Der schmale Grat zwischen Borderline & DIS

Interview zwischen Marvel Stella und Nora

Hallo Nora. Ich danke dir, dass du mit dem Gespräch einverstanden bist, obwohl du nicht weißt, in welche Richtung es geht. Ich möchte auch gar nicht so viel drumherum reden und gleich zur ersten Frage kommen:

Du hast offiziell mehrmals die Diagnose „Borderline Persönlichkeitsstörung“ bekommen. Betroffene mit dieser Krankheit gelten als sehr impulsiv und ambivalent. Trotzdem erlebe ich dich nun seit vielen Jahren als einen sehr kontrollierten Menschen. Obwohl wir beide eng befreundet sind und tagtäglich – oft rund um die Uhr – in Kontakt stehen, habe ich dich noch niemals impulsiv erlebt. Auch in deinen Beiträgen sehe ich einen überaus rationalen, teils sehr abgeklärten Menschen. Woran liegt das?

Nora antwortet:
Ich glaube, dass diese Impulsivität nicht auf alle Menschen mit Borderline Störung zutrifft. Ja, es ist in den Diagnosekriterien verankert, allerdings unterscheidet man ja auch zunehmend zwei Typen von Borderline. Für Laien wird das meist als „lautes“ und „leises“ Borderline beschrieben. Bei mir persönlich ist diese Selbstkontrolle so verinnerlicht, dass ich gar nicht solche impulsiven Ausbrüche habe, Stichwort Wutanfall, so wie man es in der Literatur über Borderline Betroffene immer liest. Das meiste ist wie durch einen Weichzeichner, es ist nicht roh.
Ambivalent im Sinne von schwankend bin ich jedoch schon, also manchmal was Einstellungen angeht oder auch mein Anpassen an das Gegenüber.

Diese Selbstkontrolle, von der du schreibst: Genau das ist eher untypisch beim Borderline-Syndrom. Wie äußert sich das bei dir? Was passiert zum Beispiel, wenn du bemüht bist, deine impulsiven Gefühle zu unterdrücken  bzw. zu kontrollieren? Kannst du diesen Moment in Worte fassen, damit der Leser das nachvollziehen kann?  

Nora antwortet:
Schwer zu sagen, denn es ist keine bewusste Kontrolle, in dem Sinne, dass ich mir überlegen würde, was ich sage. Nein, es sprudelt oft regelrecht aus mir raus, allerdings hab ich das Gefühl, es fehlt etwas.
Manchmal sind mir meine eigenen Gefühle fremd.
Diesen Moment in Worte fassen? … Gefühle sind da und dann plötzlich wieder weg, ohne dass ich sie „weggemacht“ hätte. Auf diese Selbstkontrolle hab ich keinen Zugriff, also es geschieht nicht bewusst.

Das würde mich nun wirklich interessieren. Was meinst du damit, dir sind deine eigenen Gefühle fremd?

Nora antwortet:
Insofern, als dass ich das Gefühl habe, nicht hundert Prozent dahinterstehen zu können. Manchmal weiß ich nicht, ob sie wahr sind – im Sinne von „echt“, oder ob sie mich vielleicht – entschuldige den Ausdruck – bescheißen wollen. Auf Gefühle kann ich mich nicht verlassen, eben weil sie mal stark da sind und dann wieder gar nicht, also in sich keine Konstanz haben.

Du zweifelst also die Gefühle an, die du hast? Bezieht sich das einzig auf deine Gefühle oder manchmal auch auf deine Gedanken und Einstellungen?

Nora antwortet:
In einer Therapieeinheit im vergangen Jahr hatte ich einmal zu meiner Therapeutin gesagt, dass ich zu jeder Meinung auch eine Gegenmeinung habe und dass das ein ganz grausliches Gefühl ist.
Abgesehen vom ganzen Bullshit-Bingo, was im Kopf abgeht (nicht gut genug zu sein, nicht liebenswert etc.) zweifle ich an mir. Einmal schrieb ich: „Ich hab kein Ich“, was  natürlich kein Fakt ist, aber ein Gefühl.
Mein Gefühl.

Das erinnert mich ein bisschen an unser Gespräch über die Entstehung deines Pseudonyms „Nora“. Ich plaudere mal kurz aus dem Nähkästchen und stelle dir daraufhin die nächste Frage. Wenn es dir zu persönlich wird, sagst du es mir bitte sehr offen, ja?

Du hast dir selbst einmal vor vielen Jahren den Namen „Nora“ gegeben. Nora hatte für dich laut deiner Beschreibung eine Bedeutung, unter dem Namen Nora konntest du vieles tun, denken, sagen, was dir mit deinem gebürtigen Namen nicht möglich war bzw. ist.

Vor kurzem haben wir beide besprochen, dass es Zeit wird, dem Namen Nora hier für die Webseite auch einen Familiennamen zu geben, woraufhin du dich für „Sillan“ entschieden hast. Das erzeugte leider ein Problem, womit wir beide nicht gerechnet hatten. Magst du es hier schildern?

Nora antwortet:
Ja. Nora aus dem Theaterstück von Henrik Ibsen: „Nora. Oder ein Puppenheim“. Ich habe mich lange Jahre unter diesem Pseudonym bewegt, wurde von Menschen so genannt, weil sie mich nur unter diesem Namen kannten, gar nicht ahnten, dass ich in Wahrheit anders heiße. Ich habe mich von „Nora“ distanziert, um nicht zu sagen, ein wenig abgeteilt.
Rückblickend erschreckt es mich, wie leicht das ging: ein bestimmtes Verhalten, bestimmte Tätigkeiten „auszulagern“.

 Als ich mir vor wenigen Tagen einen Nachnamen überlegte (in Anlehnung an eine Tiroler Kleinstadt, die mir gefällt), setzte ich diesen auch auf meinen Instagram Account und auf FB dazu und löschte aus meinem Insta alles, was mir zu „persönlich“ war: dass ich an einer Borderline Störung leide und dass mein Profilname „ich_ohne_ich“ war.

Also das, was – in meinem Gefühl – nicht zu Nora Sillan gehörte. Sie sollte tough sein, da passte ein großer Rest von mir nicht dazu, sie war eine Schablone, eine Hülle, die ich möglichst makellos ausfüllen wollte: ein neuer Mensch werden, zumindest in den sozialen Medien. Genauso leicht wie man Gefühle „wegmachen“ kann, versuchte ich mich selbst „wegzumachen“.

Der Vorschlag, Nora einen Nachnamen zu geben, kam ja von mir. Plötzlich musste ich feststellen, dass ich dich damit motiviert habe, eine neue Person zu kreieren. Das war so nicht gedacht. Mich schockierte der Automatismus bei dir. Kann es sein, dass dir dieses Vorgehen vertraut ist?  

Nora antwortet:
Ich weiß. Du warst schockiert, besser gesagt eher entsetzt. Und ich war in Folge entsetzt, eben weil du es warst. Erst im Anschluss, nachdem ich darüber nachgedacht hatte, war ich erschrocken über das, was ich getan hatte, über diese Nonchalance, die spielende Leichtigkeit, mit der sich eine „Nora Sillan“ erschaffen ließ.

Gestern sah ich ein YouTube Video von Yolanda Schlumpf, wo sie erklärt, dass in der Theorie der strukturellen Dissoziation davon ausgegangen wird, dass JEDE Traumafolgestörung mit einer strukturellen Dissoziation einhergeht, also einer unterschiedlich stark ausgeprägten Spaltung der Persönlichkeit (was mit ANP und EP erklärt wird).

Dieser Satz machte mir beim Hören ein wenig Angst: bei JEDER Traumafolgestörung, so sagte sie. Also ja dann auch bei Borderline. Ich weiß, dass ich mich nicht als Einheit fühle. Aber je mehr man sich auf eine Trennung konzentriert, sich hineinfallen lässt, desto mehr spürt man diese auch – bis man irgendwann darin ertrinkt.
In diese eine Richtung ist es so easy – aber das Gegenteil „sich wie eine Einheit zu fühlen“ klappt nicht.

Es fühlt sich gefährlich an: das Wissen um die Leichtigkeit, mit der man sich in so was verlieren kann und dass man Dinge, Meinungen, Ansichten aufsaugt wie ein Schwamm. Oder ein Staubsauger: ohne Filter alles „schluckt“, um etwas auszufüllen, was aber nie voll wird. Ich achte nun drauf, das bewusst nicht zu tun. Was unbewusst geschieht – daran möchte ich am liebsten gar nicht denken …

Du hast es sehr nachvollziehbar geschildert. Nur meine letzte Frage scheinst du – wie üblich mit Bravour – ausgeblendet zu haben. 😉 Ich schrieb, dass mich der Automatismus schockierte. Kann es sein, dass dir dieses Vorgehen vertraut ist?   

Nora antwortet:
Ja, das war wohl am Thema vorbei. Ein vertrautes Vorgehen …

Nun ja, die Grenze verschwimmt meiner Meinung nach zwischen einerseits einer „Person kreieren“ und andererseits sich an das Gegenüber extrem anzupassen. Eine Freundin von mir liebt die Formel 1 über alles und wenn sie über das Thema spricht, geht ihr Herz auf.
Nach wenigen Monaten intensiven Kontakts mit ihr begleitete ich sie begeistert auf die Rennstrecke, wartete stundenlang im Regen auf ein Autogramm von Sebastian Vettel (ihres Idols).
Ein Kamerateam interviewte meine Freundin und mich als „Superfans“ und auf die Journalistenfrage: „Wie lange werden Sie von dem Erlebnis zehren?“ antwortete ich im Brustton der Überzeugung „ein Leben lang“.
Keine Sekunde dachte ich damals dran, dass es die Gefühle, die Begeisterung, der Enthusiasmus meiner Freundin war, den ich mir zu eigen gemacht hatte. Dass es etwas Fremdes war und null mit mir zu tun hatte (ich persönlich mag gar keine Autos, die stur im Kreis fahren).

Vielleicht erklärt es dieses Beispiel? Ich wollte mir damals keine Person erschaffen, um Himmels Willen. Auch mit Nora Sillan nicht. Aber es ging so leicht: jemand anderes zu sein, wenn man ohnehin nicht weiß, wer man ist.

Oh ja, ich weiß sehr gut, was Du meinst. Oft genug habe ich fest gestellt, wie sehr du mich kopierst, um es mir – wie sich irgendwann herausgestellt hat – recht zu machen. Ich habe dich mal mit einem Chamäleon verglichen, das auf meinen Schultern sitzt und die Farbe meiner Stimmung übernimmt. Leider habe ich dieses Gefühl noch immer. Nach so vielen Jahren und obwohl ich so oft schon den Wunsch geäußert habe, du mögest ein bisschen bei DIR bleiben.  

Kann es sein, dass du dein Ich darin findest, dich mit anderen zu identifizieren?   

Nora antwortet:
Wenn ich mein „Ich“ auf diese Art finde, dann ist es aber nicht konstant, denn ist die Person weg, dann ist auch das „Ich“ weg – weil es ja nicht echt ist.
Wie könnte es das auch, wenn man etwas übernimmt frei nach dem Motto: „ein fremdes Ich zu haben ist besser als gar kein Ich“.
Ich kann aus dem fremden „Du“ mein „Ich“ machen und ich kann es auch leben und fühlen, allerdings nur eine bestimmte Zeit. Denn wenn das „Du“ des Gegenübers verschwindet, so nimmt es mein fremdes „Ich“ wieder mit. Das heißt, ich kann es zwar übernehmen, aber es mir nicht so sehr zu eigen machen, dass es mir für immer bleibt, wenn alles andere wegfällt. Ein Lückenfüller ist niemals mehr als ein Platzhalter für etwas, wofür er nicht bestimmt ist. Und aus einer Kopie wird niemals ein Original.

Aber Nora ist geblieben?

Nora antwortet:
Ja. Weil sie nichts Fremdes war, sondern ein Teil von mir geworden ist, so blöd das jetzt klingt. Ich möchte nicht über „Nora“ in der dritten Person als „sie“ sprechen, aber in der ersten Person kann ich es nicht. Sie ist nicht ich, aber sie gehört zu mir. Nora ist mit Situationen verknüpft, mit Erinnerungen – guten wie schlechten. Wenn das wegfiele, würd ich mehr verlieren, als nur mich selbst.

Ich glaube, an dieser Stelle können wir unser erstes Interview beenden. Ich würde gerne noch mit dir gemeinsam Revue passieren lassen – das Interview besprechen – das allerdings nur unter vier Augen.

Ich danke dir, Nora, für diese Offenheit. Ich weiß, wie schwer es dir fällt, über dich zu reden. Es ist heute das erste Mal gelungen, auf dieser Ebene gemeinsam über dein inkohärentes „Ich-Empfinden“ zu sprechen.  Ich glaube, an dieser Stelle wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen einer Borderline-Störung und einer Dissoziativen Identitätsstörung ist.

Auf der Seite, die sich konkret Dissoziative Identitätsstörung nennt, habe ich eine selbst erstellte Skizze eingefügt.

Diese Skizze zeigt auch noch einmal auf, wie eng beides verknüpft ist.

Ich bin mir sicher, dass sich viele Menschen in deinen Schilderungen wiederfinden. Nicht nur Betroffene mit einer Borderline Störung, sondern eben auch DIS-Betroffene. Während des Interviews erwähntest du Yolanda Schlumpf und ihre Meinung, dass jede Traumafolgestörung mit einer unterschiedlich stark ausgeprägten Spaltung der Persönlichkeit einhergeht. Obwohl ich ihren These allgemein sehr zwiegespalten gegenüber stehe, stimme ich ihr in diesem einen Punkt zu.

Danke liebe Nora für das Gespräch!

Marvel Stella

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