin mit einem „empfindenden Herz“ (vgl. Huber, Trauma und die Folgen, 2020, S. 25) und den schreiberischen Kenntnissen einer ehemaligen Wissenschaftsjournalistin (vgl. ebd. S. 23), die so sehr für ihre Sache brennt, dass man als Leser mit Traumahintergrund ziemlich aufpassen sollte, dabei nicht selbst zu verbrennen.

Thematisch versucht Michaela Huber mit ihrem Buch den Spagat zwischen Fachpublikation und Information für Betroffene, denn sie wendet sich auch explizit an Menschen, die selbst Traumata erlitten haben bzw. „Schreckliches erlebt und nun mehr darüber wissen [wollen], ob es anderen Menschen ähnlich geht und ob es neue Forschungs- und Therapieansätze gibt“. (ebd. S. 23) Außerdem solle das Buch, so schreibt Huber, dazu anregen, sich als Betroffener eine adäquate Behandlung zu suchen (vgl. ebd. S. 44).

Drastisch und voll blutiger Details

Michaela Huber merkt zwar ausdrücklich an, dass diejenigen Textpassagen, die für Betroffene nur schwer zu lesen sind, extra in kursiv gesetzt werden (vgl. ebd. S. 47), allerdings sind insbesondere in den Kapiteln zu Selbstverletzung, Suizid und ritueller Gewalt Schilderungen zu finden – übrigens nicht alle in kursiv – die in ihrer Drastik selbst abgebrühte Menschen schockieren, geschweige denn Trauma-Betroffene.

Hier stellt sich nun die Frage, ob dieses Buch wirklich für Betroffene geeignet ist und sich nicht besser ausschließlich an Professionisten wenden sollte, wenn Huber zum Beispiel schreibt, sie habe „mehrfach Frauen kennen gelernt, die sich als Form der Selbstverletzung immer wieder die Vagina zugenäht haben, auch noch Jahre nach der letzten Vergewaltigung“ (ebd. S. 221).

Ist diese drastische Schilderung notwendig, um dem Leser – Fachperson, Betroffener oder interessierter Laie – die Problematik und Schwere von selbstverletzendem Verhalten zu vermitteln? Oder ist sie vielleicht eher Ausdruck dessen, was Huber als ehemalige Wissenschaftsjournalistin stilmäßig bewusst einsetzt? Denn jeder, der im Journalismus gearbeitet hat, weiß, wie man die Aufmerksamkeit von Lesern gewinnt und diese fesselt: Katastrophen, Sensationen und das in möglichst marktschreierischer Aufmachung. Aber hat dies wirklich in einem psychologischen Fachbuch seinen Platz, das vor allem eines soll: informieren und weiterbilden?

Ein weiteres Beispiel: Michaela Huber schreibt von russischem Roulette, das eine Trauma-Betroffene mit sich selbst spielt, wenn sie sich „in eine Badewanne voller Rasierklingen legt und zusieht, wie sich die Wanne mit ihrem Blut füllt, und erst versucht aufzustehen, wenn sie merkt, dass sie es gleich nicht mehr kann“ (ebd. S. 221).

Abgesehen davon, dass diese Beschreibung, die wirklich kein blutiges Detail auslässt, an Drastik wohl nicht mehr zu überbieten ist, bleibt eine Überlegung offen: Wie ist das in der Realität praktisch möglich? Um dieses Beispiel zu sezieren und von einer durchschnittlichen Badewanne mit 150 Litern Fassungsvolumen auszugehen – wie viele Liter Blut bräuchte es, um diese zu „füllen“, wie Huber schreibt? Der menschliche Körper enthält zwischen fünf und sechs Litern Blut, wenn man davon zwei Liter verliert, schwebt man in Lebensgefahr. Aber wie kann man, um noch einmal beim zitierten Beispiel zu bleiben, mit „nur“ zwei Litern eine Wanne füllen?

Zudem bleibt die Frage offen, wie eine Badewanne mit Rasierklingen gefüllt werden kann, bedenkt man den Preis, was eine Rasierklinge kostet und wie viele davon notwendig sind, um mehr als nur den Boden zu bedecken? Tausende? Zehn tausende? Ganz abgesehen von der Preisfrage ist es eine Überlegung wert, wie das praktisch funktionieren soll: Rasierklingen sind flach und würden nicht mit der scharfen Klinge nach oben „magisch“ in der Luft stehen, sondern dicht aufeinander liegen – eine Situation wie im „Bälle-Bad“ bei Ikea, einem mit bunten Plastikkugeln gefüllten Becken, wäre rein physikalisch kaum möglich.

All diesen Überlegungen zum Trotz ist dieses Szenario in Michaela Hubers Buch genannt – ohne zu hinterfragen und ohne kritisch hinzusehen. Keine Frage, selbstverletzendes Verhalten und auch die Art von Verletzungen, die sich Betroffene zufügen, sind tragisch und es kann gefährliche Ausmaße annehmen. Tut es jedoch der Sache gut, für ein Fachbuch ein Beispiel zu wählen, was weder den realen Situationen noch den Grenzen des Möglichen zu 100 Prozent gerecht wird?

Vielleicht deshalb, weil es längst schon trauriger Standard geworden ist, dass sich Betroffene in die Haut schneiden oder mit Zigaretten verbrennen – darum muss wohl ein anderes Beispiel her, um eine Reaktion beim Leser zu erreichen; womit wir wieder bei den obig genannten journalistischen Methoden wären …

Wenn die „Trefferquote“ zu niedrig ist

Huber charakterisiert in ihrem Buch auch die Diagnostikinstrumente wie z.B. A-DES, also Fragebögen zur Erfassung dissoziativer Symptomatik. „Erfahrungsgemäß“, wie Huber wörtlich schreibt, werde jedoch ein Viertel der hoch dissoziativen Erwachsenen nicht gefunden, also falsch negative Ergebnisse herauskommen, „wenn die Betroffenen einen Fragebogen allein ausfüllen“ (ebd., S. 186). Was empfiehlt Huber also, um – wörtlich (!) „die Trefferquote zu erhöhen“ (ebd. S. 186)? Die Selbstbeurteilungsfragebögen sollten unter Begleitung eines erfahrenen Therapeuten ausgefüllt werden, der darauf achtet, ob es beim Ausfüllen zu Persönlichkeitswechseln kommt und den Patienten Beispiele aufzählen lässt.

Ist das wirklich im Sinne einer neutralen Diagnostik – oder birgt eine derartige „Betreuung“ beim Ausfüllen der Fragebögen vielleicht das Risiko einer suggestiven Beeinflussung seitens des Therapeuten? Und außerdem: Warum muss die Trefferquote um jeden Preis erhöht werden? Huber schreibt von einer „erfahrungsgemäß“ hohen Fehlerquote an falsch negativen Ergebnissen – wo lassen sich diese Erfahrungswerte in der Fachliteratur finden?

Eine andere Sache, die allerdings mit der Diagnostik eng zusammenhängt: Huber weist auf die Wichtigkeit hin, sorgfältig zu sein, was man als reales Trauma anerkennt und bezeichnet. So weit so gut. Allerdings folgt im nächsten Satz eine Relativierung:

„Letztlich kommt es darauf an, was die KlientIn als ihre innere Wahrheit integrieren wird. Wenn es ihr nach der Integration ihrer Wahrheit besser geht, ist dies entscheidend – beratend und therapeutisch Tätige sind keine Staatsanwälte, sie werden gut daran tun, der Klientin ihre Wahrheit zu lassen und selbst eine Haltung der „empathischen Abstinenz“ einzunehmen.“ (ebd. S. 40 f.)

Unter dem „Deckmantel Satans“ – das „Besondere“ an ritueller Gewalt

Natürlich ist auch in diesem Buch die „rituelle Gewalt“ nicht zu kurz gekommen. Unter dem Titel „Was ist das Besondere an ritueller Gewalt“ wird auch hier diesem Thema detailliert nachgegangen. Ja, „besonders“ ist dieses Thema allemal, denn ihm wird ein ganzes Kapitel gewidmet (wohingegen Traumafolgestörung wie Borderline nur auf wenigen Seiten erwähnt werden). Über Michaela Huber schreibt Onno von der Hart im Vorwort, dass sie nicht vor der „äußerst schwierigen und undankbaren Aufgabe zurückschreckt, sich als Überbringerin schlechter Nachrichten zu erweisen, das heißt, eine der schrecklichsten Formen von Misshandlungen zu beschreiben, nämlich organisierte sadistische Gewalt, die häufig als rituelle Gewalt bezeichnet wird“. (ebd. S. 17)

Als diese „Überbringerin“ erweist sich Huber wirklich – ob in dieser Formulierung vielleicht ein wenig die Metapher der griechischen Seherin Kassandra mitschwingt, kann aus der Ferne nicht beurteilt werden. Was unter ritueller Gewalt zu verstehen ist, ist jedem Leser, der Michaela Hubers Vorträge, Bücher und Publikationen der letzten Jahrzehnte verfolgt hat, jedoch sonnenklar:

„Satan“, „satanistisch“ oder „Teufel“ – diese drei Worte kommen im Kapitel zur rituellen Gewalt insgesamt 33 mal vor, in einem Fachbuch wohlgemerkt, allerdings ohne dass irgendwo klar festgehalten wird, dass es für satanisch-rituellen Missbrauch bislang keinen einzigen, wissenschaftlich haltbaren Beweis gibt. Analog zum Sprichwort „die Menge macht das Gift“, könnte man also annehmen, wenn etwas nur oft genug wiederholt wird, dass es dann irgendwann auch im Bewusstsein jedes Lesers ankommt: rituelle Gewalt bedeute auch satanische Gewalt.

Aufgegessen, verbrannt oder in Säure aufgelöst

Die sich beim Lesen unwillkürlich aufdrängende Frage, was denn in einem Land wie Deutschland, mit den wohl zahlreichen Leichen geschehe, beantwortet Huber anhand von Aussagen Überlebender: „Die Getöteten seien entweder aufgegessen, verbrannt, in Säure aufgelöst oder auf Mülldeponien oder andere Weise ‚entsorgt“ worden.“ (ebd. S. 233).

Wäre es nicht ein so todernstes Thema, könnte man das vorliegende Fachbuch von Michaela Huber unter Umständen den Drehbuchautoren vom Tatort-Krimi zwecks Ideenfindung empfehlen.

Es ist jedoch wirklich ein ernstes Thema, dass diese niemals bewiesenen Theorien in einem Fachbuch als bestätigte und unwiderrufliche Fakten dargelegt werden. Noch ernster wird die Sache, wenn es um die nachfolgende Analyse der Tätergruppen geht, die Michaela Huber präsentiert: „keineswegs nur Satanisten“, aber die meisten Überlebenden würden genau davon berichten (ebd. S. 234). Daraus schlussfolgert Huber in einem Bezug auf die aktuelle Zeit – die Neuauflage dieses Buches stammt aus dem Frühjahr 2020, dass „’Satanisten‘ aller Couleur derzeit massiven Zulauf [haben], wie es häufig der Fall zu sein scheint in Zeiten des Niedergangs, in denen Menschen verzweifelt danach suchen, wie sie dem Ganzen einen Sinn geben oder ihren persönlichen Untergang vermeiden können.“ (ebd. S. 234)

Auf mehreren Seiten schildert Huber in Folge detailliert die Geschichte des modernen Satanismus als Gegenpol zum Christentum (vgl. S. 236 f.), zieht Querverbindung zu anderen Kulturkreisen, zu Jugendsatanismus und „Gruftie-Szene“, zu Sexualmagie und okkulten Ritualen, bevor sie zum Hauptpunkt kommt: der sogenannten Programmierung, die in derartigen Kulten stattfinden soll.

Programmierung und Mind Control

Wie geht eine Programmierung von statten? Michaela Huber startet dieses Kapitel mit einem überaus eindringlichen Beispiel von einem Kind, das mit Elektroschocks gequält, vergewaltigt und mit Nadeln ins Ohr gestochen wird, das Gesicht unter Wasser gedrückt bis ein todesnaher Zustand erreicht wird (vgl. ebd. S. 242).

„Es tut mir leid, wenn Ihnen jetzt schlecht geworden ist“, wendet sich Huber nach dieser drastischen Schilderung direkt an die Leserschaft, um danach gleich hinzuzufügen, „ich ringe auch oft mit meinen Gefühlen“ (ebd. S. 242), bzw. dass das Bindungssystem trotz aller professionellen Distanz aufschreie und man rasend vor Wut auf die verrohten Täter werde (vgl. S. 243).

Ja, derartige Schilderungen gehen unter die Haut und als vorauseilenden und „ultimativen“ Beweis, warum diese Schilderungen 1:1 glaubhaft seien, führt Huber u.a. folgendes an:

„Sie würden es glauben, weil die Menschen, die das erzählen, dabei von Schmerzen und anderen körperlichen, oft sehr drastischen, Reaktionen geschüttelt werden. Sie würden Narben aufscheinen sehen, ‚Asthma-Attacken‘ oder Fieberschübe erleben, Erbrechen oder sturzbachartige Blutungen.“ (ebd. S. 243)

Hierzu eine kurze Zwischenfrage: Wie können Narben „aufscheinen“? Entweder sie sind vorhanden und sichtbar, oder eben nicht. Huber beschreibt jedoch plötzlich auftauchende „Male“ auf der Haut – Narben, Brandblasen, Würgemale – „aufgrund plötzlich auftauchender Erinnerungen an Misshandlungen – der Körper erinnert sich auch“ (ebd. S. 247).

Dass Narben in diesem Kontext plötzlich aufscheinen (wie die Wundmale Jesu oder sein „Antlitz“ auf dem berühmten Turiner Grabtuch), wie ist dies physikalisch und medizinisch möglich? Diese Frage scheint jedoch für die Buchautorin von geringem Interesse zu sein, wenn es doch darum geht, „Befreiungsarbeit“ (ebd. S. 244f.) zu leisten – ein Wort, das normalerweise im Kontext von kirchlichen Gruppen verwendet wird. Laut Huber ist es jedoch das, was in Beratungsstellen, Psychotherapiepraxen und Kliniken u.a. häufig stattfindet (vgl. ebd. S. 245).

Um zu den Methoden und dem Vorgehen von Programmierung und Mind Control zurückzukommen; ein paar Buchseiten weiter stellt Huber eine rhetorische Frage, woran zu erkennen ist, ob jemand programmiert wurde: wenn krisenunabhängiges Verhalten gezeigt wird, was dem Selbstschutz extrem widerstrebt, sich der Patient fremdgesteuert fühlt, gleiche Verhaltensabläufe ausführt, die ritualisiert wirken, mit anfangs unbewussten Codes und Auslösern (vgl. ebd. S. 256). Das ist alles, was hierzu genannt wird, wie Therapeuten ein Programm erkennen können.

Checklisten zur rituellen (Selbst)-Diagnostik?

Eine abschließende Aufzählung von Programmierungs-Merkmalen kann gefährlich, weil irreführend, sein. Noch problematischer wird es allerdings, wenn regelrechte „Checklisten“ (zugegeben, das Kästchen zum Ankreuzen fehlt) abgedruckt werden. Unter der Überschrift „Hinweise auf rituelle Misshandlungen“ werden eine Reihe von Merkmalen genannt, die sich in Form von Erinnerungen, Ängsten, Träumen (dass Träume nicht immer der Realität entsprechen, sollte bekannt sein) oder Körperempfindungen ausdrücken: Kerzen, Kot und Kadaver; Schlachtermesser, Synagogen, Schlangen; Monster, Marionetten und Menschen, die man essen muss; Altäre und Vergewaltigungen in Verbindung mit Ketten, Blut aus Totenschädeln etc. – die passenden Gerüche und Körpergefühle inklusive (vgl. ebd. S. 246 ff.) Diese Liste geht über fünf Buchseiten und inkludiert auch eine extra Rubrik „Achtung Mediziner – bei den folgenden Symptomen könnten rituelle Misshandlungen im Hintergrund sein“, in der davon gesprochen wird, dass Symptome z.B. vermehrt zur Sonnenwende auftreten könnten oder wenn das Geburtsdatum der Patientin an einem christlichen Feiertag liegt, eventuell wurde die Geburt manipuliert, damit das Datum stimme (vgl. ebd. S. 250).

Dass eine Korrelation von Merkmalen nicht zwingend eine Kausalität hinsichtlich rituellem Misshandlungs-Background herstellt, das bleibt in der Checkliste unerwähnt.

Was allerdings nicht unbedacht bleiben sollte: Angesichts der Listen-Form, die an eine Checkliste zum Abhaken erinnert, läuft die Aufzählung Gefahr, von Trauma-Betroffenen als Symptom-Check verwendet zu werden, um in Eigendiagnose bei sich rituelle Gewalterfahrungen zu diagnostizieren – und das sollte nicht im Sinne einer klinischen Störungs-Diagnostik sein.

Der installierte „Ein-und Aus-Knopf“

Zum Thema „Mind Control“ und „Programmierung“ stellt Huber Thesen auf, die sie jedoch weder mit Literaturverweisen noch mit Studien belegt: Programmiert werde von den Tätern angeblich so früh wie möglich – eine Information ohne Angabe von wissenschaftlichen Quellen – Huber beschreibt vorgeburtliche Programmierungen des Ungeborenen im Mutterleib z.B. durch unaushaltbare Frequenzen in bestimmten Rhythmen, die sich bis hin zu Ekeltraining und „Kadavergehorsam“ ab Kleinkindalter erstrecken (vgl. ebd. S. 251 f.). Es gibt jedoch keinerlei Studien zu diesem Thema, wie sich diese zielgerichtete Programmierung beim Ungeborenen auswirkt.

Unter der nun folgenden Überschrift, woher Täter das Wissen um Mind Control haben, nimmt die Autorin explizit auf den amerikanischen Psychiater Robert Lifton und seine in den 1960er Jahren verfasste Studie über Folter-Überlebende Bezug. Jedoch widerspricht Huber hier Liftons eigenen Darstellungen, was ein kurzer Blick in das Online-Lexikon Wikipedia klar und deutlich offenbart:

„Entgegen populären Vorstellungen über ‚Gehirnwäsche‘ war Lifton immer der Ansicht, dass solcher Zwang nur kurzfristige Verhaltensänderungen oder allgemeine Neurosen, nicht aber dauerhafte Änderungen der Überzeugungen oder Persönlichkeitsveränderungen bewirken könne.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Lifton)

Wenn Täter ihr Wissen über Gehirnwäsche also z.B. aus der Lektüre von Lifton haben könnten, so wie Huber andeutet, wie erklärt sich dann der Widerspruch, dass die „Programm-Personen“ von Kult-Aussteigern eben nicht nur temporäre Verhaltensänderungen zeigen, so wie es der Argumentation Robert Liftons entspräche, sondern sich ihr „Programm-typisches“ Verhalten immer wieder und auf Trigger abrufbar manifestiert? Das ist eine Frage, die unbeantwortet bleibt.

Eindeutig beantwortet Huber jedoch die Frage, wie Täter erreichen, dass das Opfer vergesse, was geschehen ist: „Indem sie einen ‚Ein‘- und einen ‚Aus-Knopf‘ installieren“, schreibt Huber unter anderem (vgl. S. 254). Wie das konkret möglich ist, das Erinnerungsvermögen eines menschlichen Gehirns derartig roboterhaft zu programmieren, auch diese Antwort bleibt Huber im Detail schuldig.

Angst vor Täterkontakt

Wie sieht es aus, wenn es zum berüchtigten „Täterkontakt“ kommt, wenn sogenannte „Programm-Personen“ vom Kult getriggert werden? Hierzu folgt erneut eine doppelseitige „Checkliste“, diesmal Indikatoren für fortgesetzte Misshandlung“ genannt (vgl. ebd. S. 259 f.): Grußbotschaften via WhatsApp, Telegram, Instragram, Snap Chat und Facebook werden aufgezählt, dazu – ganz altmodisch – Grußkarten oder Post mit Programm-Botschaften. In Geschenkpapier eingewickelte Dinge wie Kot und Kadaver (was irgendwie an den toten Fisch erinnert, den die italienische Mafia vor die Türe legen soll) sind auch möglich, oder es zum Beispiel „dreimal klingeln lassen“ (ebd. S. 252) – natürlich nicht zwei Mal, sonst könnte es der absolute Zyniker unter den Lesern mit dem Postmann verwechseln, der (zumindest im Film) zwei Mal klingelt.

Wie auch immer man dieser Checkliste gegenüber steht, ob man sie anzweifelt oder Wort für Wort für bare Münze nimmt – sie schürt unterm Strich nur eines, nämlich Angst: „Viele Professionelle fürchten, die Täter würden ihnen dasselbe antun wie den Opfern. Das ist jedoch in der Regel nicht so (…)“ (ebd. S. 257), beruhigt Huber die Leserschaft ihres Buches, die nun am Ende des Kapitels über rituelle Gewalt angelangt ist. Manchen Helfern werden „tote Tiere oder Teile davon vor die Tür [gelegt]“, schreibt sie weiter, aber „es gilt hier, sich nicht von den ‚geheimnisvollen‘ Drohungen abschrecken zu lassen“ (ebd. S. 258).

Schön und gut, dass Michaela Huber versucht, die (vermeintlichen) „Gefahren“ für die Therapeuten mit einer „wir schaffen das“-Mentalität darzustellen – aber was ist mit Traumaopfern, die ohnehin schon mit Angstzuständen und Panikattacken zu kämpfen haben? Natürlich bergen das Internet und Social Media Gefahren, allerdings kann es doch nicht zielführend sein, in einem Buch, das sich explizit auch an Betroffene richtet, Angst zu verstärken, wenn nicht sogar zu schüren?

Ein kleiner Nebensatz ist hierzu von besonderer Bedeutung: „(…) auch in vielen Helfernetzwerken und in den meisten Betroffenen-Chats und -Foren im Internet sind Täter anwesend“ (ebd. S. 260). Um es in aller Deutlichkeit zu wiederholen: „auch in vielen Helfernetzwerken“ steht hier schwarz auf weiß geschrieben.

Ist das also das Bild, was ein Fachbuch, das sich an Trauma-und PTBS-Betroffene wendet, vermitteln soll?: Unter den Helfern könnten Täter sein.

Was bleibt dann übrig, wenn professionellen Helfern nicht mehr vertraut werden soll? Wenn der Vertrauensvorschuss, den traumatisierte Menschen ohnehin kaum in der Lage sind zu geben, an Therapeuten, Kliniken, Therapien ins Wanken gerät (siehe u.a. Artikel Paranoia) ?

Das, was bleibt, lässt sich in den Worten der Schriftstellerin Lilly Linder wiedergeben:

Vertrauen. Ein Fehler, den ich nicht wieder begehe. Vertrauen ist russisches Roulette ohne Gewinner. Vertrauen ist ein mit Leichen bedecktes Kinderkarussell.“

Lindner, Lilly: Splitterfasernackt, 2011, S. 16

Sehr traurig, wenn diese Beschreibungen Lilly Lindners, einer Missbrauchs-Überlebenden, durch ein Trauma-Fachbuch einzementiert wird: Vertraue nichts und niemandem, auch nicht (oder schon gar nicht) den Helfern.

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4 Kommentare

  1. Ach je, vielen Dank für die Rezension. Wie kann sowas ernsthaft als „Fachbuch“ angesehen werden? Alleine schon die fehlenden Quellenangaben wären für mich ein K.O. Kriterium.

    Zwischendurch musste ich daran denken, dass es in dieser „Szene“ ein ständiges Übertrumpfen geben muss. Ein neues Licht am YouTube-Himmel erzählte so direkt von ungefähr 100 Persönlichkeitsanteilen. Bei jemand anderen sprach die Therapeutin gar von tausenden von Anteilen.

    In einer Heilpraktiker-Schule soll die Dozentin sich ebenso mit noch grausameren Dingen stets selbst übertroffen zu haben. Die Gräueltaten, die sie durchführen musste, waren angeblich jedes Mal schlimmer.

    Und um ein wenig zurück aufs Buch zu kommen. Berücksichtigt man all die genannten Merkmale, können Therapeutinnen und Therapeuten sich selbst nicht sicher sein, ob sie vielleicht selbst „programmiert“ sind.
    Ähnliche Listen stehen auch im Buch „Rituelle Gewalt – Das (un)heimliche unter uns“. Da kommt auch wieder die Verbindung zu den Kirchen, da das Buch von den Arbeitskreisen Rituelle Gewalt der Bistümer Münster, Essen und Osnabrück veröffentlicht wird.

    Besten Dank und viele Grüße!

  2. Hallo Sebastian, vielen Dank für deinen Kommentar.

    Ja, diese Listen als gefährliche „Anleitung“ zur Selbstdiagnose sind ein „recipe for disaster“, wie es Marvel Stella in einem eigenen Artikel (siehe: https://dissoziationen.de/2022/08/08/zugehoerigkeit-und-gruppendruck/? ) zum Ausdruck gebracht hat.

    Neben der von dir erwähnten Publikation (vielen Dank übrigens für den Hinweis! Die Querverbindung zur Kirche ist in diesem Zusammenhang ja wirklich bezeichnend…) finden sich diese Auflistungen auch bei Alison Miller (Jenseits des Vorstellbaren, 2014, Seite 55 f.) und gehen wohl schon auf die 1980er Jahre (Catherine Gould) zurück.

    Ohne jegliche Verifizierung werden diese Listen mit einigen Abwandlungen immer wieder repliziert… Eigentlich kann man da nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen…. oder besser: an der Aufklärung dran bleiben. 😉

    Viele Grüße
    Nora

  3. Jetzt noch den obligatorischen „Feiertagskalender“ zur Hand nehmen, ein paar einschlägige YT-Kanäle, Blogs und Foren abonnieren und man ist gut gerüstet für eine Zukunft voller Angst und Paranoia.
    Auf der Seite der professionellen Helfer:innen sieht es ebenso düster aus: Publikationen von Huber, Fliß, Breitenbach, Miller & Co., die ganz eindeutig das SRA-Narrativ immer weiter nähren, finden sich hierzulande in nahezu jeder Handbibliothek von Beratungsstellen und anderen sozialpädagogisch-therapeutischen Einrichtungen, die mit traumatisierten Klient:innen arbeiten.

  4. Du hast es gut auf den Punkt gebracht: „eine Zukunft voller Angst und Paranoia“.
    Ist leider echt so….

    Danke für deinen Kommentar!

    Liebe Grüße
    Nora

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