Update: Aufklärung RG&MC in Österreich

Gastbeitrag

Seit der Veröffentlichung unseres ersten Artikels zur Situation in Österreich vor rund zweieinhalb Jahren hat sich in der Aufklärung über das Narrativ von ritueller Gewalt und Mind Control einiges getan.

Bundesstelle für Sektenfragen & Parlamentssausschuss

Die Webseite ‚gewaltinfo.at‘ ist als offizielle Plattform zur Gewaltprävention beim Bundeskanzleramt angesiedelt. Dort wird die Broschüre von Kai Funkschmidt verlinkt. Damit dokumentiert die Seite eine klare Distanzierung vom Narrativ.

Ebenfalls unter Aufsicht des Bundeskanzleramts steht die Bundesstelle für Sektenfragen. Sie wurde 1998 per Bundesgesetz als weisungsfreie und selbstständige Anstalt öffentlichen Rechts eingerichtet.

Die Bundesstelle für Sektenfragen widmet sich dem Thema rituelle Gewalt, Falscherinnerungen und Mind Control ausführlich in ihrem Tätigkeitsbericht 2025 (S. 106 -111). Der Bericht wird über das Familienministerium dem Parlament vorgelegt und ist dort öffentlich abrufbar.  Die Behandlung im Ausschuss für Familie und Jugend steht (Stand Sommer 2026) noch aus.

Inhalt des Berichts

Was sind die zentralen Punkte des Berichts?

Die Bundesstelle betont die Relevanz des Themas wie folgt: „(…) da sich hier die Verbreitung eines Verschwörungsnarrativs, individuelle Vulnerabilität und professionelle Autorität überschneiden und damit potenziell zu eine Verfestigung problematischer Behandlungsverläufe beitragen und sohin maßgebliche Gefährdungen darstellen können.“ Die Sektenaufklärungsstelle warnt diesbezüglich vor Risikodynamiken in der Psychotherapie, suggestiven Verfahren, Scheinerinnerungen,  problematischen diagnostischen Zuschreibungen sowie in Folge einer Verschlechterung der Symptomatik (Bericht, S. 108f).

Nach einem Überblick über die Situation in Deutschland und der Schweiz richtet der Bericht den Fokus auf Österreich (vgl. S. 109). Dabei beschreibt er einen auffälligen strukturellen Widerspruch: Einerseits seien problematische Behandlungsverläufe kaum öffentlich dokumentiert. Andererseits sei das Narrativ im psychosozialen Bereich durchaus präsent und anschlussfähig (S. 109).

Durch Erhebungen und Befragungen versucht die Bundesstelle, die tatsächliche Verbreitung des Narrativs einzuschätzen. Auf Fachfortbildungen spielt es fallbezogen weiterhin eine Rolle. Der Umgang damit führt laut Bericht teilweise zu Unsicherheit bei den Fachpersonen. Kritische Psychotherapeut:innen berichteten zudem von Gegenwind in Intervisions- und Ausbildungssituationen. (vgl. S. 110f.)

Demgemäß ist es zentral, dass die Bundesstelle Vernetzungsarbeit auf Basis evidenzbasierter Infos mit wichtigen Bundesverbänden etabliert hat, insbesondere mit dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP), dem Verband Österreichischer Psycholog:innen (VÖPP) sowie dem Berufsverband der Psycholog:innen. Begleitend zur Aufklärungsarbeit werden in der Bundesstelle auch Fortbildungen zum Thema durchgeführt. Denn, so mahnt die Bundesstelle: „Die Erfahrungen aus Deutschland und der Schweiz zeigen, dass sich entsprechende Narrative – insbesondere bei fehlender kritischer Reflexion – auch in institutionellen Strukturen verankern können. Daraus ergibt sich für Österreich, neben der konkreten Beratungsarbeit für Betroffene im RGMC-Kontext, ein präventiver Handlungsbedarf.“ (ebd. S. 111)

Dass diese Arbeit erste Wirkung zeigt, wird auch durch ein Statement des VÖPP unterstrichen. Der Berufsverband hat auf seiner Webseite ein Statement veröffentlicht, in welchem er sich klar vom Narrativ distanziert.

Mediale Aufklärung

Die Bemühungen der Bundesstelle spiegeln sich bislang nur eingeschränkt in der österreichischen Medienberichterstattung wider. Nur vereinzelt gab es österreichische Medienberichte, allerdings ist das thematische Interesse in Österreich an der Aufklärung über das Narrativ nicht mit Deutschland vergleichbar, hier insbesondere mit der Berichterstattung des SPIEGEL. Einer der wenigen aufklärenden Artikel der letzten Jahre stammt von Axel Seegers, Weltanschauungsbeauftragter der Erzdiözese München, der in der Furche-Ausgabe 7/24 einen zuvor publizierten Bericht kommentiert (hierüber haben wir im ersten Artikel zur Situation in Österreich berichtet). Unter dem Titel „Memory Wars: Im Zeichen eines fragwürdigen Narrativs“ warnt er vor Kritikimmunisierung und zieht eine kritische Bilanz.

Auch außerhalb der klassischen Medien wird das Thema kontinuierlich aufgegriffen. Hervorzuheben sind insbesondere die Beiträge des Salzburger Psychotherapeuten Florian Friedrich, der in mehreren Veröffentlichungen wiederholt auf die Risiken des Narrativs aufmerksam macht. Siehe u.a. Hier und Hier.

Fachliche Themenbearbeitung

Auch auf wissenschaftlicher Ebene wurde das Thema inzwischen in Österreich aufgegriffen. Auf dem gemeinsamen Kongress der DGPs und ÖGP im Jahr 2024 wurden aktuelle Forschungsergebnisse aus Gedächtnis- und Rechtspsychologie vorgestellt. (Siehe: Hier S. 1028 ff.)

Die Expert:innen Aileen Oeberst, Jonas Schemmel, Andreas Mokros u.a.  diskutierten dazu aktuelle empirische Erkenntnisse zum Phänomen der Schein- oder Pseudoerinnerungen, deren Auswirkungen auf Betroffene und untersuchten die Fragestellung, „inwiefern der hartnäckige Glaube an ritualisierten sexuellen Kindesmissbrauch durch organisierte satanistische oder andere ideologische Tätergruppen Elemente von Verschwörungstheorien enthält“ (ebd.). Das Resümee der Forschenden war klar: „Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Phänomene wie die absichtsvolle Herbeiführung dissoziativer Zustände und die Steuerung der resultierenden Persönlichkeitsanteile weder theoretisch plausibel noch empirisch belegt sind.“ (ebd.) Damit ist eine Richtigstellung über das Narrativ nun (endlich!) im psychologisch-wissenschaftlichen Österreich erfolgt.

Flankiert wird diese Aufklärungsarbeit über u.a. Falscherinnerungen vom Verein False Memory Österreich mit Sitz in Linz, der ebenfalls 2024 gegründet wurde und mit seinem gleichnamigen Pendant in Deutschland vernetzt ist. Auf dessen Webseite heißt es: „Falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch, der Glaube an «rituelle Gewalt und/oder Mind Control» verursachen unendlich viel Leid in den betroffenen Familien.“ Der Verein setzt sich für Beratung von Betroffenen von Falscherinnerungen ein und in der Öffentlichkeitsarbeit zum Thema.

Ein durchwachsenes Fazit

Trotz vereinzelt intensiver Bemühungen steht die Aufmerksamkeit für die Aufklärung zu RG-MC in Österreich jedoch immer noch am Anfang. So ist die Webseite des „Fachkreis RG“ – samt Nennung prominenter Unterstützer:innen wie der Kinder-und Jugendanwaltschaft und MA 11 Kinder und Jugendhilfe – weiterhin unhinterfragt online. Lediglich auf der Webseite des Trägerverbandes „Selbstlaut“ wurde der Titel in „Extreme sexuelle Gewalt in organisierten Strukturen“ umbenannt, der Link jedoch gleich gelassen.

Ob sich daraus ableiten lässt, dass etwa das Wiener Jugendamt das Narrativ weiterhin unterstützt, bleibt offen.

Auch Liz Wieskerstrauchs jüngster Film „Der blinde Fleck“ hat, wie bereits erwähnt, den Sprung nach Österreich geschafft und wurde bei Screenings unter Anwesenheit der Regisseurin u.a. in Wien, Linz und Graz gezeigt. Der „Steirische Landesverband für Psychotherapie“ verlinkte auf seiner Webseite die Infos zu den Filmvorführungen.

In Wien wurde das Screening vom genannten Fachkreis organisiert und beinhaltete eine Q&A mit dem vielsagenden Titel „Für möglich halten“: Bei der Grazer Filmpremiere ließ sich sogar Michaela Huber online live zuschalten, wie ein österreichisches Traumapädagogik-Zentrum berichtete. Dass das Narrativ bei den Filmvorführungen bereitwillig angenommen wurde, erwähnt auch die Bundesstelle in ihrem Bericht, wo sie als eine der wenigen kritischen Stellen vertreten war (vgl. Bericht, S. 111).

Insofern wundert folgendes Zitat einer oberösterreichischen Regionalzeitung wenig, wo der Film, aber keine Aufklärung unter dem (reißerischen?) Titel „Wer sind wir, Kindern nicht zu glauben“ thematisiert wird: „Man denke gerne, diese schlimmen Dinge passieren irgendwo weit weg. Leider gebe es auch in Oberösterreich, in Stadt und Land Betroffene, die sich ihren Therapeuten anvertrauen“, so Andrea Pata-Kölblinger, ehemalige Therapeutin des gemeinnützigen Vereins PIA in Linz, der den Film „Blinder Fleck“ unterstützt. „Im internationalen Vergleich werde in Österreich sexualisierte Gewalt in organisierten, rituellen Strukturen kaum wahrgenommen. Daher sei der Kinofilm „Blinder Fleck“ von Liz Wieskerstrauch ein erster wichtiger Schritt, dieses Thema auch in Oberösterreich sichtbar zu machen“, so Pata-Kölblinger. (Quelle)

Fazit: Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen zwar eine zunehmende fachliche Aufarbeitung. Bis sich diese Erkenntnisse jedoch flächendeckend durchsetzen, dürfte noch einige Zeit vergehen.


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