„Rituelle Gewalt“ heißt jetzt anders – eine Empfehlung

Eine umfassende Kritik der Studie möchte ich an dieser Stelle gar nicht wiederholen. Bernd Harder hat sich inzwischen ausführlich mit der Arbeit auseinandergesetzt und zahlreiche Punkte untersucht, die auch mir beim Lesen aufgefallen sind. Seine Analyse ist gründlich, quellenbasiert und geht weit über das hinaus, was ich hier ergänzend ansprechen möchte. Ich empfehle seinen Beitrag daher ausdrücklich zur weiteren Lektüre.

„Rituelle Gewalt“ heißt jetzt anders – aber was bringt das?


Einen Aspekt möchte ich dennoch gesondert betrachten, weil er für mich das grundlegendste Problem der Untersuchung berührt: Nicht nur die Begrifflichkeiten werden zusammengeführt. Durch die gewählte Auswertungsmethode werden auch inhaltlich sehr unterschiedliche Berichte zu gemeinsamen Strukturen eines übergeordneten Gewaltphänomens verdichtet.

Wenn aus unterschiedlichen Berichten ein gemeinsames Phänomen wird

Koepp arbeitet mit einer qualitativen, explorativen Methode. Sie beginnt also nicht mit einer fertigen Hypothese, die anschließend überprüft wird. Datenerhebung und Auswertung laufen parallel: Erkenntnisse aus bereits geführten Interviews können beeinflussen, welche Aspekte in späteren Interviews weiterverfolgt werden. Das ist bei qualitativer Forschung zunächst nichts Ungewöhnliches und auch kein methodischer Fehler.

Entscheidend ist jedoch, was anschließend mit dem Material geschieht.

Koepp wertet die Interviews nicht als voneinander getrennte Einzelfälle aus. Sie löst sich ausdrücklich vom jeweiligen Einzelfall und führt Aussagen verschiedener Interviewpartner:innen nach gemeinsamen Themen zusammen. Aus den unterschiedlichen Berichten entstehen so übergreifende Kategorien und schließlich gemeinsame Strukturen des untersuchten Phänomens.

Und genau hier beginnt das Problem.

Denn unter ‚weltanschaulich eingebetteter organisierter sexualisierter Gewalt‘ werden in der Untersuchung sehr unterschiedliche Sachverhalte zusammengeführt: nachgewiesene Gewalt in tatsächlich existierenden Gruppen ebenso wie Berichte über geheime Täterorganisationen, ‚Mind Control‘ oder andere Strukturen, deren Existenz in der geschilderten Form bislang nicht unabhängig belegt ist.

Damit werden nicht mehr nur Begriffe vermischt oder neu geordnet. Es werden – und das ist eine klare Steigerung des Bisherigen – Inhalte miteinander verbunden, die einen völlig unterschiedlichen Evidenzstatus besitzen.

Natürlich darf qualitative Forschung auch Berichte untersuchen, deren geschilderte Ereignisse nicht unabhängig bestätigt wurden. Sie kann herausarbeiten, welche Motive darin vorkommen, welche Gemeinsamkeiten die Erzählungen besitzen und wie die Interviewten ihre Erfahrungen deuten. Entscheidend ist jedoch, dass dabei erkennbar bleibt, auf welcher Erkenntnisebene sich die daraus gewonnenen Aussagen bewegen: Beschreibt die Analyse wiederkehrende Strukturen innerhalb der Berichte – oder werden daraus Aussagen über tatsächlich existierende Tätergruppen und eine reale Gewaltform abgeleitet?

Auch die Übereinstimmung mehrerer Interviews ändert an dieser Unterscheidung nichts. Wenn verschiedene Interviewpartner:innen Ähnliches berichten, belegt dies zunächst ein wiederkehrendes Muster innerhalb des erhobenen Materials. Daraus allein folgt noch keine unabhängige Bestätigung der geschilderten Ereignisse oder Täterstrukturen. Das gilt umso mehr in einem Forschungsfeld, in dem ähnliche Narrative seit Jahrzehnten in Öffentlichkeit und Fachwelt zirkulieren. Entscheidend bleibt deshalb, ob eine Aussage als Befund über die Berichte formuliert wird – oder als Befund über die Wirklichkeit, von der diese Berichte erzählen.

Eine nachgewiesene Gewalttat wird nicht zum Beleg für eine andere, nur weil beide in derselben Kategorie ausgewertet werden. Und ein neuer Oberbegriff löst dieses Problem nicht.

Um es auf den Punkt zu bringen:

Ein neuer Begriff verändert nicht den Evidenzstatus seines Inhalts.


Beitragsfoto: Künstliche Intelligenz

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