Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.

Wenn DIS ad absurdum geführt wird
Anmerkungen zu einer Studie und ihren theoretischen Voraussetzungen
Wer ist Yolanda Schlumpf?
Dr. Yolanda Schlumpf, geboren 1979 in Mexiko-Stadt, ist promovierte Neurowissenschaftlerin. Seit 2013 ist sie wissenschaftlich eng mit der Privatklinik Littenheid verbunden. Diese Klinik geriet im Jahr 2022 in den Fokus der Öffentlichkeit, nachdem ein Untersuchungsbericht zu dem Schluss kam, dass auf den dortigen Traumatherapiestationen Konzepte rund um rituell-satanischen Missbrauch eine Rolle gespielt hatten. Der Bericht kritisierte unter anderem diagnostische und therapeutische Vorgehensweisen und stellte fest, dass bestimmte theoretische Ansätze nicht dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Evidenz entsprechen.
Auf dem beruflichen Netzwerk LinkedIn findet sich zudem ein Profil von Yolanda Schlumpf mit dem Hinweis, dass sie eine Psychotherapieausbildung begonnen hat und eine klinische Tätigkeit anstrebt. Ob und in welchem Zusammenhang diese Entwicklung mit den genannten Ereignissen steht, lässt sich von außen nicht beurteilen.
Hintergrund: Die Theorie der strukturellen Dissoziation
In einem auf YouTube veröffentlichten Interview erläutert Yolanda Schlumpf unter anderem Konzepte der sogenannten strukturellen Dissoziation, wie sie etwa von Ellert Nijenhuis vertreten werden. In diesem Modell wird die Persönlichkeit in verschiedene Funktionsanteile unterteilt. Häufig wird dabei zwischen einem anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil (ANP) und sogenannten emotionalen Anteilen (EP) unterschieden. Die Idee dahinter ist, dass traumatische Erfahrungen nicht vollständig integriert werden können und daher in bestimmten Persönlichkeitsanteilen abgespalten bleiben. Diese Anteile sollen unterschiedliche Funktionen erfüllen, insbesondere auch eine Schutzfunktion gegenüber überwältigenden Erinnerungen.
Allerdings ist dieses Modell innerhalb der Fachwelt nicht unumstritten. Im Untersuchungsbericht zur Klinik Littenheid wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bestimmte therapeutische Konzepte, die auf diesen Theorien beruhen, nicht durch belastbare empirische Wirksamkeitsnachweise gestützt sind. Die wissenschaftliche Diskussion über diese Ansätze ist daher weiterhin offen.
Die fMRT-Studie von 2014
Im Jahr 2014 veröffentlichte Yolanda Schlumpf eine Studie, in der die Hirnaktivität von Menschen mit diagnostizierter Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie untersucht wurde.
An der Untersuchung nahmen 15 Personen teil, die bereits über einen längeren Zeitraum therapeutisch behandelt worden waren. Voraussetzung für die Teilnahme war, dass die Probanden in der Lage waren, zwischen verschiedenen inneren Zuständen zu wechseln, die im Rahmen des Modells der strukturellen Dissoziation als ANP beziehungsweise EP bezeichnet werden.
Während der Untersuchung wurden diese Zustände gezielt aktiviert, um mögliche Unterschiede in der Hirnaktivität sichtbar zu machen. Gerade diese Versuchsanordnung wirft jedoch einige grundlegende Fragen auf.
Die Theorie der strukturellen Dissoziation geht davon aus, dass verschiedene Persönlichkeitsanteile durch funktionale Barrieren voneinander getrennt sind und bestimmte Anteile insbesondere eine Schutzfunktion erfüllen. Emotional geprägte Anteile sollen traumatische Erinnerungen tragen und dadurch andere Persönlichkeitsbereiche vor Überforderung schützen.
Vor diesem Hintergrund erscheint es erklärungsbedürftig, dass Probanden in der Studie gezielt zwischen solchen Anteilen wechseln konnten. Ein bewusstes und willentliches „Switchen“ deutet eher auf eine gewisse Kontrolle über innere Zustände hin, was wiederum eine fortgeschrittene Integration oder zumindest eine hohe therapeutische Stabilisierung voraussetzen würde. Damit stellt sich die Frage, in welchem Stadium der Störung sich die untersuchten Personen tatsächlich befanden.
Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Beschreibung aus einem Artikel der Zeitschrift Spektrum, in dem eine Teilnehmerin der Studie zitiert wird.
Dort wird geschildert, dass während der Untersuchung zunächst ein Anteil aus dem sogenannten Alltagssystem aktiv war. Anschließend wurde ein kindlicher Anteil aktiviert, der mit autobiografischem Trauma-Material konfrontiert wurde, das zuvor von der Betroffenen selbst verfasst worden war. Gerade dieser Ablauf wirft jedoch grundlegende Fragen auf.
Wenn ein Anteil als „kindlich“ beschrieben wird und eine zentrale Rolle innerhalb der traumatischen Erinnerung einnimmt, müsste man nach den theoretischen Annahmen der strukturellen Dissoziation davon ausgehen, dass er besonders schutzbedürftig ist. Die ursprüngliche Funktion solcher Anteile wird häufig darin gesehen, belastende Erfahrungen zu isolieren, um andere Persönlichkeitsbereiche zu stabilisieren.
Vor diesem Hintergrund wirkt es zumindest widersprüchlich, dass ein solcher Anteil gezielt aktiviert und anschließend mit belastendem autobiografischem Material konfrontiert wird.
Hinzu kommt der situative Kontext der Untersuchung selbst.
Eine funktionelle Magnetresonanztomografie findet in einer engen, lauten und technisch stark kontrollierten Umgebung statt. Viele Menschen empfinden diese Situation bereits ohne zusätzliche Belastung als stressreich.
Vor diesem Hintergrund erscheint es zumindest erklärungsbedürftig, dass in einer solchen Umgebung gezielt ein kindlicher Anteil aktiviert und anschließend mit traumabezogenen Inhalten konfrontiert werden soll.
Gerade wenn man davon ausgeht, dass solche Anteile eine Schutzfunktion erfüllen, steht eine derartige Versuchsanordnung in einem Spannungsverhältnis zu den theoretischen Grundlagen des Modells.
Die Studie setzt damit implizit voraus, dass die Probanden ihre inneren Zustände bewusst steuern und in einer experimentellen Situation gezielt abrufen können. Diese Annahme widerspricht jedoch der klassischen Beschreibung einer Dissoziativen Identitätsstörung.
Abschließende Zusammenfassung
Die Dissoziative Identitätsstörung ist ein sensibles und komplexes Thema. Gerade deshalb müssen wissenschaftliche Studien und therapeutische Konzepte besonders sorgfältig geprüft werden.
Die hier betrachtete Studie wirft jedoch grundlegende methodische Fragen auf. Die Versuchsanordnung setzt voraus, dass Probanden gezielt zwischen Persönlichkeitsanteilen wechseln und einen als „kindlich“ beschriebenen Anteil bewusst in eine experimentelle Situation bringen können, in der belastendes autobiografisches Material vorgelesen wird – und das innerhalb der ohnehin stressreichen Umgebung eines MRT-Scanners.
Diese Vorgehensweise steht in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu den theoretischen Grundlagen der strukturellen Dissoziation, nach denen solche Anteile gerade eine Schutzfunktion erfüllen und traumatische Inhalte von anderen Persönlichkeitsbereichen abschirmen sollen. Wenn jedoch ein kontrolliertes Aktivieren und gezieltes Konfrontieren möglich ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob hier tatsächlich die angenommenen Mechanismen einer Dissoziativen Identitätsstörung untersucht werden.
Darüber hinaus erhält die Studie auch deshalb eine besondere Bedeutung, weil ihre Ergebnisse in der öffentlichen Diskussion rund um traumatherapeutische Konzepte immer wieder als wissenschaftliche Bestätigung entsprechender Modelle herangezogen wurden. In diesem Zusammenhang spielte auch die Zusammenarbeit zwischen Yolanda Schlumpf und dem Traumatherapeuten Jan Gysi eine Rolle, der diese Ansätze in der therapeutischen Praxis vertreten hat. Gegen Gysi wurden in den vergangenen Jahren jedoch erhebliche Vorwürfe erhoben, und seine Behandlungsmethoden stehen inzwischen selbst unter kritischer Beobachtung.
Vor diesem Hintergrund erscheint es umso wichtiger, die wissenschaftliche Grundlage solcher Konzepte sorgfältig zu prüfen. Eine Studie, deren Versuchsanordnung zentrale Annahmen des untersuchten Modells bereits voraussetzt oder ihnen sogar widerspricht, kann kaum als belastbarer empirischer Beleg gelten.
Gerade bei einem so sensiblen Thema wie traumabezogenen Störungen sollte wissenschaftliche Forschung nicht dazu beitragen, theoretische Modelle vorschnell zu bestätigen, sondern sie kritisch zu überprüfen. Nur so lässt sich vermeiden, dass wissenschaftliche Autorität zur Stützung problematischer therapeutischer Konzepte herangezogen wird.
