Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.
MPS – Eine neue Frauenkrankheit?

Das Jahr 1993 markiert einen Einschnitt in der Betrachtung der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Deutschland. In dieser Zeit beginnt sich eine spezifische Deutung des Störungsbildes zu etablieren, die weit über die klinische Beschreibung hinausgeht und das Verständnis von Ursache, Ausprägung und Behandlung nachhaltig prägt.
Eine zentrale zeitgenössische Einordnung liefert der Aufsatz von Tanja Schmidt aus dem Jahr 1997: „Eine neue ‚Frauenkrankheit‘? Zur Problematik der Diagnose MPS (Multiple Persönlichkeitsstörung)“. Schmidt war zu diesem Zeitpunkt im Umfeld von Wildwasser Berlin tätig – einer Einrichtung, die später auch im Zusammenhang mit der Verbreitung bestimmter Narrative rund um rituelle Gewalt und Mind Control eine Rolle spielte.
Gerade weil der Text nicht rückblickend, sondern aus der Situation heraus geschrieben wurde, besitzt er einen besonderen Quellenwert. Schmidt beschreibt darin Entwicklungen innerhalb des therapeutischen Feldes, die sich nicht allein auf Diagnostik beschränken, sondern zunehmend Eigendynamiken entfalten. Ihre Beobachtungen legen nahe, dass sich innerhalb bestimmter therapeutischer Kontexte bestimmte Muster herausbildeten, die von Patientinnen übernommen und weitergeführt wurden.
Besonders deutlich wird dies in ihrer Beschreibung suggestiver Prozesse innerhalb von Therapien. Schmidt spricht offen von einem Ausmaß an Beeinflussung, das sie selbst zuvor nicht für möglich gehalten hätte:
„Die Frauen, die in unsere Beratungsstelle kamen, ließen in ihren Erzählungen über das, was in ihren Therapien geschieht, ein Ausmaß an suggestiver Beeinflussung sichtbar werden, das ich – zumal im feministisch-therapeutischen Kontext – nie für möglich gehalten hätte und inzwischen eindeutig als Missbrauch (der Definitionsmacht) in der Therapie bezeichnen würde.“
Diese Einschätzung ist bemerkenswert, weil sie aus dem Inneren des Systems kommt. Sie beschreibt nicht nur individuelle Fehlentwicklungen, sondern weist auf strukturelle Probleme hin: die Macht von Deutungen, die Rolle therapeutischer Autorität und die Frage, inwieweit Diagnosen und therapeutische Konzepte selbst zur Ausformung der Symptomatik beitragen können.
Ein weiterer zentraler Punkt in Schmidts Analyse ist die Dynamik kollektiver Prozesse. Sie beschreibt, wie sich innerhalb bestimmter Gruppen ein gemeinsames Verständnis von „Multiplen“ entwickelt, das nicht nur diagnostisch, sondern auch sozial stabilisiert wird. In diesem Zusammenhang fällt ein besonders prägnanter Satz:
„Wer daran teilhat, ist eine von vielen, ist Teil des Kollektivleibs. Die Massivität, mit der diejenigen, die einzeln bleiben, bekehrt werden oder abgewiesen werden müssen, gemahnt an Glaubenskriege.“
Hier wird ein Mechanismus sichtbar, der über den therapeutischen Rahmen hinausgeht. Die Beschreibung erinnert weniger an eine offene, ergebnisoffene Auseinandersetzung, sondern eher an geschlossene Deutungssysteme, in denen Abweichungen schwer möglich sind. Zustimmung wird verstärkt, Kritik hingegen abgewehrt.
Schmidt schildert darüber hinaus konkrete Situationen, in denen sich diese Dynamiken manifestieren – etwa bei Veranstaltungen (u.a. MPS Kongress Bielefeld 1994), in denen Betroffene gemeinsam auftreten und ihre Identität im Rahmen der Diagnose öffentlich bestätigen. Dabei entsteht der Eindruck, dass sich therapeutische Konzepte, individuelle Erfahrungen und gruppendynamische Prozesse gegenseitig verstärken.
Auffällig ist zudem ihre Beobachtung, dass sich innerhalb dieses Rahmens auch Rollen auf Seiten der Therapeutinnen ausbilden können. Die therapeutische Beziehung bleibt nicht neutral, sondern wird Teil eines Systems wechselseitiger Erwartungen, in dem Bestätigung und Deutung eine zentrale Rolle spielen.
Was diesen Text besonders relevant macht, ist nicht nur seine inhaltliche Schärfe, sondern der Zeitpunkt seines Erscheinens. Viele der dort beschriebenen Mechanismen werden noch immer diskutiert – oft mit dem Eindruck, es handle sich um neue Erkenntnisse. Tatsächlich zeigen solche frühen Quellen, dass zentrale Kritikpunkte bereits in den 1990er Jahren formuliert wurden. Damit wird deutlich, wie stabil sich einmal etablierte Muster halten können. Was sich damals als spezifische Entwicklung innerhalb einzelner therapeutischer Kontexte abzeichnete, hat in Teilen bis heute Bestand – wenn auch in veränderter Form und unter anderen Begrifflichkeiten.
Der Text von Tanja Schmidt ist daher nicht nur ein historisches Dokument, sondern auch ein Schlüssel zum Verständnis aktueller Debatten. Er zeigt, dass es sich nicht um ein plötzlich entstandenes Phänomen handelt, sondern um einen Prozess mit klar nachvollziehbaren Entwicklungslinien.
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