Dissoziative Störungen und Konversion – 2001

Peter Fiedler beschreibt in seinem Buch „Dissoziative Störungen und Konversion“ aus dem Jahr 2001 zentrale Merkmale der Dissoziativen Identitätsstörung und ordnet sie in ein breiteres psychologisches Verständnis ein. Dabei wird deutlich, dass die Vorstellung klar abgegrenzter „Persönlichkeitsanteile“ nicht losgelöst von therapeutischen Konzepten und Deutungsangeboten betrachtet werden kann. Vielmehr entsteht ein Teil dieser Struktur erst im Zusammenspiel von Diagnose, therapeutischer Praxis und sozialem Austausch.

Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang ein Mechanismus, der auch in anderen Kontexten beschrieben wurde: Die Benennung und gezielte Ansprache einzelner Anteile kann dazu beitragen, dass diese weiter ausdifferenziert werden. Was ursprünglich als Versuch gedacht ist, innere Zustände besser zu verstehen, kann so unbeabsichtigt zu einer Stabilisierung oder sogar Ausweitung der Symptomatik führen.

Dr. Judyth Box formulierte diesen Effekt bereits in den 1980er Jahren sehr prägnant:

„Dr. Caul gab einen Workshop und er meinte, man müsse alle Persönlichkeiten identifizieren, katalogisieren und herausfinden, was ihre Rollen sind. Ich begann damit und fand heraus, dass man immer mehr Persönlichkeiten findet, wenn man sich intensiv damit beschäftigt. Die meisten von uns haben ziemlich schnell damit aufgehört.“

Netflix-Dokumentation „Monsters Inside: Die 24 Gesichter des Billy Milligan“

Dieses Zitat verweist auf ein grundlegendes Problem: Wenn therapeutische Aufmerksamkeit stark auf die Identifikation und Differenzierung von Anteilen ausgerichtet ist, kann genau dieser Fokus die Dynamik verstärken, die eigentlich verstanden oder reduziert werden soll. Die Grenze zwischen Beschreibung und Mitgestaltung der Symptomatik wird dadurch unscharf.

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