Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.
Martensville Satanic Sex Scandal
Als Martensville Satanic Sex Scandal wird ein Anfang der 1990er-Jahre entstandener Missbrauchsfall in Martensville in der kanadischen Provinz Saskatchewan bezeichnet. Aus ursprünglichen Vorwürfen sexuellen Kindesmissbrauchs entwickelten sich Anschuldigungen gegen zahlreiche Personen und schließlich die Vorstellung eines größeren satanistischen Täterkults. Der Fall gilt als eines der bekanntesten kanadischen Beispiele der Satanic Panic.
Ausgangspunkt waren 1992 Vorwürfe gegen eine Kindertagesstätte. Im Zuge der Ermittlungen wurden zahlreiche Kinder befragt. Die Anschuldigungen weiteten sich erheblich aus und richteten sich schließlich nicht nur gegen Betreiber und Mitarbeiter der Einrichtung, sondern auch gegen weitere Personen, darunter Angehörige der örtlichen Polizei.
Kinder berichteten von schweren sexuellen Gewalttaten und zunehmend außergewöhnlichen Geschehnissen. Ermittler entwickelten die Theorie, hinter den Vorwürfen stehe ein als „Brotherhood of the Ram“ bezeichneter satanistischer Kult. Ihm wurden ritualisierte sexuelle Gewalt und weitere schwere Straftaten zugeschrieben.
Die Ermittlungen gerieten später massiv in die Kritik. Insbesondere die Art der Kinderbefragungen und die zunehmende Ausweitung der Anschuldigungen wurden infrage gestellt. Für die behauptete satanistische Organisation und zahlreiche der ihr zugeschriebenen Vorgänge konnten keine entsprechenden Belege gefunden werden.
Mehrere Anklagen wurden fallengelassen oder endeten ohne Verurteilung. Der Fall hatte dennoch erhebliche Folgen für Beschuldigte und ihre Familien und führte später zu gerichtlichen Auseinandersetzungen über das Vorgehen der Ermittlungsbehörden.
Wichtig ist bei der Einordnung eine Unterscheidung: Das Scheitern der weitreichenden Kultvorwürfe bedeutet nicht, dass sämtliche ursprünglichen Missbrauchsvorwürfe erfunden waren. In einem der zugrunde liegenden Komplexe wurde ein Mann wegen sexueller Übergriffe auf Kinder verurteilt. Problematisch war vielmehr die Entwicklung von konkreten Missbrauchsvorwürfen hin zur Annahme eines umfangreichen geheimen satanistischen Netzwerks.
Martensville zeigt damit ein für die Satanic Panic charakteristisches Muster: Ein möglicher bzw. tatsächlicher Missbrauchsfall konnte zum Ausgangspunkt immer weiter reichender Anschuldigungen werden, bis schließlich eine organisierte satanistische Täterstruktur angenommen wurde, für deren Existenz sich keine belastbaren Nachweise fanden.
