Michaela Hubers Bindung zu den Traumaopfern  

Diesen Artikel zu verfassen fällt mir schwer. Als ich mir vorgenommen habe, über das Thema »Die Beziehung zwischen der Psychotherapeutin Michaela Huber und den Traumaopfern« zu schreiben, ahnte ich nicht, dass ich damit nach all den Recherchen Probleme haben würde.

Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, möchte ich gerne mitteilen, was ich gegenwärtig an mir selbst beobachte, denn daran sieht man bereits, warum ich einen Konflikt in mir trage:

Seit ich vor einigen Tagen Michaela Hubers persönliche Schilderungen gelesen habe, in denen es um ihre eigene Trauma-Vergangenheit geht  (vgl. Huber, Michaela (Hrsg.): Viele sein. Ein Handbuch, 2011, S. 36 ff.), bemerke ich, wie ich eine Form von Nähe zu ihr entwickle.

Plötzlich sehe ich in ihr nicht mehr die Traumatherapeutin, sondern eine Betroffene, eine Gleichgesinnte, eine Schwester im Geiste, wie man so schön sagt. Ich sehe das kleine Mädchen vor mir, von dem berichtet wird und ich entwickle etwas, was wohl fast alle Traumaopfer kennen: Solidarität, Loyalität und eine Form von Helferdrang, der mir buchstäblich verbieten möchte, Frau Huber zu kritisieren.    

Gleichzeitig empfinde ich aber auch Ärger, weil ich mir sicher bin, dass Frau Huber als langjährige Therapeutin sehr genau weiß, was sie mit ihren überaus persönlichen Selbstoffenbarungen bei Traumaopfern – also nicht nur bei mir – auslöst. Ist das beabsichtigt?

Ich wende mich heute in einem offenen Brief an Frau Michaela Huber. Primär schreibe ich hier als Traumaopfer und als Dissoziationsbetroffene und ich hoffe, dass das auch genauso von ihr empfangen und entgegen genommen wird.   

Sehr geehrte Frau Huber,     

lassen Sie mich bitte versichern, dass ich nach dem Lesen Ihrer traumatischen Vergangenheit vieles verstehe, was mir zuvor unverständlich gewesen ist. Auch ahne ich nun, wieso Ihre Vita bis in die 1980/90er Jahre sehr lückenhaft verläuft, was mich lange Zeit irritierte, denn anders als bei allen anderen bekannten Therapeuten findet man bei Ihnen zum Beispiel keine genauen Angaben über die Studienzeit. Sie schreiben selbst:

„Erst musste ich viel lernen und viel verstehen und viel dafür tun, die Bindungsbrüche und die Gewalterfahrungen zu verarbeiten, bevor ich es Ende der 1980er Jahre wagen konnte, mich mit dem Schwerpunkt Traumatherapie niederzulassen.“  
– Quelle: Huber, Michaela (Hrsg.): Viele sein. Ein Handbuch, 2011, S. 39

Ich beginne nun also tatsächlich zu verstehen, was Sie antreibt, doch etwas zu verstehen und/oder etwas richtig zu finden, sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Das erste Buch, was ich von Ihnen vor ca. 10 Jahren gelesen habe, war »Multiple Persönlichkeiten – Überlebende extremer Gewalt; Ein Handbuch« aus dem Jahr 1995. Als ich es damals las, saß ich gerade an der Havel auf einer Wiese und die Sonne schien. Doch noch wärmer als die Sonne waren Ihre Empathie und Ihre Fähigkeit, den Missbrauchsopfern nur mit Worten die Hand zu reichen.

Mit all den Beschreibungen der satanischen Rituale konnte ich nicht viel anfangen, das habe ich damals auch großteils nur überflogen. Ihre Art jedoch, sich in multiple Menschen hinein zu fühlen, war bemerkenswert…

… dachte ich.

Ich denke es immer noch, jedoch habe ich nun erkannt, dass sich Ihre Einfühlungsgabe nur auf einen ganz bestimmten DIS-Personenkreis bezieht. Es ehrt mich als Multiple natürlich, wenn Sie so viel Positives in »uns« – womit ich all die Betroffenen meine –  sehen. Man vergleiche dazu auch Ihre Parabel, in der Sie beschreiben, wieviel Geduld man benötigt, bis verstörte Hunde – so Ihre Metapher – Vertrauen erlangen  (vgl. Huber, Michaela: Trauma und die Folgen Teil 1, 2020, S. 264).

Einen misshandelten Hund als Metapher einzusetzen, geht unter die Haut, denn wer liebt sie nicht, diese treuen und wunderbaren Geschöpfe. Aber ich glaube, hier erkennt man eine etwaige Einseitigkeit, mit der Sie Menschen, die an einer Dissoziativen Identitätsstörung leiden, zu betrachten scheinen.

Unter den Vielen gibt es eine große Vielfalt

Darf ich Sie fragen, ob Sie es je mit einem extrem aggressiven Hund zu tun gehabt haben, der deswegen so aggressiv ist, weil er zuvor ein Leben lang misshandelt worden ist? Ein wirklich aggressiver Hund hätte Ihre Freundin, von der Sie in dem Beispiel berichten, niemals in seine Nähe kommen lassen – und wenn, dann nur, um im passenden Augenblick zuzubeißen.

Um beim Menschen zu bleiben:

In Ihrer Praxis, in all den Mails, die Sie bekommen und im Austausch mit Betroffenen haben Sie es mit »verstörten« und zerbrochenen Opfern zu tun, die sich inbrünstig nach Liebe, Vertrauen und Geborgenheit sehnen. Es gibt aber auch andere DIS Betroffene, zum Beispiel diejenigen, die bei Kriminal-Psycholog:Innen wie Lydia Benecke landen.

Sie erwähnen in Ihrem Buch »Trauma und die Folgen« im Kapitel »Rituelle Gewalt« die Kindersoldaten in afrikanischen Ländern. Elisabeth Kaiser, eine Spezialistin für Traumata ehemaliger Kindersoldaten, schreibt zu diesem Thema:

„Viele haben, wie man sich das auch als Außenstehender so vorstellt, posttraumatische Belastungsstörungen. Je mehr traumatische Erlebnisse ein Mensch erlebt, umso wahrscheinlicher ist es, dass er eine psychiatrische Erkrankung entwickelt. Bei der posttraumatischen Belastungsstörung reicht es schon, dass ein Auslöser, wie der Geruch von Blut, das ganze Netzwerk an Traumata wieder aufleben lässt. Damit einher geht meist Übererregung, Aggressivität, Depressionen, irgendeine Form von Sucht und eine Reihe psychosomatischer Erkrankungen – auch Krebs. Mehr als ein Drittel (35%) der Kinder haben den Wunsch, nicht mehr leben zu müssen, viele davon haben einen ersten Suizidversuch bereits hinter sich.

Und dann gibt es noch einen Teil der Kinder, der scheinbar gar keine Symptome hat. Da haben wir jetzt entdeckt, dass es eine Aggressionsart gibt, die wir „appetitive Aggression“ nennen: je höher die ist, desto niedriger sind die Traumasymptome.“ 

Quelle: Kindersoldaten in Afrika

All diese Kinder haben dieselbe brutale, unvorstellbare Gewalt erlebt. Die einen werden sehr krank und benötigen Hilfe, weil sie sich quälen, die anderen aber entwickeln Lust daran, Menschen zu jagen und zu töten.

Ich möchte es noch mal hervorheben:

»Beide Gruppierungen – alle Kinder – haben dieselben Traumata erlebt und sind Opfer/Betroffene.«

Ich habe nun zwei Extreme beschrieben, die sehr weit auseinander liegen. Erwähnen muss man aber auch all jene, die sich in der Mitte befinden: Dissoziative Identitäten bzw. Traumaopfer, die zwar keine Straftäter werden, aber auch niemals vertrauen können, egal wie viel Wärme, Nähe und Geduld man investiert.

Darf ich Ihnen sagen, was für einen Eindruck ich habe? Ich hoffe, dass Sie diese Rückmeldung nicht einfach beiseite kehren, als handle es sich um Daten-Müll. Ich wünsche mir inständig, dass Sie darüber wenigstens mal versuchen, in einer ruhigen Minute nachzudenken.

Ich habe den Eindruck, dass wir Traumaopfer von Ihnen undifferenziert in Sippschaft genommen werden, selbst wenn es viele DIS-Betroffene gar nicht wollen. Wir werden auch in einem sehr engen Korsett zur Schau gestellt, gerade so, als seien wir alle gleichermaßen misshandelte Schoß-Tierchen aus einem Tierschutzverein, die voller Dankbarkeit reagieren, wenn man sie liebevoll an- und aufnimmt, wie ich bereits auf der Seite »Ein DIS System benötigt Hilfe« angedeutet habe.

Mit Ihrer undifferenzierten Betrachtung grenzen Sie einerseits sehr viele Betroffene aus, aber Sie überschreiten andererseits auch Grenzen, indem sie für alle gleichermaßen ein Bewertungssystem schaffen, ohne näher zu differenzieren.

Grenzüberschreitend!

Bei der kürzlich stattgefundenen Live-Jubiläumsveranstaltung (der Link zu dem im FB-Beitrag erwähnten Video wird derzeit überarbeitet) vermittelten Sie, dass Sie bei den Traumaopfern einen ganz besonderen Stein im Brett haben.

In der Tat gab es auch bei mir mal eine Zeit, in der ich Sie als eine ganz besondere Therapeutin wahrgenommen habe. Doch je mehr ich damit konfrontiert wurde, wie distanzlos Ihre Bindung zu den DIS-Betroffenen zu sein scheint, umso befremdlicher und grenzüberschreitender empfand ich Ihren sogenannten „Kampf“.

Von den bereits erwähnten Unterscheidungen abgesehen, trifft auch Birger Dulz eine wesentliche Typ-Unterscheidung bei den Betroffenen, die an einer DIS leiden, was ich bereits auf der Seite Dissoziative Identitätsstörung dargelegt habe:

Es gibt zwei Typen:[1]

  • Einmal diejenigen, bei denen laut Birger Dulz die hysterischen Züge sehr stark ausgeprägt sind. Dieser Typus ist sehr schwer von den »Pseudo-Multiplen« zu unterscheiden, denn sie sprechen oft in der »Wir Form« und tragen das Multiple mit einem gewissen Stolz vor sich her.
  • Zum anderen gibt es Betroffene mit überwiegend narzisstischen Anteilen, die die dissoziativen Symptome zu verbergen versuchen.

Sie, Frau Huber, scheinen es vorzugsweise mit dem 1. Typus zu tun zu haben, mit all den Menschen, die ihr »Wir«-Sein vor sich hertragen. Diese Menschen möchten sehr gerne gesehen und in ihrer Multiplizität wahrgenommen werden, entsprechend sind sie auch stolz darauf, von Ihnen eine sogenannte „DIS-Bühne“ zu bekommen.

Es gibt aber auch eine Menge DIS-Betroffene, denen ist das zu viel »Mama-Gehabe« – ich hoffe, dass ich so ehrlich sein darf. Sie können gerne von der „DIS-Elisabeth“ oder der „DIS-Martha“ die Freundin sein, aber Sie können nicht im Namen aller DIS-Betroffenen als Retterin und Fürsprecherin auftreten. Ich empfinde das als extrem unangenehm, aber ich habe wahrscheinlich nur ein »dickes Brett« vor dem Kopf, von dem Thorsten Becker schreibt – ein dickes Brett, was gebohrt werden muss.

Märtyrerin?

Zu Beginn beschrieb ich, wie emphatisch, sorgevoll und zugewandt ich Sie wahrgenommen hatte, als ich Ihr Buch damals an der Havel las. Im Laufe der Jahre fiel mir jedoch auf, dass Sie von den betroffenen tatsächlich als eine Art „Über-Mutti“ wahrgenommen werden.

Heute erst habe ich auf einer Facebook-Seite, auf der es um rituellen/satanischen Missbrauch geht, das Folgende durch Zufall gefunden:

„Ok, vielleicht klingt das kindisch. Aber, in den letzten Tagen hat Frau Michaela Huber hier gelikt. Das bedeutet mir tatsächlich was. Ich glaube ich Sie nicht vorstellen und wer kennt ihre Bücher, Vorträge nicht. Für mich ist Frau Huber ein Leuchtturm.

Quelle: Facebook

Sie antworteten:

„Ich bin sehr berührt über Ihre Worte. Gestern feierte ich mein 40 jähriges „Dienstjubiläum. Es wurde live von Auditorium übertragen und steht in Kürze dort dauerhaft kostenlos zur Verfügung. 40 Jahre Praxis, Forschung und Lehre, hieß die Veranstaltung. Dabei war immer mein wichtigstes Anliegen für die Betroffenen da zu sein, für diese Verbesserungen der Therapiemöglichkeiten und Lebensumstände zu erreichen. Seit gestern erreichen mich unzählige Mails von Betroffenen, die die Feierlichkeit u.a. mit Prof. Luise Reddemann, Dr. Arne Hofmann, PD Nijenhuis u.v..m gesehen haben. Mit diesen begründete ich die moderne Psychotraumatologie und wir waren die ersten, die in Europa erkannten, dass es multiple Persönlichkeiten gibt und was dies für die Betroffenen bedeutet. Ich bin dieses Jahr 70 geworden. Mein großes Ziel ist es politisch durchzusetzen, dass die Versorgung der Betroffenen deutlich verbessert wird. Obwohl ich tausende von Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter, Seelsorger, Coaches und Mitarbeiter in Forensiken, Kliniken und auch Verwaltungen weiter gebildet habe, ist es immer noch nicht genug. Immer noch treffen Betroffene auf Menschen, die die „DIS“ leugnen und oder therapeutisch den falschen Ansatz mit den Betroffenen suchen. Was zur Retraumatisierung führen kann und Betroffene so verängstigt, dass diese sich an keine weitere Therapie heran trauen. Sie sind mir wichtig. Jeder von Ihnen. Es ist schön, von FachkollegInnen geehrt zu werden. Ja, ich trage auch manchen Preis mit Stolz. Doch das, was mich wirklich berührt, sind Worte wie hier und die Mails oder Briefe von Betroffenen. Seien Sie sich sicher, auch wenn ich längst nicht mehr persönlich antworten kann und dies eine meiner MitarbeiterInnen übertragen habe. Ich bekomme a l l e Schreiben, Briefe, gebastelten Sachen vorgelegt. Ich sehe Sie alle. Keiner von Ihnen geht bei mir verloren. Jedes Wort, jede Zeile, jedes Bild uvm. trage ich tief im Herzen. Herzlichst Ihre Michaela Huber.“
– Quelle: Michaela Huber – FB Posting

Das erinnert mich an eine von vielen Passagen in dem kürzlich veröffentlichen Buch: »Trauma, Dissoziation und Inspiration; Michaela Huber zum 70. Geburtstag«, wo u.a. Thorsten Becker schreibt:

„Auf der gedanklichen Suche nach dem Kern dessen was Michaelas Tätigkeit so unique macht, fiel mir die so oft von ihr gehörte Aussage »dicke Bretter bohren« ein, die für mich so etwas wie eine Grundlinie ihres Handelns darstellt. Unermüdlich bemüht, Bedingung für traumatisierte Menschen nicht nur in Deutschland zu verändern, ist sie auf vielfältige Weise dabei, diese dicken Bretter vor den Köpfen vieler Helfer:innen Lobbyist:innen und Entscheidungsträger:innen zu bohren. Ihr Ziel, dabei ist es, Sichtweisen zu verändern und ein anderes Verständnis für Trauma und die Folgen zu entwickeln, insbesondere für diejenigen, die unter dissoziativen Störungen als Traumafolge leiden.

Quelle: Thorsten Becker: Trauma, Dissoziation und Inspiration; Michaela Huber zum 70. Geburtstag, 2022, S. 11

Dazu bezeichnet Thorsten Becker Sie im Vorwort als »mutige Kämpferin«.

Wenn ich all das lese, frage ich mich, ob Sie sich in einem Krieg gegen anderslautende Meinungen wähnen? Wenn ja, dann enttäuscht mich das erneut, denn ich habe Sie damals, als ich mit Ihrem Buch konfrontiert wurde, souveräner wahrgenommen.

Hat das, was Sie unternehmen, tatsächlich noch etwas mit professioneller Aufklärung, Information und Fortbildung zu tun? Kann es sein, Frau Huber, dass Sie sich selbst als Märtyrerin betrachten, die Tyrannei und Verfolgung auf sich nimmt, um sich für »die Guten« aufzuopfern – als eine moderne Jeanne d’Arc, die sich mutig dem „Scheiterhaufen“ der anderslautenden Meinungen entgegen stellt?

Nicht nur ich habe Fragen, auch die Betroffenen sehen in Ihren Bemühungen anscheinend so etwas wie einen »selbst auferlegtes Heldentum«. So heißt es auf der der Facebookseite über rituelle Gewalt im Weiteren:

Auszug aus dem Posting:

»Ich mag mir nicht vorstellen, wie viele Anfeindungen sie ausgesetzt waren, wie viele Kollegen von ihnen ihre Kompetenz abgesprochen haben. Danke, dass Sie trotzdem nicht aufgehört haben.«

Dazu kam passend auch ein Userkommentar:

„ich schließe mich gerne an. besonders finde ich auch, dass fr. huber versucht allen zu helfen und auf emails antwortet. das würden nicht viele tun. trotz anfeindungen setzt sie sich weiter für Leute wie uns ein 💗

Quelle: FB Posting

Und weiter:

Als Ihnen eine Betroffene zur Jubiläumsveranstaltung gratulierte und sich bei Ihnen und einigen Ihrer Kollegen bedankte, weil Sie sich für schwer traumatisierte Menschen einsetzen, antworteten Sie:

„Alleine bewirkt keiner etwas. Zusammen ist man stark!“
– Quelle FB-Kommentar, Michaela Huber

Und genau hier schließt sich wohl der Kreis.

Weiter oben beschrieb ich bereits, dass ich beim Lesen Ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit damit begonnen hatte, einen Helferdrang zu entwickeln. Trifft das auch auf all die anderen zu? Nehmen sich die Opfer selbst überhaupt noch als schützenswerte Traumaopfer wahr oder viel mehr als Komplizen und Verbündete, die bemüht sind, Sie, Frau Huber, zu schützen?

Um den Faden weiterzuspinnen: Könnte es vielleicht sein, dass das auch auf Ihre engsten Kollegen zutrifft? Wenn ja, kann es sein, dass die schützende Unterstützung, die Sie bekommen, mit jeder Kritik zunimmt, sodass niemals eine Reflexion der eigenen Handlung/en stattfinden kann? Ist es möglich, dass Sie sich von jedem kritischen Einwand in Ihrer kämpferischen Passion bestärkt und bestätigt fühlen?

Verstehen Sie mich nicht falsch, Frau Huber, ich hoffe sehr, dass ich mich irre. Meine Wahrnehmungen sind subjektiv, nicht feststehend und darum auch als Frage formuliert. Ich hoffe wirklich inständig, dass diese/meine Wahrnehmungen trügerisch sind.

Fähige und unfähige Therapeuten

Leider nehme ich bei Ihnen auch etwas wahr, was – wie mir scheint – einen sehr gravierenden Kunstfehler darstellen könnte. Sie selbst begründen Ihre Offenheit über Ihre traumatische Vergangenheit u.a. mit diesen Zeilen:

„Was ich mit dieser Geschichte sagen möchte, ist offensichtlich: Wenn wir TraumatherapeutInnen uns nicht „erkennbar machen“, dann bekommen wir kein Vertrauen von schwer verstörten und gequälten Lebewesen, und da sind misshandelte Menschen nicht anders als ein verstörter Hund. (…)
In jedem Fall öffnen sich Lebewesen, die von Menschen gequält sind, einem anderen Menschen nicht, ohne dass dieser Vorleistungen erbringt, in diesem Fall zulässt, sich „erspüren zu lassen“.“
– Quelle: Huber, Michaela: Trauma und die Folgen Teil 1, 2020, S. 264

Darin kommt sehr deutlich zum Ausdruck, dass Sie bemüht sind, eine Beziehung zu den Betroffenen aufzubauen. Ich frage mich, warum es Ihnen so wichtig ist, dass die Traumaopfer Ihnen vertrauen? All diese Menschen sind doch gar nicht Ihre eigenen Patienten?!

Gleichzeitig schreiben Sie, dass Therapeuten, die selbst behütet und unterstützt aufgewachsen sind, von den Betroffenen geschont und gemieden werden  (vgl. Huber, Michaela (Hrsg.): Viele sein. Ein Handbuch, 2011, S. 40 f.) Sie mutmaßen, dass diese Therapeuten, die eine geborgene und glückliche Kindheit hatten, vielleicht tatsächlich etwas zu weit weg sind von den Klienten. Sie halten es sogar für möglich, dass diese die Arbeit mit den Betroffenen zu anstrengend finden und mit den zahlreichen Gewaltschilderungen nicht klar kommen (vgl. ebd.).

Diese Aussagen veröffentlichen Sie nicht etwa in einem Fachbuch, was einzig nur für Psychotherapeuten gedacht ist, nein, Sie schreiben es für und an die Betroffenen.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie damit Misstrauen schüren?

Ich möchte auf keinen Fall Absicht unterstellen, aber es dürfte ein Fakt sein, dass Sie mit solchen Äußerungen ein sehr enges Netz weben, was dafür sorgt, dass die Hilfemöglichkeiten für Betroffene immer mehr eingegrenzt werden. Wäre ich eine der DIS-Betroffenen, die Ihnen vertraut, würde ich mir nämlich auf keinen Fall mehr Hilfe bei jemandem suchen, dem ich offensichtlich zu anstrengend sei und der nicht in der Lage wäre, irgendetwas von dem, was ich schildere, zu verstehen.

Das Problem ist nur: Das trifft aus Sicht derer, die Ihnen vertrauen, ab sofort auf jeden Therapeuten zu, der sich nicht mit einem wie auch immer gearteten Trauma den Patienten gegenüber outet, was wohl so gut wie alle Therapeuten umfasst, wenn sie ihren Patienten mit starken Identitätsstörungen ernsthaft und professionell helfen wollen.

Keine standardisierte, wissenschaftlich evaluierte Technik

Um zum Ende meines Briefes zu kommen, möchte ich noch etwas aus einem Fachbuch über Schulen und Methoden der Psychotherapie zitieren. Unter dem Absatz Psychodynamisch imaginative Traumatherapie (PITT) steht:

„Auch die im deutschen Sprachraum populäre Autorin und Psychotherapeutin Michaela Huber kann mit dem von ihr vertretenen Therapieansatz etwa hier eingeordnet werden, wobei es sich bei ihrer Methode nicht um eine standardisierte, wissenschaftlich evaluierte Technik handelt.“
– Quelle: Maier, Thomas: Traumatherapie. In: Psychotherapie Schulen und Methoden. Eine Orientierungshilfe für Theorie und Praxis, Falter Verlag, 2011, S. 444

Und damit schließt sich nicht nur der Kreis, sondern ab hier und heute ein ganzes Kapitel:

Ich möchte meine Zeit nicht mehr darin investieren, über Ihre Handlungen nachzudenken, denn inzwischen weiß ich viel mehr, als mir lieb ist. Ja, ich wünschte manchmal, ich würde noch an der Havel sitzen, neben mir mein Picknick und über mir die Sonne, die genauso wärmte wie Ihre Worte.

Ich wünschte, ich könnte Sie heute immer noch mit den Augen sehen, mit denen ich Sie bis September 2021 gesehen habe, denn das war deutlich angenehmer, als das, was ich jetzt zunehmend erlebe: Je mehr ich recherchiere bzw. recherchiert habe, desto mehr habe ich das Vertrauen in das gesamte Hilfesystem verloren.

Um mich selbst mache ich mir keine Sorgen, ich habe ein überaus stabiles Netzwerk aus Familie, Freunden, Hilfe, Ärzten und sogar einen Anwalt, der mir seit fast 8 Jahren zur Seite steht.

Ich sorge mich jedoch um all diejenigen, die auf das Trauma-Hilfesystem angewiesen sind und ihren Mund halten müssen, um nicht aus dem Rettungsboot raus geworfen zu werden. Ich sorge mich um diejenigen, die Angst vor Ächtung haben – Angst davor, plötzlich isoliert und stigmatisiert zu sein.

Das Netz, was Sie im Laufe der Jahre um einen bestimmten Betroffenen-Kreis herum gewoben haben, gibt genau diesen Menschen die gefühlte Macht, die Mittel und die Möglichkeit, den Daumen nach oben oder nach unten zu drehen und damit zu entscheiden, wer in der Öffentlichkeit als Opfer gelten darf und wer als Täter stigmatisiert wird.

Das ist Ihr Erbe, Frau Michaela Huber.

Ich bin mir nicht sicher, ob man darauf tatsächlich stolz sein kann. Nichts desto trotz wünsche ich Ihnen zu Ihrem Jubiläum und nachträglich zu Ihrem 70. Geburtstag nur das Beste und verbleibe mit freundlichen Grüßen,

Marvel Stella

[1] Dulz, Herpertz, Kernberg, Sachsse (Hrsg): Handbuch der Borderline-Störungen, S. 436

Weitere Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert