Transfer nach Europa

1990er Jahre

Auch in Europa tauchten ab Ende der 1980er vereinzelt ähnliche Gerüchte auf, verstärkt durch den Austausch mit US-Aktivisten und Therapeuten. In Großbritannien kam es 1989–1991 zu mehreren Fällen, in denen Sozialbehörden Kinder wegen behaupteter satanischer Rituale aus Familien nahmen (z. B. der Fall Rochdale 1990). Die britische Regierung beauftragte die Anthropologin Jean La Fontaine mit einer Untersuchung aller verdächtigen Vorgänge. Ihr Abschlussbericht 1994 (für das Innenministerium) untersuchte 84 mutmaßliche Fälle organisierten rituellen Missbrauchs – und fand in keinem einzigen stichhaltige Hinweise auf satanistische Ritualverbrechen. Lediglich in drei Fällen ergaben sich überhaupt Anhaltspunkte für irgendwie „rituelle“ Handlungen, doch auch diese betrafen keine sektenartigen Netzwerke.

La Fontaine stellte fest, dass vor allem Erwachsene – Therapeuten, Pflegemütter, Polizisten – die kindlichen Aussagen durch suggestives Fragen und Deuten geprägt hatten. Sie warnte, dass der Fokus auf Satanismus ein kulturelles Phänomen sei, das von realem sexuellem Kindesmissbrauch eher ablenke. Parallel kamen in den Niederlanden und Skandinavien ebenfalls Untersuchungsberichte heraus, die zu analogen Ergebnissen kamen (keine Beweise für geheime Satanskulte). Fachleute sprachen von einem Export der amerikanischen Ritualmissbrauchs-Legende nach Europa.

In Deutschland gab es in den 1990ern zwar keine vergleichbaren öffentlichen Gerichtsverfahren, doch die Idee des rituellen Missbrauchs fand in bestimmten Kreisen Verbreitung. Einen großen Anteil hatte die Psychotherapeutin Michaela Huber, die ab 1993 in Vorträgen und Büchern die „Rituelle Gewalt – Mind-Control (RG-MC)“-Theorie propagierte. Huber, eine anerkannte Trauma-Expertin und Mitbegründerin der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD), behauptete, viele ihrer Patientinnen mit DIS seien Opfer geheimer Kultnetzwerke. Sie schulte Hunderte von Fachkräften in diesem Konzept.

1996 erschien das Buch „Vater unser in der Hölle“ der Journalistin Ulla Fröhling, ein sogenannter Tatsachenbericht über „Angela“, die angeblich in einen satanistisch-faschistischen Familienkult hineingeboren und unvorstellbar grausam misshandelt wurde. Dieses Buch fand große mediale Beachtung und popularisierte die Vorstellung ritueller Gewalt in Deutschland wesentlich. 2001 strahlte die ARD die Dokumentation „Höllenleben“ aus, gefolgt vom Tatort „Abschaum“, was das Thema weiter ins öffentliche Bewusstsein rückte.

Seit den 2000er-Jahren bildeten sich im deutschsprachigen Raum Netzwerke von Therapeut:innen, Berater:innen und Betroffenen, die an rituelle Gewalt glauben. Es entstanden Selbsthilfegruppen und private „Info-Portale“ zum Thema. Unterstützung kam teils auch aus kirchlichen Kreisen – etwa Arbeitskreise in katholischen Bistümern (z. B. Münster), wo man Berichte über angebliche Satanskulte sammelte. Gleichzeitig begannen Sektenberatungsstellen und Skeptiker-Organisationen, die Behauptungen kritisch zu hinterfragen.

So stellte z. B. 1998 der Bundestags-Enquetebericht zu „Sekten und Psychogruppen“ fest, dass extreme Schilderungen ritueller Gewalt häufig durch Therapeuten beeinflusst und nicht unabhängig überprüfbar seien. Die Polizei in NRW führte 1994/95 eine Sonderauswertung „Okkultismus/Satanismus“ durch: Ergebnis war, dass keiner der beschriebenen rituellen Missbrauchsfälle polizeilich bestätigt werden konnte.

In einem exemplarischen Fall wurde ein Mädchen, das wiederholt von Entführungen durch einen Satanistenzirkel berichtete, zeitweise rund um die Uhr observiert – als sie erneut von einer Entführung erzählte, obwohl die Polizei nichts Auffälliges festgestellt hatte, wurde das Verfahren mangels Beweisen eingestellt. Anhänger der Kult-Verschwörung interpretieren das Ausbleiben von Spuren jedoch oft um: Entweder seien die Behörden selbst Teil der Verschwörung, oder die Sekten so mächtig und furchteinflößend, dass niemand auspacke. Aus sozialpsychologischer Sicht gilt eine derartig absolut dichte Verschwörung aber als höchst unwahrscheinlich – je größer und grausamer eine geheime Gruppe, desto instabiler wäre sie und desto eher gäbe es Lecks. Dennoch hält sich der Glaube in gewissen Kreisen bis heute.

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