Wissenschaft auf Irrwegen

Ich weiß gar nicht, ob man das Thema, was ich nun aufgreife, Wissenschaft nennen kann. Ich würde es eher zu den Mythen zählen, die von fragwürdigen Experten und dubiosen Autoren in die Welt gesetzt wurden.

Die Rede ist davon, dass sich seit Jahrzehnten die Behauptungen verselbstständigt und verfestigt haben, Multiple Persönlichkeiten, sprich: Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung können je nach Personenanteil ihre Augenfarbe wechseln, haben unterschiedliche Schuhgrößen oder unterschiedliche Hautfarben.

Auch Michaela Huber hat in der Erstauflage 1995 “Multiple Persönlichkeiten – Überlebende extremer Gewalt“ und der zweiten Auflage 2010 “Multiple Persönlichkeiten: seelische Zersplitterung nach Gewalt” Seite 52 die These mit den unterschiedlichen Augenfarben verbreitet.  Hier zwei Auszüge dazu.

Der erste Auszug:

und der Zweite:

Es ist dringend nötig, weiter zu diesem Thema zu forschen…

schrieb sie bereits 1995 und wiederholte es 1:1 in der Neuauflage 2010.

Es forschen in der Tat sehr viele Fachexperten, und ich meine tatsächlich Fachexperten wie Kernberg, Sachsse und viele andere. Nichts dergleichen konnte je wissenschaftlich bewiesen werden.

Jahrelang, nein, jahrzehntelang richteten sich Therapeuten nach Büchern wie Sybil. Dumm nur, ich sag es mal so salopp, dass der gesamte Inhalt des Buches gefakt war, wie sich später heraus stellte. Siehe: Floras Erzählungen

Wenn ich die Schilderungen von Frau Michaela Huber betrachte, fühle ich mich sprichwörtlich wie bei Oma auf dem Schoß, wenn sie Geschichten erzählt. Was ist das für eine Wissenschaft, in der man unentwegt vom Hören/Sagen redet oder als Beweis vorlegt, was man selbst gesehen hat?

Wenn diese Schilderungen einzig in der Auflage 1995 wären, dann würde ich zu ihrem Gunsten sagen: Ok, damals war die Forschung einfach noch nicht so weit. Sie war halt eine der Pioniere im deutschsprachigen Raum.

Sie hat es aber 1:1 in der Neuauflage von 2010, also 15 Jahre später, erneut veröffentlicht, was mit Pioniergeist nicht mehr zu erklären ist!

Der Psychologe Hinderk Emrich von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) schreibt dazu:

Zu den Bremsern, die in dem neuen Kranheitsbild von Anfang an eher eine »Renaissance der Hysterie in neuem Gewand« sahen, gehört der Psychologe Hinderk Emrich von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Zwar mag auch Emrich nicht ausschließen, daß einige seiner Patienten das »Vollbild MPS« entwickelt hätten, doch:

»Die haben wir wahrscheinlich künstlich in diese Krankheit reingetrieben«,

resümiert der MHH-Professor. Die Angaben von Therapeuten, es gebe »multiple Patienten«, deren jeweilige Persönlichkeiten von »unterschiedlicher Haut- oder Augenfarbe« seien oder die gar »ein anderes Immunsystem« hätten, hält Emrich für »puren Hokuspokus«.

Quelle: Floras Erzählungen

Michaela Huber spricht immer wieder von wissenschaftlicher Literatur. Ich finde es in dem Zusammenhang erwähnenswert, wie sie auf das Thema “Dissoziative Identitätsstörung” gestoßen ist. Hier ein Auszug:

Zitat Seite 36: Multiple Persönlichkeiten: seelische Zersplitterung nach Gewalt

Ist das die Fachliteratur, von der sie so oft schreibt? Fakebücher wie Sybil, die einzig dem kommerziellen Interesse dienten?

Das Tragische ist, dass sich Frau Huber mit diesem Buch an Betroffene und auch Therapeut:Innen richtet. Ich zitiere:

Dies ist ein Handbuch für Betroffene und TherapeutInnen.

Zitat Seite 35: Multiple Persönlichkeiten: seelische Zersplitterung nach Gewalt

Viel zu viele Therapeut:Innen haben es wörtlich genommen und diese Literatur, in der auch die Verschwörung der Satanic Panic verbreitet wird, als Behandlungsrichtlinie gesehen.

Wir schreiben jetzt das Jahr 2022. Obwohl wissenschaftlich vielfach bewiesen werden konnte, dass es das Krankheitsbild der Dissoziativen Identitätsstörung gibt, zweifeln noch heute Therapeuten daran. Und das liegt ganz einfach an der Tatsache, dass sich viele andere Therapeuten krampfhaft an etwas festhalten, was in den 90ern – in den USA noch viel früher – verbreitet wurde und was man niemals beweisen konnte. Eher das Gegenteil.

Es ist nicht möglich, dass sich die Augenfarbe, die genetisch fest gelegt ist, ändert. Auch mir hat man bereits unterschiedliche Augenfarben nachgesagt, was aber einem Trugschluss geschuldet war. Um meine grüne Iris befindet sich ein blauer Kreis. Je nach Lichteinwirkung sind meine Augen rein optisch (also nicht tatsächlich) mal grasgrün und mal strahlendblau.

Wenn nun jemand argumentiert, dass ein Persönlichkeitsanteil erwiesenermaßen blind sein kann und der andere Anteil nicht…

=>> Ja, das stimmt! In dem Fall ist die Blindheit aber nicht auf eine körperliche Ursache zurückzuführen, sondern fällt unter den Begriff Konversionsstörung, früher bekannt als Hysterie.

Wir, die wir die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung haben, sind keine Aliens. Wir sind keine mystischen Wesen und wir sind nicht vom anderen Stern. Wir sind Menschen und genauso menschlich, wie alle anderen auch. Das ist mir vor allem deswegen so wichtig, weil ich mit Sorge beobachte, wie die Krankheit in einschlägigen Gruppen und Foren mystifiziert wird. Überall wird ein Michaela-Huber-Skript verbreitet.

Natürlich mag es den Selbstwert einiger Betroffener streicheln, wenn sie plötzlich als etwas ganz Besonderes betrachtet werden. Ich denke, es hat einen guten Grund, wieso kein Betroffener (nirgendwo!) vermittelt, wie eng die Dissoziative Identitätsstörung mit der Borderline Persönlichkeitsstörung und der Hysterie – später umgeändert in histrionische Persönlichkeitsstörung – zusammen hängt. Das nämlich ist nicht so schmeichelhaft. Der Begriff Hysterie – einst erschaffen und gefördert vom Patriarchat – wird nur noch als Beschimpfung verwendet und die Diagnose Borderline gilt bereits seit Jahrzehnten als leidvolles Stigma.

Wir, ich beziehe mich da mit ein, sind genauso besonders, wie alle anderen Menschen. Nichts macht uns wertvoller und interessanter. Wenn man aufhört, sich an Besonderheiten zu klammern, und damit meine ich in erster Linie auch Therapeuten, die meinen, sie hätten einen “besonderen Fall”, wird diese Krankheit Schritt für Schritt anerkannter.

Ich bin mir nicht sicher, wie andere Betroffene darüber denken. Ich auf jeden Fall bin sehr daran interessiert, dass meine Diagnose eines Tages ganz-normal wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.