Offener Brief an die UBSKM

Sehr geehrter Betroffenenrat,

wir nehmen in diesem offenen Brief Bezug auf Ihr Statement zum Umgang mit ritueller Gewalt vom 03.07.2018. Siehe:

Zuerst einmal möchte ich mich als Initiatorin des offenen Briefes vorstellen:

Ich bin persönlich Betroffene einer Dissoziativen Identitätsstörung. Die Störung wurde bei mir das erste Mal 1995 in einem sehr langen Klinikaufenthalt und das zweite Mal 2008 festgestellt. Nebenberuflich war ich viele Jahre im psychosozialen Kontext tätig, wofür ich natürlich auch entsprechend ausgebildet war. Inzwischen bin ich schwerbehindert, unbefristet berentet und habe den Pflegegrad 3.
Trotzdem interessiere ich mich nach wie vor für die Belange der Opfer, so auch das allgemeine Geschehen im Sinne des Opferschutzes.
Meine Webpräsenz: https://dissoziationen.de

Auf meiner Webseite befasse ich mich mit dem Problem der Satanic Panic, die in den 80er Jahren in den USA ausgebrochen ist. Mir ist dieses Thema inzwischen eine Herzensangelegenheit geworden, denn wer sich ausführlich damit beschäftigt, wird sehr schnell damit konfrontiert, dass diese Verschwörung – die mittlerweile auch in unseren Breiten massiven Einzug gehalten hat – unschuldige Leben unwiderruflich ruiniert. Auch das Krankheitsbild, an dem ich leide, wird mit Narrativen überschwemmt, welche einzig dazu geeignet sind, Unglaubwürdigkeit zu erzeugen.

Bevor ich mit meinem Anliegen an Sie heran trete, benötigen wir allerdings einen gemeinsamen Nenner bei der Wahl der Begrifflichkeiten.

Wir sprechen alle gemeinsam von »ritueller Gewalt«.

Einig sollten wir uns darin sein, dass der Begriff im Ursprung 1980 von Lawrence Pazder geprägt wurde, der gemeinsam mit seiner Patientin und späteren Ehefrau Michelle Smith das Buch »Michelle Remembers« heraus gebracht hat, das inhaltlich den satanischen Missbrauch der Patientin behandelte. Dieser Inhalt stellte sich im Nachhinein als unwahr heraus, war jedoch der Beginn der sogenannten Satanic Panic Verschwörung in den Vereinigten Staaten.

Fazit:

Auch wenn der Begriff »rituelle Gewalt« in den letzten Jahren auf andere Straftaten ausgeweitet wurde, so geht es den Kritikern, genauso wie den meisten Betroffenen, so auch vielen Therapeuten, in der Darstellung primär um den Missbrauch in nationalen/internationalen satanischen Kulten. Es ist wichtig, diesen Kontext vor Augen zu behalten, denn sonst passiert, was seit Jahren praktiziert wird:

Während man satanischen Missbrauch meint,
spricht man von rituellem Missbrauch
und argumentiert auf Skepsis mit organisiertem Missbrauch!

Ich hoffe, das Dilemma wurde damit klar erörtert. Siehe dazu auch: rituell – satanisch.

Seit Jahren machen Kritiker, die mit Sicherheit nicht zum False Memory Verein gehören, deutlich, dass sie in keiner Weise an schweren Gewalttaten zweifeln. Zu den Kritikern gehört nicht nur die GWUP-Gesellschaft, in deren Wissenschaftsrat zahlreiche Fachexperten vertreten sind, sondern – neben vielen anderen – auch der Kriminalhauptkommissar Dirk Bosse, der aktiv gegen Kinderpornografie(-ringe) kämpft. Siehe Der schwere Kampf gegen Kinderpornographie.

Lassen Sie mich bitte zwei Fragen stellen, die mir beim Lesen ihres Statements kamen:

  • Ist es eigentlich ein Zufall gewesen, dass Sie von einer unendlichen Geschichte und der Unfähigkeit sprachen, an die rituelle Gewalt und an Betroffene zu glauben, kurz nachdem der GWUP Verein das Video Skepkon 2018 über die Satanic Panic veröffentlicht hat?
  • Ist es ein Zufall, dass Sie in genau jener Zeit diese Zeilen verfasst haben, als all die Betroffenen, die überzeugt sind, in satanischen Kulten missbraucht worden zu sein, einen emotionalen Beschwerde-Beitrag nach dem anderen absetzten?

Auf Ihr Statement aus dem Jahre 2018 wird noch heute von all den Betroffenen und Therapeuten hingewiesen, um zu beweisen, dass es den rituellen Missbrauch, sprich: den satanischen Missbrauch in groß angelegten Kulten tatsächlich gibt.

Natürlich bin ich in dem Zusammenhang daran interessiert, zu erfahren, wer 2018 im Betroffenenrat Mitglied war, deswegen habe ich diesbezüglich recherchiert, siehe PDF Datei: Mitglieder Betroffenenrat, Stand 2018. Ich gebe zu, dass mich das Ausmaß der Vernetzung und somit auch der Subjektivität erschreckt hat:

  • 2018 gehörte u.a. Hjördis E. Wirth zu den Mitgliedern des Betroffenenrats. Frau Hjördis E. Wirth unterstützt aktiv den Verein Lichtstrahlen Oldenburg e. V., deren Hauptgründerin die Nickis sind, die in mehreren Dokumentationen von ihrem erlebten rituellen (satanischen) Missbrauch in nationalen/internationalen Kulten sprachen. Außerdem administriert Frau Hjördis E. Wirth das dazugehörige Forum, was von den Nickis ins Leben gerufen wurde. Der Verein Lichtstrahlen-Oldenburg versteht sich als Selbsthilfeplattform für und von multiplen/stark dissoziierenden Menschen vor dem Hintergrund ritualisierter Gewalt. Und hiermit ist primär der satanische Missbrauch in internationalen Kulten gemeint, was ich deswegen so genau weiß, weil ich Mitglied in dem dazugehörigen Forum war.
  • Des Weiteren stellte ich fest, dass damals so wie heute Alex Stern Mitglied im Betroffenenrat ist, der sein Hauptanliegen darin sieht, über organisierte, aber auch rituelle Gewalt aufzuklären? Seine Master-Arbeit wurde zur Erlangung des akademischen Grades Master of Arts (M.A.) im Fach Erziehungswissenschaft verfasst. Inhalte der Arbeit sind unter anderem rituelle Gewalterfahrungen von Erwachsenen. Diese Masterarbeit ist für die Öffentlichkeit gesperrt, trotzdem ist es natürlich begrüßenswert, wenn sich jemand im Betroffenenrat konkret mit dem rituellen Missbrauch befasst. Schwierig wird es jedoch in dem Moment, wo man auch hier eine direkte Verbindung zu den oben benannten Kreisen fest stellen kann.

In Ihrem Statement verlinken Sie argumentativ das Infoportal über Rituelle Gewalt, für das Alex Stern Informationen aus seiner Masterarbeit zur Verfügung stellte. Dieses Infoportal allerdings ist ursprünglich auch – unter anderem – von den Nickis ins Leben gerufen worden.

Meines Erachtens wäre auch das in Ordnung, wieso soll man für die Seite keine Informationen zur Verfügung stellen. Jedoch haben wir hier dasselbe Problem, was ich auch in Ihrem Statement sehe: Sie wollen eine Form des rituellen Missbrauchs beweisen, den niemals jemand in Abrede stellte. Es geht den Kritikern einzig um den satanischen Missbrauch in groß angelegten Kulten, und dafür lassen sich weder in Ihrer Argumentation, noch auf dem Infoportal über Rituelle Gewalt Fallbeispiele finden.

Dass Sie Kenntnis über die rituelle (satanische) Gewalt haben, über die wir gemeinsam debattieren, steht außer Frage, immerhin sprach die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs – u.a. auch Alex Stern – am 07.11.2017 mit Expertinnen und Experten im vertraulichen Rahmen über sexualisierte Gewalt in rituellen und organisierten Gewaltstrukturen. Siehe Austausch zu rituell organisiertem Kindesmissbrauch.

Mit dabei waren – neben Alex Stern – Autoren, die in ihrer Fach-Literatur den satanisch-rituellen Missbrauch detailliert beschreiben und erklären. So auch satanische Kultverbrechen mit Opferungen, Programmierungen, Mind Control und Folterungen, die niemals – egal, wie viele Jahre die Kripo aktiv an den Untersuchungen beteiligt war – auch nur im Ansatz nachgewiesen werden konnten. Um einige aufzuzählen:

  • Michaela Huber, die in ihrem Buch »Multiple Persönlichkeiten« aus dem Jahr 1995 und der Neuauflage »Multiple Persönlichkeiten: Seelische Zersplitterung nach Gewalt« eine detaillierte Beschreibungen der satanischen Kult-Verbrechen veröffentlicht hat.
  • Adelheid Herrmann-Pfandt, die zusammen mit Claudia Fliß und anderen Autoren die Dokumentation »Rituelle Gewalt – das Unheimliche unter uns – Der Umgang mit ideologisch motivierten Straftaten aus multiprofessioneller Sicht vom 24. Juni 2010« publizierte. Darin geht es u.a. um den rituellen Missbrauch von Kindern – ein okkult-satanistisches Phänomen, was bereits 1998 für die Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ Thema war.  
  • Ursula Gast, die unter anderem an der »Umfragestudie zur satanistischen rituellen Gewalt« beteiligt war.
  • Sabine Weber, eine Betroffene, die überzeugt ist, jahrzehntelang in einem nationalen satanischen Kult missbraucht worden zu sein.
  • Claudia Igney veröffentlichte gemeinsam mit Claudia Fliß das Handbuch über Rituelle Gewalt, was u.a. den satanischen Missbrauch in Kulten behandelt. Sie ist außerdem Mitarbeiterin im Verein Vielfalt-info.de.

Um konkret zu den Inhalten des Treffens 2017 zurück zu kommen, möchte ich etwas von Prof. Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt zitieren:

In meinem Fach gibt es viele Zweifel an den Überlebenden-Berichten. Dabei sind physische und psychische Gewalt dieses Ausmaßes ja seit langem bekannt und belegt, z. B. aus den Konzentrationslagern. Nur der von den heutigen Betroffenen berichtete kultische Charakter der Folterungen ist relativ neu.

Quelle: Rituelle Gewalt aus religionswissenschaftlicher Perspektive

Verstehe ich das richtig, dass man im vertraulichen Rahmen die Gräueltaten aus den Konzentrationslagern, die millionenfach bewiesen wurden, mit einem satanisch-rituellen Missbrauch vergleicht, den man seit 40 Jahren kein einziges Mal belegen konnte? Und den Adelheid Herrmann-Pfandt »neu« nennt?

Auf der Seite liest man des Weiteren:

Fast alle Therapeutinnen und Therapeuten, die mit Betroffenen von ritueller Gewalt arbeiten, halten das, was Patientinnen und Patienten ihnen berichten für glaubhaft und erlebnisbasiert. Darum sei es wichtig, über das Thema zu informieren und auch über Täterstrategien zu sprechen.

Sprecherin: Dr. Brigitte Bosse

Ich möchte Sie und alle, die daran interessiert sind, Opfern zu helfen, fragen, wie man Täterstrategien festlegen möchte? An Hand von Opferbeschreibungen, die kriminaltechnisch niemals erfasst werden konnten, weil sich trotz intensiver Bemühungen nichts feststellen ließ?

Vielleicht sollte man in der Hinsicht eher die Kriminalpsychologin Lydia Benecke befragen, denn wenn sich jemand auf Grund seiner Arbeit mit Täterstrategien, Täterprofilen und Täterverhalten auskennt, dann sie. Aber sie wird stattdessen als täterhelfend gebrandmarkt, weil sie über die Satanic Panic aufzuklären versucht.

Ich finde all diese Abläufe und Vorgehensweisen bedauerlich, wenn nicht sogar erschreckend.

Es stellt sich die Frage, wie neutral und objektiv ein Betroffenenrat sein kann, wenn Mitglieder Seite an Seite eng mit Opfern zusammenarbeiten, die einen Missbrauch dokumentieren, der in der allseits beschriebenen Form noch niemals erfasst worden ist.

Um nicht falsch verstanden zu werden:

Die allerwenigsten Opfer können das beweisen, was ihnen zugefügt wurde. Darum geht es also ausdrücklich (!) nicht.

Es geht darum, dass die Existenz der nationalen und internationalen satanischen Kulte genauso wahr oder unwahr ist, wie die Entführung durch Außerirdische. Das meine ich durchaus sachlich erklärend, denn beides gilt im selben Ausmaß – trotz jahrzehntelanger weltweiter Untersuchungen – als nicht erwiesen.

Gewalt und Missbrauch sind sehr sensible Themen. Ich denke behaupten zu können, dass es kaum einer besser weiß, als ich. Umso wichtiger ist es, dass im Betroffenenrat neutrale Mitglieder arbeiten und dass Statements abgebeben werden, die nicht am Thema vorbei argumentieren.

Einer der Gründe, wieso ich diesen offenen Brief an Sie schreibe, ist, dass ich es als Affront empfinde, wenn den Kritikern – und somit auch mir – unterstellt wird, man würde grausame Gewalt leugnen, unter anderem, weil man sich diese nicht vorstellen könne.

Vielleicht sollte sich das Helfernetz erweitern, denn im Moment scheint die Vernetzung doch sehr klein gehalten und eng zu sein. Es tauchen bei diesen satanisch-rituellen Themen immer wieder dieselben Betroffenen, die selben Therapeuten, dieselben Vereine und dieselben Argumente auf.

Allerdings:

  • Wie viele Missbrauchsopfer gibt es in Deutschland?
  • Wie viele Menschen gibt es, die zutiefst schwere Traumatisierungen erlebt haben?
  • Wie viele kompetente Wissenschaftler und Therapeuten arbeiten in Deutschland?

Ich wünsche mir von Herzen, dass jedem Menschen geglaubt werden kann, wenn er missbraucht wurde. Der Opferschutz war mir mein ganzes Leben lang extrem wichtig. Auch politisch, denn ich komme aus der ehemaligen DDR. Was ich hier aber beobachte, hat mit Opferschutz schon lange nichts mehr zu tun. Nach außen hin wirken bestimmte Aktivitäten – und damit spreche ich alle an, die an der Debatte beteiligt sind – nur noch nach Rechthaberei und Glaubenskrieg. Mittendrin unsagbare Zerstörung!

Es geht letztendlich nicht darum, einem Menschen zu glauben oder nicht zu glauben. Es geht um die Notwendigkeit einer kontroversen nüchternen Debatte, es geht um Professionalität, um Objektivität, um Souveränität und darum, Emotionalitäten nicht »regieren« zu lassen.

Das ist mein Anspruch als Opfer an die Helfer und insbesondere an Sie.

Die UBSKM ist eine weisungsfreie Bundesbeauftragte, deren Amt im Jahr 2010 durch die Bundesregierung geschaffen worden ist. Organisatorisch ist die UBSKM beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend angesiedelt.

Damit haben Sie in Ihrer Außenwirkung eine enorme Glaubwürdigkeit und in Folge auch Verantwortung. Ich wünsche mir, dass Sie dieser durch Objektivität, die bei dem brisanten Thema unbedingt erforderlich ist, nachkommen.

Marvel Stella

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