„Geteiltes Leid“ – ein Podcast über RG-MC

Gastbeitrag:

Dem Podcast „Geteiltes Leid“ (November 2024) gelingt es, die Verschwörungstheorie von ritueller Gewalt in Deutschland sowohl zusammenzufassen als auch deren Brisanz anhand von Einzelschicksalen eindrücklich darzustellen. Olga Herschel, Journalistin und Ärztin, erzählt gemeinsam mit dem Undone-Produktionsteam rund um Investigativredakteur Sören Musyal in vier Episoden eine Geschichte, die einem Psychothriller gleicht, wie es in der Presseaussendung heißt.

Insbesondere zwei Dinge stehen im Vordergrund: das umfangreiche Netzwerk und die Vehemenz, mit welcher die Anhänger ihr Narrativ verteidigen sowie das Leid der Opfer, die von der Verschwörungstheorie betroffen sind. Denn: „Beim Thema rituelle Gewalt trifft dieser Ehrgeiz zu helfen auf sehr verletzliche, bedürftige Menschen. Menschen, die wenig Kraft haben, sich abzugrenzen, die nach Antworten suchen (…)“. (Teil 4, Min. 36:30)

Damit sind wir bei einer der Hauptproblematiken angekommen, die der Podcast folgendermaßen in Worte fasst: „Das Fatale bei der Verschwörungserzählung rund um rituelle Gewalt ist, beide Seiten – also Patient:innen und ihre Therapeut:innen – glauben, dass das Leid, das wirklich da ist, das bezeugbar ist, nicht ausreicht. (…) Indem Therapeut:innen sagen, dein Leid kann nur durch etwas viel Schlimmeres ausgelöst worden sein, sprechen sie den Betroffenen paradoxerweise ihr tatsächliches Leid ab und tun damit genau das Gegenteil ihrer eigentlich guten Absichten.“ (Teil 4, Min 46:20)

Genau das ist einer jungen Frau passiert, die unter dem Pseudonym Leonie (eine zufällige Namensgleichheit zur Betroffenen aus der Schweiz) eine zentrale Rolle in diesem Podcast spielt.

Inside Leonie“

Leonie ist Mitte 20 und lebt jetzt mit schweren demenzähnlichen Zuständen – bedingt durch jahrelange Mangelernährung und Alkohol – im Pflegeheim. Mit Pflegegrad 4 ist sie jetzt auf den Rollstuhl angewiesen. Ihre Anorexie, die Alkoholkrankheit, eine Borderlinestörung sowie Depressionen und Selbstverletzungen führen sie schlussendlich zu einer Psychologin, die eine DIS mit rituellem Hintergrund diagnostiziert – eine Diagnose, die eine Kette an Ereignissen in Gang setzt. Genau diesen Leidensweg zeichnet der Podcast in seinen ersten beiden Episoden detailliert nach: die Therapeutin, die an rituellen Missbrauch glaubt, von einer in viele Anteile zersplitterten Persönlichkeit und Mind Control ausgeht und Leonie schließlich dazu bringt, unterzutauchen. Ihre Eltern erzählen dem Podcast-Team von „Undone“ ihre Geschichte: der Vater fälschlich des Missbrauchs beschuldigt, die Mutter voller Selbstvorwürfe und die schwer kranke Tochter schlussendlich gar nicht mehr erreichbar. Untergetaucht in Frauenhäuser kommt sie schließlich nach Bonn – unter die rechtliche Betreuung von Ellen Engel, einem bekannten Namen im Zusammenhang mit ritueller Gewalt. Ein weiteres bekanntes Gesicht: Eva Lauer-von Lüpke, Leiterin der Emanuelstiftung, wird zu einer wichtigen Vertrauensperson von Leonie.

Was Leonie in Bonn erlebt haben muss, fasst ihre Mutter zusammen: „Es war dann schon klar, dass sozusagen in Bonn ein ganzes Umfeld ist, was diese Missbrauchsgeschichte auch stützt. Ich glaub zu dem Zeitpunkt war unsere Tochter da so tief drin, dass sie das auch geglaubt und gesagt hat. Das war so eine dichte Erzählung, so ein dichtes Geflecht, da kam sie, glaub ich, auch selber nicht mehr raus.“ (Teil 2, Min. 15:39)

Auch ihre behandelnde Psychiaterin, welche Leonie trotz ihres anorektischen BMI von nur 13,5 das Benzodiazepin Diazepam (Valium) als Bedarfsmedikation über einen ungewöhnlich langen Zeitraum verschreibt, hat sich auf Opfer ritueller Gewalt spezialisiert (vgl. Teil 2, Min 26:56f.). Im Interview mit den Journalist:innen spricht Angelika Eibach-Bialas direkt über satanistische Sekten („Also Satan ist der Gott und Satan freut sich, wenn Menschen leiden und Satan freut sich insbesondere, wenn die Kinder leiden. Was gut ist, ist böse und was böse ist, ist gut“ (Teil 1, Min. 35:46) sowie Programmierungen und bewusste Persönlichkeitsspaltungen (vgl. Teil 1, Min 37:02 f.) Und zum Podcast-Team findet sie klare Worte – den üblichen Tätervorwurf inklusive: „Offenbar haben Ihre Recherchen Sie in Täterkreise geführt. Ich hoffe nicht, dass das womöglich Ihre eigentlichen Auftraggeber sind.“ (Teil 2, Min. 30:05)

Doch zurück zu Leonie: Diese ist zuletzt Mitglied in einer christlichen Freikirche in Bonn. Die dortige Taufe wird auf Video festgehalten, als die junge Frau bereits so geschwächt war, dass sie nicht mehr alleine auf einem Stuhl sitzen konnte. Kurz danach muss sie in die Klinik und ist in Folge auf den Rollstuhl angewiesen.

Das Resümee der Journalist:innen „Als wir dieses Video sehen, den Stuhlkreis, das Taufbecken und die vermeintlichen Helfer:innen in diesem Garten versammelt um Leonie, als wir sehen wie Leonie dasitzt, verletzlich und abgemagert, kraftlos, da verstehen wir zum ersten Mal so richtig: Hinter Leonies Verschwinden, hinter ihrem Leid stecken nicht einzelne. Hinter Leonies Verschwinden steckt ein Netzwerk.“ (Teil 2, Min 40:35)

Um genau dieses Netzwerk geht es in den beiden Folgeepisoden.

Das Netzwerk

Die „Undone“-Journalist:innen berichtet in der zweiten Hälfte des Podcasts insbesondere über die Verstrickungen und Querverbindungen innerhalb derjenigen, die an das Narrativ von ritueller Gewalt glauben. Als Experten kommen an dieser Stelle einerseits Andreas Mokros zu Wort, der sich kritisch zu den von der Aufarbeitungskommission finanzierten Forschungsarbeiten von Peer Briken und Co. äußert („Ich finde es einen Skandal, dass so was im 21. Jahrhundert publiziert wird“, Teil 3, Min. 28:44) und andererseits Stefan Röpke, der die Problematik der DIS-Diagnose erwähnt (vgl. Teil 4, Min. 13:18ff.) und warum die WHO in diesem Punkt versagt hat (vgl. Teil 4, Min. 16:15ff.).

Neben diesen Hard Facts über die Verschwörungstheorie gibt es auch weitere Interviews mit Betroffenen: Ein Mitglied aus genau der Freikirche, welcher auch Leonie angehört hat, berichtet von seinem Sohn, der nach ‚wiedererlangten Erinnerungen‘ in einer Psychotherapie den Kontakt zu ihm abgebrochen hat. Erneut fallen dieselben Namen aus dem Helfernetzwerk: Angelika Eibach-Bialas und Eva Lauer-von Lüpke (vgl. Teil 3, Min. 11:30ff.) Letztere gibt den Journalist:innen ein Interview, doch ihre Antworten zu ritueller Gewalt hören sich wie ein „Schlagwort-Slalom“ an, so Journalistin Olga Herschel: „Sie versucht möglichst alles zu nennen aber auch möglichst viel in der Schwebe zu lassen“ (vgl. Teil 3, Min 19:55).

Ein ähnliches Empfinden hat das Podcast-Team auch beim Interview mit Silke Gahleitner von der Aufarbeitungskommission (UKASK). Beispielsweise über Mind Control sagt die Uni-Professorin: „Wir verwenden diesen Begriff tatsächlich auch jetzt eigentlich sehr, sehr selten. Das hat damit zu tun, dass es eigentlich fast sinnvoller ist, insgesamt von Manipulationstechniken zu sprechen.“ (Teil 3, Min. 21:40) Auf die diesbezügliche Diskrepanz zu Gahleitners (mittlerweile geändertem) Antrittsinterview weist der Podcast hin.

Fest steht: Begriffe wie Mind Control und Programmierung will auf einmal niemand mehr in den Mund nehmen, statt dessen wird von ‚Konditionierung‘ oder noch allgemeiner von ‚Manipulationstechniken‘ gesprochen.

Dass da aufklärende Sendungen wie das Magazin Royale, die eben diese Problematik deutlich angesprochen haben, nicht ins Bild passen, versteht sich von selbst. Apropos: Die für Anfang November 2024 geplante zweite Ausgabe von Jan Böhmermanns Sendung zum Thema wurde knapp vor der Aufzeichnung nun doch nicht produziert – mit einer mehr als schwammigen Begründung.

Diese Aufklärung wäre jedoch wichtiger denn je, blickt man mit dem Hintergrundwissen der Geschehnisse aus der Schweiz auf eine bekannte Traumafachklinik in Dresden, das Waldschlößchen.

Vom Fallbericht aus der Klinik zu den ominösen „fünf Prozent“

Dass aus den Schweizer Klinikskandalen rund um Münsingen und Littenheid hierzulande die entsprechenden Lehren nicht großflächig gezogen wurden, bestätigt implizit Silke Gahleitner, die die Entwicklungen im Nachbarland nicht zu verfolgen scheint oder beurteilen möchte (vgl. Teil 4, Min. 33:44ff.) – und das obwohl sie innerhalb der Aufarbeitungskommission für den Bereich rituelle Gewalt zuständig ist. „In Deutschland haben die Aufdeckungen in der Schweiz eigentlich nur eine Folge: Der Presse gegenüber ist man noch vorsichtiger geworden. Ansonsten passiert nicht viel“, fasst es Journalistin Herschel zusammen. (Teil 4, Min 33:35).

In der Klinik am Waldschlößchen, die eine eigene Abteilung für DIS-Patienten hat, kommt ein Therapiekonzept zur Anwendung, welches auf den gleichen Theorien beruht wie in der Schweiz, stellt der Podcast klar (vgl. Teil 4, Min. 34:14). Die engen Verflechtungen zum Narrativ von ritueller Gewalt belegen einige Publikationen und Tagungsbeiträge der dortigen ärztlichen Leiterin Martina Rudolph. Diese gibt dem Journalist:innen-Team übrigens nur ein schriftliches Interview, wo sie sich jetzt – wenig überraschend – ebenfalls vom Begriff Mind Control distanziert (vgl. Teil 4, Min. 12:00).

Eine ehemalige Patientin der Klinik, Amelie, die im Jahr 2023 drei Monate mit der Diagnose DIS im Waldschlößchen verbracht hat, berichtet über Zweifel, die sie während und nach des Aufenthaltes hatte: Zweifel über die Möglichkeit von falschen Missbrauchs-Erinnerungen sowie an den suggestiven Fragen, mit denen sie von ihrer Therapeutin konfrontiert worden ist. Die ehemalige Patientin erzählt von ihrem Bedürfnis, die Erwartungen der Therapeutin zu erfüllen und dem Gefühl, die Therapie lenke sie in die falsche Spur. Das traurige Fazit: Nach dem Aufenthalt im Waldschlößchen geht es ihr nun deutlich schlechter als zuvor, sie hat kein Vertrauen in sich selbst mehr (vgl. Teil 4, 20:10ff.). Weiters stellt Amelie dem Podcast-Team ein „Fertigkeiten-Skript“ zur Verfügung, das in dortigen Therapien während ihres Aufenthalts verwendet wurde. „Was da im Waldschlößchen-Therapieleitfaden steht, ist die typische Verschwörungserzählung über rituelle Gewalt“(Teil 4, Min 10:15), stellen die Journalist:innen fest. So finden sich darin Hinweise auf ritualisierte Gewaltformen, Täterprogrammierung und Deprogrammierungsarbeit als wichtiger Baustein in der Behandlung (vgl. Teil 4, Min. 9:50).


Bei ihren Recherchen sind die Redakteur:innen – wie zu erwarten war – an vielen Stellen auf die Thematik von ritueller Gewalt gestoßen. Und ebenso auf das Hauptproblem: Niemand tut so wirklich etwas dagegen, obwohl der Handlungsbedarf mehr als offensichtlich ist. Olga Herschel beschreibt das Dilemma: „Eigentlich müssten viele verschiedene Institutionen beim Thema rituelle Gewalt und Dissoziative Identitätsstörung längst hellhörig sein. Krankenkassen zum Beispiel, die Landespsychotherapeutenkammern und psychotherapeutische Ausbildungsinstitute. Gerade dort finden aber nach wie vor Fortbildungen zu ritueller Gewalt statt, weil die Verschwörungsgläubigen seit Jahrzehnten mit am Tisch sitzen. Und so ähnlich sieht es auch auf der politischen Ebene aus. Es wäre die Aufgabe des Familienministeriums sich von der Erzählung zu ritueller Gewalt bei der UKASK zu distanzieren. Aber die UKASK hat eine große Strahlkraft, sie ist eine Art Leuchtturm für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Deutschland. Sie anzurühren scheint sich niemand von den Politiker:innen zu trauen.“ (Teil 4, Min. 27:57)

Durch diese Strahlkraft scheint die Aufarbeitungskommission quasi unantastbar. Auch für UBSKM Kerstin Claus – die offenkundig in der Klemme stecke, wie Journalistin Herschel formuliert – und längst verstanden zu haben scheint, dass beim Thema rituelle Gewalt irgendwas aus dem Ruder läuft, jedoch das Phänomen ernst nehmen müsse, so lange es Menschen gibt, die berichten, Opfer davon zu sein (vgl. Teil 4, Min 30:13 ff.).

In dieser Zwickmühle befindet sich auch der Podcast: „Wie können wir von der Verschwörung erzählen, ohne die Menschen abzuwerten, die vermutlich schwer traumatisiert sind und die über sich sagen, sie hätten rituelle Gewalt erlebt?“ (Teil 4, Min 30:31) Die Journalist:innen finden jedoch dazu eine klare Antwort: „Kritik an schädlichen Pseudotherapien muss möglich sein. Das ist ja gerade im Sinne aller Betroffenen von Traumata.“ (Teil 4, Min. 30:58)


Exakt mit dieser berechtigten Kritik weist das Podcast-Team auf eine weitere Problematik hin: Die Zahlen zur angeblichen Verbreitung von ritueller Gewalt. Hier taucht insbesondere eine Zahl immer wieder auf, berichtet der Podcast: fünf Prozent. Dieser Wert kursiert immer wieder als diejenige Prozentzahl, die die Häufigkeit diesbezüglicher Berichte an die Aufarbeitungskommission bzw. beim Fonds betrifft. Dazu gehen die Journalist:innen den Quellen auf die Spur. Worauf sie im Zuge ihrer Recherchen stoßen: Therapeuten, die an rituellen Missbrauch glauben, geben diese Gedanken an ihre Patienten weiter, die sie auch über die Fördermöglichkeiten für Opfer beim Fonds sexueller Missbrauch informieren – es handelt sich um einen Ankreuzbogen, der auch das Item von ritueller Gewalt umfasst.

Und genau darin steckt das Problem der ‚fünf Prozent‘: „Silke Gahleitner, Eva von Lauer-Lüpke, Ellen Engel und alle anderen Vertreter:innen der rituelle Gewalt Theorie – wir sind uns ja zu 95 Prozent einig, nämlich die 95 Prozent, die laut ihren Angaben eben die anderen Formen sexualisierter Gewalt sind, die natürlich viel mehr Aufarbeitung und mehr Hilfsangebote brauchen. Und bei denen wir selbstverständlich von einem großen Dunkelfeld ausgehen müssen. Und dann bleiben da nur noch die fünf Prozent, die rituelle Gewalt sein sollen. In dieser Zahl, da stecken Schicksale drin (…) In diesen fünf Prozent steckt eine Verschwörungserzählung drin, die schädliche Pseudotherapien rechtfertigt und weiterhin Opfer produziert. Das ist der Grund, warum es diesen Podcast gibt und warum wir über diese fünf Prozent streiten müssen.“ (Teil 4, Min 48:09)

Es ist ein Podcast, dessen Schicksale unter die Haut gehen – Leonie, Thomas und Amelie mit ihren Familien, die stellvertretend für jene stehen, die durch diese Verschwörungserzählung Leid erfahren und Schaden genommen haben. Und es ist ebenso ein Podcast, der Menschen erreicht, egal ob man das Narrativ mit all seinen Facetten kennt oder aber noch nie damit in Berührung gekommen ist.


Die ausführlichen Berichte von Bernd Harder über den Podcast:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert