Wenn Wahrheit Nebensache ist

Autorin: Nora

Manche Aussagen muss man in Ruhe wirken lassen, um sie in ihrer vollen Tragweite zu erfassen. Das nun folgende Zitat ist eines davon:

„Es ist nicht Aufgabe der Kommission, einzelne Geschichten im Detail auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen“.

(Quelle: siehe unten)

Woher stammt dieser Satz und in welchem Zusammenhang steht er, wessen Aufgabe ist diese Aufgabe also nicht?

Das Zitat entstammt dem Bilanzbericht 2019, den die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ auf ihrer Webseite veröffentlicht hat:

„Es ist nicht Aufgabe der Kommission, einzelne Geschichten im Detail auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. In ihrer Gesamtheit haben die Berichte der Betroffenen sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aber eine hohe Aussagekraft hinsichtlich des Erlebens und der Folgen für Betroffene sexuellen Missbrauchs. Sie zeigen den gesellschaftlichen und behördlichen Umgang mit derartigen Taten und mit den hiervon betroffenen Menschen auf. Auch können die Berichte in Bezug gesetzt werden zu bereits durch Forschung gewonnenem Wissen. Dies lässt es zu, aus den individuellen Erfahrungsgeschichten der Betroffenen allgemeine Einsichten und Empfehlungen abzuleiten.“
Bilanzbericht 2019 Band 1, S. 126

Nun könnte man einwerfen, das wäre doch bereits ein „alter Hut“, denn der vorliegende Bericht ist bereits drei Jahre alt. Jedoch wird er jetzt gerade aus dem sprichwörtlichen Hut (um nicht zu sagen: aus der Versenkung) hervorgeholt, wenn es darum geht, den Schwerpunkt zum Thema rituelle und organisierte Gewalt auf Twitter zu illustrieren. Denn der November 2022 steht beim Account der Aufarbeitungskommission im Zeichen der organisierten und rituellen Gewalt (Quelle: Tweet: 01.11.2022 um 08:00 AM).

Worum es bei Ritueller Gewalt genau geht wird gleich im Folgetweet erklärt, wenn zur (Schein)ideologie, die sich derartige Gruppierungen geben können, als Beispiel „satanistisch“ genannt wird (Quelle: Tweet am 01.11.2022 um 04:52 PM).

Warum wird „satanistisch“ gleich als Erstes aufgezählt?

„Sie brauchen keine Beweise“

Die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung scheint dieses Narrativ nicht nur in dem zitierten Social Media Posting zu unterstützen, sondern auch in ihren offiziellen Publikationen, was hiermit eindeutig gegen die etwaig aufkommende Hypothese einer simplen „Clickbait-Überschrift“ auf Twitter spricht: Im ausführlichen, mit bundespräsidialem Vorwort versehenen, kommissionellen „Bilanzbericht“ aus 2019 werden als Beispiele für rituelle Gewalt wiederum „sogenannte satanistische oder faschistische Ideologien“ angeführt (vgl. Bilanzbericht 2019 Band 1, S. 118).

Was tut die Aufarbeitungskommission im Konkreten? Nun neben der Abfassung von Berichten und Öffentlichkeitsarbeit ist eine ihrer Hauptaufgaben, Missbrauchsbetroffenen Gehör zu schenken, ihnen eine Plattform abseits von Justiz oder Therapie zu geben: „Wir glauben Ihnen. Sie brauchen keine Beweise“ (Tweet am 03.11.2022 um 01:36 AM) schreibt die Kommission auf ihrem Account, um auf das Angebot der anonymen, vertraulichen Anhörungen aufmerksam zu machen.

Ohne jeden Zweifel leistet die Aufarbeitungskommission extrem wichtige Arbeit, gerade auch in ihren jüngsten Veröffentlichungen zu Missbrauch im Sport, in Institutionen oder in der ehemaligen DDR und ist vielleicht für manche Betroffene die erste Möglichkeit in ihrem Leben, über den Missbrauch zu sprechen und Gehör zu finden.

Das Problem ist nur, dass von vielen gesammelten Einzelaussagen – die nach eigenen Angaben der Kommission ja nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden können – direkt auf eine Erfahrungs-Gesamtheit geschlossen wird: „In ihrer Gesamtheit haben die Berichte (…) eine hohe Aussagekraft hinsichtlich des Erlebens und der Folgen für Betroffene sexuellen Missbrauchs“ (a.a.O., S. 126)

Noch einmal zur Verdeutlichung, es geht um Aussagen, deren Wahrheitsgehalt nicht überprüft wird, denen in ihrer Gesamtheit eine hohe Aussagekraft zugeschrieben wird und die „in Bezug gesetzt werden zu bereits durch Forschung gewonnenem Wissen“ (a.a.O., S. 126). Das wird vor allem dann problematisch, wenn von diesen Erzählungen 1:1 abgeleitete Schlüsse von politischem Gewicht gezogen werden, wenn diese nicht wissenschaftlich untermauerbar sind, oder – wie weiter unten dargelegt wird – lediglich von einer in sich ziemlich geschlossenen Gruppe von Forschenden bestätigt werden (können).

Ableitbare Argumentationsketten?

Die Aufarbeitungskommission bemüht unter der Überschrift „Die Glaubensfrage“ eine altbekannte Argumentationslinie, wenn sie schreibt: „Es ist heute allgemein bekannt, dass es in Deutschland Kinder und Jugendliche gibt, die in ihrer Familie und im sozialen Nahfeld massiver Gewalt, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind, ohne dass das nähere Umfeld und die Hilfesysteme dies wahrnehmen.“ (Bilanzbericht 2019 Band 1, S. 126)

Völlig korrekt, das ist leider eine überaus schlimme Tatsache und soll in keinster Weise angezweifelt werden. Die Argumentationslinie der Kommission geht nun allerdings weiter, wenn sie den Zusammenhang zu Gewalttaten wie Terrornetzwerken zieht und schreibt: „Dass Täter und Täterinnen, wie von den Betroffenen beschrieben, zum Ausleben ihrer sexuellen Gewaltfantasien und zu deren Rechtfertigung eine für sie passende Weltanschauung oder Religion nutzbar machen, dürfte nicht außerhalb der Vorstellungskraft liegen.“ (ebd.)

Nein, natürlich liegt dies nicht außerhalb der Vorstellungskraft und auch die Existenz von (sexueller) Gewalt in Sekten, wie z.B. der Colonia Dignidad in den 1970er in Chile (ein Beispiel, was übrigens ziemlich oft herangezogen wird, um rituelle Gewalt allgemein zu untermauern) wird selbstverständlich ebenfalls von niemandem in Abrede gestellt.

Weiter in der Argumentationslinie der Kommission:

„Wie in jedem Fall frühkindlicher Gewalt und sexueller Missbrauchserfahrung kann es bei Betroffenen im Rahmen der Aufarbeitung des Erlebten zu Erinnerungsverzerrungen oder Fehlinterpretationen kommen. Trotzdem käme niemand auf die Idee, die Existenz derartiger Taten generell infrage zu stellen. Bei Betroffenen des sexuellen Missbrauchs in organisierten rituellen Strukturen kommen in der Regel manipulative und täuschende Verhaltensweisen durch die Täter und Täterinnen sowie Beeinträchtigungen durch erhebliche Traumafolgestörungen wie der Dissoziativen Identitätsstörung hinzu.“ (ebd.)
Bilanzbericht 2019 Band 1, S. 126

Was passiert hier also argumentativ? Es werden einige Prämissen genannt (dass es Missbrauch in Familien gibt, der unerkannt bleibt und dass Weltanschauungen zur Auslebung von Gewalt nutzbar gemacht werden), die als wahr gelten und in Folge eine Konklusion in den Raum gestellt, die aus diesen Prämissen ableitbar sein soll. Ist dies jedoch nun zwingend ein semantisch gültiges Argument? Nein. Doch das scheint bei der Kommission ohnehin nicht im Fokus zu stehen, bedenkt man ihre eingangs zitierte Aussage: „Es ist nicht Aufgabe der Kommission, einzelne Geschichten im Detail auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen“ (a.a.O., S. 126). Semantische Gültigkeit und Aussagenlogik hin oder her – darum scheint es (wie leider so oft bei der Satanic Panic) nicht zu gehen.

Ein Appell mit Nachdruck

Prägnanter als Kriminalpsychologin Lydia Benecke eine ähnliche Problematik auf den Punkt gebracht hat, wenn von der Existenz einer Gewaltform automatisch die Existenz einer anderen abgeleitet wird, könnte man es kaum ausdrücken:

(…) Inhaltlich folgt die Argumentation dieser Logik: Es gibt Lkws, Pkws, Motorräder, Schiffe, Boote, Geländewagen und Hubschrauber, also gibt es auch von Außerirdischen gebaute und genutzte Fluggeräte.“

siehe: Facebook-Posting von Lydia Benecke

Natürlich können die Erzählungen über rituelle Gewalt, die von Betroffenen an die Aufarbeitungskommission herangetragen werden, nicht so einfach von „Faktencheckern“ auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft werden, wie es bei typischen Fakenews-Themen geschieht. Es ist weitaus komplizierter, weil es hier um Menschen geht, die – in welcher Form auch immer – schwere Traumata erfahren haben.

Es kann lediglich ein Appell (allerdings mit Nachdruck) an Therapeuten und Institutionen sein, in Therapien und Beratungen vorsichtig zu agieren, eigene Meinungen, Gegenübertragungen, Projektionen o.ä. hinten anzustellen und penibel darauf zu achten, keine Suggestionen in den Raum zu stellen. Sollte eigentlich selbstverständlich sein, könnte man meinen. Ist es aber nicht, wie auch der Artikel über suggestive Beratung zeigt (vgl. Einreden einer Krankheit)

Dieser Appell geht ebenfalls an Trauma-Betroffene, sich nicht in Eigendiagnose anhand von z.B. Symptom-Checklisten selbst zu diagnostizieren – auch wenn die Verlockung groß ist, endlich eine „Erklärung“ für das eigene Leiden zu haben.

Und last but not least geht der Appell auch an die Forschung, sich kritisch mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Als Quelle zur Untermauerung der Rituelle-Gewalt-These wird im deutschsprachigen Raum u.a. die Studie von Nick et al. aus dem Jahr 2018 angeführt (siehe: Organisierte und rituelle Gewalt in Deutschland Kontexte der Gewalterfahrungen, psychischen Folgen und Versorgungssituation), die auf anonymen Befragungen Betroffener basiert, die in Folge quantitativ und qualitativ ausgewertet und in Beziehung zur einschlägigen Literatur gesetzt werden; wie immer übrigens zu Schriften der „bekannten Protagonisten“ wie Alison Miller, Gaby Breitenbach, Michaela Huber, Ursula Gast, Claudia Fliß, Claudia Igney, Ursula Fröhling u.a.

In der zitierten Studie nannten 48,5 % der Stichproben-Befragten bei der Täterzugehörigkeit „Satanismus“  bzw. „satanistische Kulte“ (vgl. ebd. S. 251 ff.)

„Ein hoher Prozentsatz (…) gibt zudem spezifische Formen von absichtsvoller dissoziativer Aufspaltung durch die Tätergruppierungen an (63.6 %). Dazu gehören bei mehr als der Hälfte absichtsvolle Aufspaltungen in innere Anteile, die im Sinne der jeweiligen Einsatzbereiche der Tätergruppierungen für bestimmte Funktionen oder Fertigkeiten trainiert wurden (85,4 %).“

Nick et al.: Organisierte und rituelle Gewalt in Deutschland Kontexte der Gewalterfahrungen, psychische Folgen und Versorgungssituation, 2018, S. 251

Dieses empirisch dargelegte Phänomen lässt sich mit der getätigten Auswahl (!) an zitierter Literatur wunderbar als Programmierung und Mind Control theoretisch untermauern. Doch bloß weil es in Literatur – u.a. in das wahrlich nicht unumstrittene Buch von Alison Miller – eingebettet werden kann, heißt dies automatisch, dass es als unumstößliches Faktum anerkannt werden soll?

Wanted: Zuständiger für Wahrheitsfindung gesucht

Das Forschungsteam des von der Aufarbeitungskommission finanzierten Studienprojekts hält klar fest, dass sich „das Anwenden wissenschaftlicher Kriterien in diesem Kontext als schwierig“ dargestellt hat, da sämtliche Befragungen Betroffener anonym durchgeführt worden sind: „Dies steht dem wissenschaftlichen Anspruch nach möglichst eindeutigen Belegen für die Glaubwürdigkeit der untersuchten Angaben im Wege“.  (Zusammenfassungen Forschungsprojekt organisierte rituelle Gewalt, S. 34)

Um es überspitzt zu formulieren: Niemand weiß, ob nicht eine einzige Person denselben Fragebogen 50 Mal ausgefüllt hat. Hiermit soll übrigens nichts unterstellt, sondern lediglich das in den Raum gestellt werden, was auch das Forschungsteam klar – und wissenschaftlich völlig korrekt – anspricht, dass „eine Mehrfachbeantwortung der Fragen durch Teilnehmende nicht ausgeschlossen werden konnte“ (ebd. S. 19).

Abgesehen von der Problematik, dass niemand wissen kann, wer die Fragebögen wirklich ausgefüllt hat, bleibt noch eine Frage offen:

Angenommen, ich stütze eine wissenschaftliche Forschungsarbeit fast ausschließlich auf die anonymen (!) Aussagen Selbstbetroffener über ihre Selbstbetroffenheit und werte diese dann nach allen Regeln der Kunst (sprich: empirischen Sozialwissenschaft) aus – was ergibt das dann?Hierbei sorgt ein Nebensatz wiederum etwas Klarheit: „Zur aktuellen Debatte um falsche Erinnerungen konnte die vorliegende Studie nicht beitragen (…)“ (ebd. S. 19).

Quod erat demonstrandum. Oder besser: Quod non erat demonstrandum, was eben nicht zu beweisen war.

Wenn ich zum Beispiel Flat-Earther, die davon überzeugt sind, die Erde wäre eine Scheibe, genau über diese Thematik befrage, was käme dann dabei heraus (abseits eines flachen Witzes über unseren bewiesenermaßen runden Planeten)? Ich könnte zum Beispiel anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse ihre Aussagen auswerten und würde wohl auch einige Werke finden, um die gewonnenen empirischen Erkenntnisse theoretisch einzubetten, allerdings in diesem Fall in keine seriöse – mit Betonung auf diesem Adjektiv – Wissenschaft.

Mein Vergleich hinkt. Oder doch nicht?! Es geht um die Einbettung von empirischen Forschungsergebnissen in den Stand der Wissenschaft, wo bestehende Theorien untermauert, neu gebildet oder widerlegt werden.

Hierzu kommt erneut das Beispiel von Mind Control in den Sinn, welche in den Büchern der meisten oben genannten Autoren als Faktum angenommen wird. Macht man nun eine quantitative Studie, die Fragen zur Selbstbetroffenheit hinsichtlich Mind Control und Programmierung beinhaltet, erhält man (natürlich) als Ergebnis, dass Betroffene das so erlebt haben und arbeitet dies in die vorhandene Literatur des sich immer wieder selbst-zitierenden Zirkels von Autoren ein, dann stellt sich allerdings eine entscheidende Frage:

Impliziert dieser Erkenntnisgewinn auch automatisch eine Wahrheitsfindung? Oder anders gefragt: Geht es vielleicht gar nicht darum?

Nein, es soll an dieser Stelle nicht in Anlehnung an den Radikalen Konstruktivismus argumentiert werden, dass es ohnehin nur konkurrierende subjektive Wahrheiten gebe. Es geht vielmehr darum, wie konkret mit Schilderungen von z.B. satanistischem Missbrauch seitens offizieller Stellen – wie die durch Bundestagsbeschluss eingerichtete Aufarbeitungskommission ja zweifelsohne ist –  umgegangen werden soll. Und wie eben nicht.

Um zum Anfang dieses Artikels zurückzukommen: Wessen Aufgabe ist es, wenn es nicht Aufgabe der Aufarbeitungskommission ist, die Wahrheit zu finden? Ist es vielleicht Aufgabe einer Therapie? Nicht unbedingt, folgt man Michaela Hubers Worten:

„Letztlich kommt es darauf an, was die KlientIn als ihre innere Wahrheit integrieren wird. Wenn es ihr nach der Integration ihrer Wahrheit besser geht, ist dies entscheidend – beratend und therapeutisch Tätige sind keine Staatsanwälte, sie werden gut daran tun, der Klientin ihre Wahrheit zu lassen und selbst eine Haltung der „empathischen Abstinenz“ einzunehmen.“

Huber, Michaela: Trauma und die Folgen, 2020, S. 40 f.

Wer bleibt dann noch übrig? Ja, richtig: Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft, kurz gesprochen das gesamte Justizsystem. Blöd nur, wenn das Funktionieren der Justiz seitens Betroffener oft angezweifelt und als täterloyal abgetan wird („Die stecken doch alle unter einer Decke“) oder seitens Fachpersonen als „durch die Medien systematisch indoktriniert“, wie es Alison Miller in ihrem (übrigens von den Studienautoren Nick et. al als Quelle zitierten) Buch tut (Miller, Alison: Jenseits des Vorstellbaren. Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind Control, 2014, S. 18).

Und danach? Wer oder was bleibt dann noch zur Wahrheitsfindung übrig, wenn in Augen der Menschen, die an der Satanic Panic festhalten, auch Gerichte oft ausscheiden?

Niemand.

Und genau das ist das Problem.

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