Wie unabhängig ist die DIS-Forschung?

Die wissenschaftliche Studienlage

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist seit Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Dennoch ist die empirische Grundlage, auf der Aussagen über ihre Entstehung, Diagnostik und Verbreitung beruhen, deutlich begrenzter, als die Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen zunächst vermuten lassen könnte

Auf diesen Umstand weisen auch Jörg M. Fegert und seine Mitautorinnen in ihrem Buch Das Narrativ »Rituelle Gewalt«: Verschwörungsmythen und toxische Beziehungen in Psychotherapie und Beratung hin. Im Kapitel 6.2 zur Dissoziativen Identitätsstörung beziehen sie sich insbesondere auf eine Literaturübersicht des amerikanischen Psychologen Guy A. Boysen aus dem Jahr 2024.

Quelle: Fegert, J. M., Frühauf, L., Gerke, J. & Magiera, K.: Das Narrativ »Rituelle Gewalt«: Verschwörungsmythen und toxische Beziehungen in Psychotherapie und Beratung, S. 146.

Die bisher betrachteten Untersuchungen zeigen, dass die wissenschaftliche DIS-Forschung mehrere methodische Einschränkungen aufweist. Dazu gehören die wiederholte Auswertung derselben Patientengruppen, die Konzentration neu untersuchter Fälle auf wenige Forschungsgruppen, teilweise fehlende unabhängige Diagnosebestätigungen und die häufige Rekrutierung von Personen aus bestehenden Behandlungskontexten.

Für Deutschland kommt hinzu, dass ein erheblicher Teil der in Boysens Literaturübersicht erfassten deutschen Fälle offenbar aus einer einzigen Studie stammt.

Diese Befunde erlauben natürlich keine pauschale Aussage darüber, ob die DIS als Diagnose zutreffend oder unzutreffend ist. Sie belegen ebenso wenig, dass die beteiligten Forschenden unsachgemäß gearbeitet haben. Sie verdeutlichen jedoch, dass zwischen der Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen und der Anzahl tatsächlich unabhängiger empirischer Untersuchungen unterschieden werden muss.

Entscheidend für die Bewertung der Studienlage ist deshalb nicht allein, wie oft über die DIS geforscht und publiziert wurde, sondern wie viele unterschiedliche Menschen unter welchen diagnostischen Bedingungen von wie vielen unabhängigen Forschungsgruppen untersucht wurden.

Von der wissenschaftlichen Studienlage zur persönlichen Beobachtung

Die dargestellten Befunde werfen Fragen auf, die über die reine Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen hinausgehen. Wenn sich Forschung auf wenige Arbeitsgruppen konzentriert, Patientengruppen wiederholt untersucht werden und bereits bestehende Diagnosen teilweise ohne erneute unabhängige Überprüfung in Studien einfließen, stellt sich auch die Frage nach den Strukturen, innerhalb derer diese Forschung stattfindet.


Bereits zu Beginn der 1990er-Jahre ließen sich innerhalb des damaligen Trauma- und DIS-Umfelds Entwicklungen beobachten, die aus heutiger Sicht bemerkenswert erscheinen.

Schon damals entstanden persönliche Kontakte zwischen Traumaforschenden, therapeutischen Fachpersonen und Patientinnen mit einer diagnostizierten Dissoziativen Identitätsstörung. Im Laufe der Zeit bildete sich nach meiner Wahrnehmung ein relativ beständiger Personenkreis heraus, innerhalb dessen die DIS eng mit Vorstellungen von ritueller Gewalt und sogenannter Mind Control verknüpft wurde. In den frühen 1990er-Jahren stand dabei insbesondere das Narrativ satanistischen Missbrauchs im Vordergrund.

Über die folgenden Jahrzehnte beobachtete ich eine personelle Kontinuität. Der ursprüngliche Kreis schien sich zunehmend zu verfestigen, während seine Erweiterung durch neue Personen vergleichsweise begrenzt blieb.

Auffällig war dabei insbesondere die wiederkehrende Präsenz bestimmter Personen in unterschiedlichen Zusammenhängen. Sie traten auf Veranstaltungen auf, wirkten an Buchveröffentlichungen mit, fanden in Fachpublikationen Erwähnung oder waren in Strukturen der öffentlichen Betroffenenvertretung präsent. Auch im Umfeld des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), darunter zeitweise im Betroffenenrat, ließen sich nach meiner Beobachtung personelle Überschneidungen erkennen.

So entstand für mich über die Jahre das Bild eines netzwerkähnlichen Gefüges, in dem therapeutische, wissenschaftliche und betroffenenpolitische Bereiche teilweise miteinander verbunden waren und in dem bestimmte Personen über lange Zeiträume hinweg wiederkehrten.

Ich halte diese Kontinuitäten durchaus für untersuchenswert. Insbesondere stellt sich für mich die Frage, in welchem Umfang solche gewachsenen Strukturen die öffentliche Wahrnehmung der DIS, die Verbreitung bestimmter Erklärungsmodelle und möglicherweise auch die Auswahl der in wissenschaftlichen Untersuchungen berücksichtigten Personengruppen geprägt haben könnten.

Mögliche Konsequenzen für Forschung und Betroffene

Falls sich herausstellen sollte, dass die Patientengruppen, die in den von Boysen ausgewerteten Studien wiederholt untersucht wurden, personelle Überschneidungen mit den über Jahrzehnte gewachsenen Netzwerken aufweisen, wäre dies ein aufschlussreicher Befund. Welche Konsequenzen daraus für die Forschung folgen, hängt allerdings davon ab, ob sich auch konkrete methodische Einflüsse nachweisen lassen.

Es müsste also genauer geprüft werden, ob bestimmte therapeutische Erklärungsmodelle, vorgefasste diagnostische Annahmen oder schon bestehende Überzeugungen der Beteiligten die Ergebnisse mitgeprägt haben könnten. Entscheidend für die Bewertung ist dabei, wie viel von diesen Ergebnissen wirklich auf unabhängigen Untersuchungen beruht.
Dass Ergebnisse aus Untersuchungen derselben Patientengruppen mehrfach veröffentlicht werden, kann durchaus zusätzliche Erkenntnisse bringen – ersetzt aber keine Bestätigung durch neue, unabhängig rekrutierte Stichproben.

Sollte sich zeigen, dass relevante Selektionsverzerrungen oder andere methodische Abhängigkeiten vorliegen, müsste die Aussagekraft der betroffenen Studien und der darauf gestützten Schlussfolgerungen neu eingeschätzt werden.

Das gilt besonders für die Forschung zur Entstehung der Dissoziativen Identitätsstörung und zu ihrer behaupteten Verbindung mit ritueller Gewalt und sogenannter Mind Control. Hier wäre zu klären, ob bestimmte Erklärungsmodelle durch voneinander unabhängige empirische Befunde gestützt werden – oder ob ein Teil der Literatur im Wesentlichen immer wieder dieselben Patientengruppen mit ähnlichen therapeutischen und biografischen Hintergründen abbildet.

Eine solche Prüfung hätte auch Bedeutung für Menschen mit einer DIS-Diagnose. Sie könnte zunächst Verunsicherung auslösen, vor allem bei Betroffenen, die ihre Diagnose und ihre Lebensgeschichte eng mit bestimmten Vorstellungen über die Entstehung verbinden.

Eine kritische Prüfung wissenschaftlicher Erklärungsmodelle stellt aber selbstverständlich nicht die Beschwerden oder das Leiden dieser Menschen infrage. Im Gegenteil: Eine differenziertere wissenschaftliche Betrachtung könnte langfristig zu einer präziseren Diagnostik und zu Behandlungsansätzen beitragen, die sich stärker an unabhängig überprüften Erkenntnissen orientieren.

Auch für die öffentliche Wahrnehmung der DIS wäre das relevant. Es müsste klarer zwischen dem klinischen Erscheinungsbild der Störung, wissenschaftlichen Hypothesen über ihre Entstehung und spezifischen Erzählungen über organisierte oder rituelle Gewalt unterschieden werden.

Die entscheidende Frage ist damit nicht, ob die DIS existiert, sondern auf welcher empirischen Grundlage bestimmte Aussagen über ihre Entstehung, ihre Erscheinungsformen und ihre Verbindung mit spezifischen Gewaltnarrativen beruhen.

Ich denke durchaus, dass es gerechtfertigt ist, genauer hinzuschauen: Woher stammen die Stichproben, unter welchen diagnostischen Voraussetzungen wurden sie gebildet, und welche institutionellen Verflechtungen gibt es?
Denn wissenschaftliche Forschung muss nicht nur Ergebnisse liefern. Sie muss auch nachvollziehbar machen, unter welchen Bedingungen diese Ergebnisse zustande gekommen sind und in welchem Umfang sie unabhängig bestätigt werden konnten.

Eine kritische Überprüfung dieser Grundlagen wäre kein Angriff auf Menschen mit einer DIS-Diagnose – sie könnte gerade in ihrem Interesse liegen.

Zum Weiterlesen:

Bernd Harder – Skeptix: Neue Studie: „Rituelle Gewalt-Mind Control“ als fatales zirkuläres Deutungsgefüge

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