Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.
Michelle Remembers
Michelle Remembers ist ein 1980 veröffentlichtes Buch des kanadischen Psychiaters Lawrence Pazder und seiner damaligen Patientin Michelle Smith. Es gilt als eines der einflussreichsten Werke für die Entstehung und Verbreitung der späteren Satanic Panic und insbesondere der Vorstellung eines geheimen, organisierten satanisch-rituellen Missbrauchs (Satanic Ritual Abuse, SRA).
Smith befand sich Ende der 1970er-Jahre bei Pazder in psychiatrischer Behandlung. Während intensiver, über einen langen Zeitraum stattfindender Therapiesitzungen berichtete sie zunehmend von zuvor nicht verfügbaren Erinnerungen an angebliche Erlebnisse in ihrer Kindheit. Nach der Darstellung des Buches sei sie im Alter von fünf Jahren über Monate hinweg von einem satanistischen Kult misshandelt worden. Die Schilderungen umfassen Folter, sexuelle und rituelle Gewalt, Tier- und Menschenopfer sowie übernatürliche Erscheinungen. Pazder behandelte die während der Therapie entstandenen Berichte als Erinnerungen an tatsächlich stattgefundene Ereignisse.
Das Buch wurde international bekannt. Pazder trat anschließend als Experte für satanisch-rituellen Missbrauch auf und beriet unter anderem Strafverfolgungsbehörden. Begriffe, Motive und Vorstellungen aus Michelle Remembers fanden Eingang in die sich während der 1980er-Jahre ausbreitenden Berichte über satanistische Täterkulte.
Die historische Überprüfung der Geschichte ergab jedoch erhebliche Widersprüche. Journalistische Recherchen fanden keine Belege für die beschriebenen Ereignisse und stellten Angaben des Buches den rekonstruierbaren Lebensumständen Michelle Smiths gegenüber. Auch für den behaupteten satanistischen Kult und die geschilderten Verbrechen konnten keine unabhängigen Nachweise erbracht werden.
Michelle Remembers besitzt deshalb besondere Bedeutung für die Geschichte der Recovered-Memory-Bewegung. Das Buch erschien zu einer Zeit, in der sich die Vorstellung verbreitete, traumatische Kindheitserlebnisse könnten vollständig aus dem Bewusstsein verdrängt und Jahre oder Jahrzehnte später während einer Therapie wieder zugänglich gemacht werden. Später wurde intensiv darüber diskutiert, in welchem Ausmaß therapeutische Erwartungen, wiederholtes Befragen, Imagination und Suggestion die Entstehung subjektiv überzeugender, aber nicht notwendigerweise historisch zutreffender Erinnerungen beeinflussen können.
Auch die persönliche Beziehung zwischen den Autoren veränderte sich: Pazder und Smith ließen sich von ihren jeweiligen Ehepartnern scheiden und heirateten 1997.
Heute wird Michelle Remembers vor allem als ein Schlüsseldokument der Satanic Panic betrachtet. Seine Bedeutung liegt weniger darin, dass die darin geschilderten Ereignisse nachgewiesen worden wären, sondern darin, wie stark das Buch die spätere Vorstellung von geheimen satanistischen Kulten, rituellem Missbrauch und wiedergewonnenen Erinnerungen prägte.
