Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.

Der aufgestörte Blick (1997)
Eine historische Quellenlektüre
| Einleitung: Das Buch „Der aufgestörte Blick“ dokumentiert einen Kongress aus den 1990er Jahren und gehört zu den frühen deutschsprachigen Quellen zum Themenkomplex Multipler Persönlichkeit, ritueller Gewalt und satanischer Kulte. Im Folgenden möchten wir einige Passagen näher betrachten. Nicht mit dem Anspruch, das Buch vollständig zu besprechen, sondern um historische Entwicklungen sichtbar zu machen und sie aus heutiger Sicht einzuordnen. |
Änderung der Begriffe
In einem überarbeiteten und autorisierten Protokoll der Arbeitsgruppe „Ritueller Mißbrauch und satanische Kulte“ beschreibt Michaela Huber, dass der in den USA gebräuchliche Begriff „Satanic Ritual Abuse“ später in „Sadistic Ritual Abuse“ geändert worden sei (Huber, in: Der aufgestörte Blick, 1997, S. 161–162).
Diese Passage ist aus heutiger Sicht besonders interessant. Denn hier wird nicht nur ein neuer Begriff verwendet – die Quelle erklärt auch, warum dieser Begriff eingeführt wurde. (siehe Galerie im Anschluss: Seite 313) Solche direkten Begründungen findet man später nur noch selten.
Auch in den folgenden Jahren änderte sich die verwendete Terminologie mehrfach. Auf Begriffe wie „sadistisch“ folgten zunehmend Bezeichnungen wie „rituell“ oder „rituell organisierter Missbrauch“.
Ebenso änderten sich die Begriffe im Laufe der Zeit in anderen Bereichen. Aus „Programmierung“ wurde später häufiger „Mind Control“, heute ist oft von „Konditionierung“ die Rede. Ob diese Veränderungen denselben Hintergrund hatten wie der dokumentierte Wechsel von „satanisch“ zu „sadistisch“, lässt sich anhand der uns vorliegenden Quellen derzeit nicht beantworten. Auffällig ist jedoch, dass die verwendeten Begriffe im Laufe der Jahre immer allgemeiner und gesellschaftlich akzeptierter wirken.
Politische und feministische Zielsetzungen
Die Podiumsdiskussion vermittelt nicht nur Einblicke in fachliche Fragen, sondern auch in das politische Selbstverständnis der Beteiligten. Mehrfach wird deutlich, dass der Kongress über therapeutische Fragestellungen hinaus auch als gesellschafts- und frauenpolitisches Projekt verstanden wurde. So bezeichnet Michaela Huber die Veranstaltung ausdrücklich als „einen feministischen Kongreß“ (Huber 1997, S. 313). An anderer Stelle wird gefordert, dass Betroffene künftig gemeinsam mit Fachleuten Strategien entwickeln sollen (Wildwasser Bielefeld e. V. (Hrsg.) 1997, S. 323).
Betroffene als Expertinnen
In der Podiumsdiskussion wird mehrfach betont, dass Betroffene künftig nicht mehr nur ihre Erfahrungen schildern, sondern gemeinsam mit Fachleuten Strategien entwickeln und diese sogar „belehren“ sollen (Wildwasser Bielefeld e. V. (Hrsg.) 1997, S. 323).
Diese Passage ist durchaus interessant. Sie dokumentiert ein Rollenverständnis, das über die klassische Beteiligung von Betroffenen hinausgeht. Die Diskussion richtet sich ausdrücklich auf eine aktive Mitgestaltung fachlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen.
Dass diese Überlegungen nicht folgenlos blieben, lässt sich heute anhand öffentlich zugänglicher Quellen nachvollziehen. Einige der Betroffenen, die bereits seit den frühen Jahren des Diskurses aktiv waren, übernahmen später Funktionen in offiziellen Betroffenenvertretungen, darunter auch in Landesbetroffenenräten. Auf diese Entwicklung und ihre Bedeutung für die heutige Diskussion sind wir bereits ausführlich in einem gesonderten Beitrag eingegangen. → Der Landesbetroffenenrat RLP und rituelle Gewalt
Die Podiumsdiskussion erhält dadurch eine zusätzliche historische Bedeutung. Sie dokumentiert nicht nur den damaligen Diskurs, sondern macht zugleich sichtbar, welche Vorstellungen von der Rolle Betroffener bereits Mitte der 1990er Jahre entwickelt wurden.
Der Blick auf Kritiker
Ein weiterer aufschlussreicher Abschnitt der Podiumsdiskussion betrifft den Umgang mit Kritik. Michaela Huber beschreibt die damalige öffentliche Debatte als wenig sachlich und grenzt sich deutlich von den Kritikern der Multiple-Persönlichkeits- und False-Memory-Debatte ab. Dabei verwendet sie unter anderem folgende Formulierungen:
„Was mich aber ärgert, ist, daß diese Mißbrauch-des-Mißbrauchs-Leute oder False-memory-Leute ständig Argumente wiederholen, die offensichtlicher Unsinn sind oder die sich auf extreme Sondersituationen beziehen, die verallgemeinert werden. Und diese Argumente werden wiederholt, als würden sie dadurch wahrer. Wir können soviel Forschung vorweisen, wir können soviel therapeutische Erfahrung vorweisen, die Betroffenen gehen an die Öffentlichkeit – und trotzdem stellt sich jemand einfach hin und sagt: das gibt es nicht. Das ist immer wieder so, als würden Astronomen damit konfrontiert, daß jemand sagt: und ich behaupte, die Erde ist doch eine Scheibe. Das ist das, was mich wahnsinnig macht zwischendurch – wir haben es ja nicht mit einer intelligent geführten Gegendebatte zu tun, sondern mit einer äußerst primitiv geführten, einer täteridentifizierten Gegendebatte. Da müssen wir auch klar Roß und Reiter benennen, sagen – was sind das für Leute? Wo gehören die hin? Wie sind die vernetzt? Das finde ich sehr wichtig für uns – ganz handfest, ganz konkret zu arbeiten.“ (Wildwasser Bielefeld e. V. (Hrsg.), Huber 1997, S. 313)
Historisch interessant ist diese Passage vor allem deshalb, weil sie zeigt, wie Kritik bereits Mitte der 1990er Jahre eingeordnet wurde. Kritische Stimmen werden nicht als Teil eines wissenschaftlichen Diskurses beschrieben, sondern überwiegend als unsachlich oder delegitimierend dargestellt. Die Quelle dokumentiert damit den damaligen Umgang mit – unter anderem auch fachlicher – Gegenposition.
Ergänzt wird diese zeitgenössische Quelle durch den Fachaufsatz von Tanja Schmidt (1997), die bei Wildwasser Berlin tätig war und den MPS-Kongress 1994 selbst besuchte. Ihre Schilderungen ermöglichen einen seltenen Vergleich zwischen der offiziellen Kongressdokumentation und der zeitnahen Beobachtung einer unmittelbar beteiligten Fachperson.
BPS und MPS
Bereits Mitte der 1990er Jahre wurde innerhalb der Fachwelt diskutiert, wie sich Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) und Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) voneinander abgrenzen lassen. Eva Kaffanke weist darauf hin, dass die diagnostische Trennung in der Fachliteratur als „äußerst schwierig“ beschrieben wurde und zahlreiche symptomatische Überschneidungen bestehen. Sie verweist unter anderem auf die Frage, ob Multiple Persönlichkeiten und Borderline-Syndrom nicht eng miteinander verbunden seien und ob die bestehenden diagnostischen Kategorien ausreichend trennscharf seien (Kaffanke 1997, S. 212–213).
Diese Passage zeigt, dass die Diskussion über das Verhältnis beider Diagnosen keineswegs neu ist. Bereits damals wurden Überschneidungen beschrieben und diagnostische Abgrenzungen kritisch hinterfragt.
Auch gegenwärtig ist diese Frage wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. In der Fachliteratur wird unter anderem diskutiert, ob dissoziative Identitätsstörungen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen gemeinsame psychopathologische Grundlagen besitzen oder teilweise überlappende Störungsbilder darstellen. Vertreter unterschiedlicher theoretischer Schulen kommen dabei zu unterschiedlichen Bewertungen.
Unabhängig von dieser wissenschaftlichen Debatte fällt auf, dass sich viele Betroffene heute deutlich von einer Borderline-Diagnose abgrenzen. Gerade vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass die diagnostische Nähe beider Störungsbilder bereits Mitte der 1990er Jahre Gegenstand fachlicher Diskussionen war.
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Die damalige Diskussion war übrigens kein Einzelfall. Bereits zwei Jahre später erschien ein Fachaufsatz, der sich ebenfalls mit den Überschneidungen zwischen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Multipler Persönlichkeitsstörung befasste. Eine ausführliche Einordnung findet sich hier: → MPS als Subtyp von BPS? – Ein Fachartikel aus dem Jahr 1996.
MPS zwischen Diagnose und politischer Symbolik
Ein weiterer Beitrag stammt von Ruth Großmaß. Anders als viele der übrigen Autorinnen nähert sie sich der Debatte aus einer deutlich kritischeren Perspektive. Dabei hinterfragt sie nicht nur therapeutische Konzepte, sondern auch die politische Aufladung des Themas.
Großmaß beschreibt, dass die Multiple Persönlichkeitsstörung innerhalb des feministischen Diskurses ihrer Zeit zunehmend mehr gewesen sei als eine psychiatrische Diagnose. Nach ihrer Darstellung sei sie zugleich zu einem Symbol geworden, an dem sich grundlegende Fragen von Gewalt, Weiblichkeit, Identität und feministischer Politik bündelten. Gleichzeitig kritisiert sie, dass fachliche Kontroversen dadurch zunehmend von politischen Auseinandersetzungen überlagert würden (Größmaß 1997, S. 278).
Aus heutiger Sicht ist dieser Abschnitt vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie einen Erklärungsansatz liefert, der zahlreiche andere Beiträge des Kongressbandes miteinander verbindet. Während an verschiedenen Stellen bereits politische Zielsetzungen, feministische Selbstverständnisse und die neue Rolle der Betroffenen beschrieben werden, macht Großmaß ausdrücklich darauf aufmerksam, dass die Diagnose selbst längst Teil einer größeren gesellschaftspolitischen Debatte geworden war.
Zusammenfassung
Betrachtet man die Beiträge dieses Kongressbandes im Zusammenhang, entsteht ein bemerkenswertes Gesamtbild. Die verschiedenen Autorinnen setzen unterschiedliche Schwerpunkte, zeichnen jedoch in wesentlichen Punkten ein ähnliches Bild:
- Der Kongress wird ausdrücklich als gesellschafts- und frauenpolitisches Projekt beschrieben.
- Michaela Huber bezeichnet die Veranstaltung als einen „feministischen Kongreß“ (Huber 1997, S. 313).
- Betroffene sollen nicht nur über ihre Erfahrungen berichten, sondern künftig als Expertinnen auftreten, Fachleute beraten und gesellschaftliche Entwicklungen mitgestalten (Wildwasser Bielefeld e. V. (Hrsg.) 1997, S. 323).
- Kritik an den vertretenen Positionen wird teilweise nicht als fachlicher Diskurs verstanden, sondern in deutlicher Abgrenzung zu den Gegnern formuliert (Huber 1997, S. 313).
- Mehrere Beiträge befassen sich mit der schwierigen diagnostischen Abgrenzung zwischen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Multipler Persönlichkeitsstörung (Kaffanke 1997, S. 212–213).
- Ruth Großmaß beschreibt MPS nicht nur als psychiatrische Diagnose, sondern zugleich als Chiffre für Weiblichkeit, sexuelle Gewalt und gesellschaftliche Identität.
Gerade diese Kombination macht den Band heute zu einer historisch aufschlussreichen Quelle. Er dokumentiert nicht nur den damaligen Wissensstand, sondern auch das Selbstverständnis, die Zielsetzungen und die theoretischen Leitideen, mit denen der Diskurs Mitte der 1990er Jahre geführt wurde.






