Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.
SP Lexikon
Satanic Ritual Abuse (SRA)
Satanic Ritual Abuse (SRA) bezeichnet die während der Satanic Panic insbesondere in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren verbreitete Vorstellung, geheime satanistische Kulte würden Kinder und Erwachsene systematisch sexuell missbrauchen, foltern und in ritualisierte Gewalthandlungen einbeziehen.
Den behaupteten Tätergruppen wurden weitreichende, häufig generationenübergreifende Strukturen zugeschrieben. Berichte umfassten neben sexuellem Missbrauch unter anderem Tieropfer, Menschenopfer, Kannibalismus, geheime Zeremonien und die gezielte Einschüchterung der Opfer. Zahlreiche entsprechende Schilderungen entstanden im Rahmen von Kinderbefragungen oder durch sogenannte „wiedergewonnene Erinnerungen“ während Psychotherapien.
Trotz umfangreicher polizeilicher und behördlicher Untersuchungen konnten die behaupteten großflächigen, geheim operierenden satanistischen Missbrauchsnetzwerke nicht nachgewiesen werden. SRA gilt deshalb als zentraler Bestandteil der Satanic-Panic-Verschwörungserzählung.
Ab den 1990er-Jahren verlor der ausdrückliche Satanismusbezug zunehmend an Bedeutung. Besonders im deutschsprachigen Raum wurden stattdessen Begriffe wie „Rituelle Gewalt“, „Organisierte Rituelle Gewalt“ und später „Rituelle Gewalt/Mind Control (RG/MC)“ verwendet. Wesentliche Elemente der ursprünglichen SRA-Erzählung – geheime Tätergruppen, generationenübergreifende Strukturen, Rituale und umfassende Kontrolle der Betroffenen – blieben dabei erhalten und wurden teilweise um Vorstellungen von „Programmierung“ und Mind Control erweitert.
SRA ist von tatsächlichem sexuellem Missbrauch sowie einzelnen Straftaten mit satanistischer oder ritualisierter Symbolik zu unterscheiden. Deren Existenz belegt nicht die behaupteten geheimen und gesellschaftlich weit verzweigten Täterorganisationen des SRA-Konzepts.
Satanistischer Kult
Der „satanistische Kult“ ist ein zentrales Motiv der Satanic Panic. Gemeint ist die Vorstellung einer geheim operierenden Gruppe, die Satan verehrt und deren Mitglieder systematisch schwere Straftaten wie sexuellen Kindesmissbrauch, Folter, Tier- oder Menschenopfer im Rahmen satanistischer Rituale begehen.
In den 1980er- und frühen 1990er-Jahren wurden insbesondere in den USA zahlreiche Berichte über solche angeblichen Kulte bekannt. Ihnen wurden häufig weitreichende Netzwerke, generationenübergreifende Mitgliedschaft, absolute Geheimhaltung und Verbindungen bis in gesellschaftliche Institutionen zugeschrieben. Trotz umfangreicher Ermittlungen konnten die behaupteten flächendeckenden satanistischen Täterorganisationen nicht nachgewiesen werden.
Der „satanistische Kult“ entwickelte sich damit zu einem Kernbestandteil der Verschwörungserzählung des Satanic Ritual Abuse (SRA). In späteren Konzepten der Rituellen Gewalt und RG/MC trat der Satanismus häufig in den Hintergrund; die Vorstellung geheimer, mächtiger und über Generationen bestehender Täterorganisationen blieb jedoch erhalten.
Davon zu unterscheiden sind tatsächlich existierende satanistische, atheistische Gruppierungen oder Einzelpersonen, ebenso wie einzelne Straftaten mit satanistischer Symbolik oder Selbstinszenierung. Deren Existenz ist kein Beleg für die während der Satanic Panic behaupteten geheimen satanistischen Missbrauchsnetzwerke.
Suggestion
Suggestion bezeichnet in der Psychologie die Beeinflussung von Wahrnehmungen, Gedanken, Erwartungen, Erinnerungen oder Verhalten durch Informationen, Fragen oder soziale Einflüsse. Sie kann bewusst oder unbeabsichtigt erfolgen und setzt weder Täuschungsabsicht noch Manipulation voraus.
Besonders relevant ist Suggestion bei Erinnerungen und Befragungen. Bereits die Formulierung einer Frage kann beeinflussen, wie ein Ereignis später erinnert wird. Wiederholtes Befragen, vorgegebene Antwortmöglichkeiten, Erwartungen einer Autoritätsperson oder das wiederholte Vorstellen eines Ereignisses können diesen Einfluss verstärken. Kinder können aufgrund ihrer Entwicklung für bestimmte Formen suggestiver Befragung besonders anfällig sein.
Suggestion bedeutet dabei nicht, dass sich Menschen beliebig jede Geschichte „einreden“ lassen. Ihre Wirkung hängt von zahlreichen Faktoren ab. Gut belegt ist jedoch, dass suggestive Einflüsse Erinnerungen verändern und unter bestimmten Bedingungen auch zur Entstehung falscher Erinnerungen beitragen können.
Suggestion im RG/MC-Kontext
Suggestion spielt eine zentrale Rolle bei der wissenschaftlichen Kritik an Satanic-Panic- und RG/MC-Konzepten. In historischen Fällen wie McMartin entstanden immer umfangreichere Missbrauchsschilderungen unter teilweise stark suggestiven Befragungsbedingungen. Ähnliche Probleme wurden später bei bestimmten Formen therapeutischer „Erinnerungsarbeit“ diskutiert.
Besonders problematisch ist ein therapeutischer Prozess, wenn bereits angenommen wird, hinter Symptomen müssten verborgener Missbrauch, unbekannte Persönlichkeitsanteile, „Programme“ oder eine Täterorganisation stehen. Fragen und Deutungen können dann vorgeben, wonach gesucht wird, während die anschließend entstehenden Berichte wiederum als Bestätigung der ursprünglichen Annahme verstanden werden.
Suggestion bietet damit einen wissenschaftlich untersuchten Mechanismus, durch den subjektiv vollkommen überzeugende Berichte entstehen oder verändert werden können, ohne dass bewusst gelogen wird. Sie beweist nicht, dass eine konkrete Erinnerung falsch ist – macht aber eine unabhängige Überprüfung schwerwiegender Anschuldigungen unverzichtbar.
Suggestive Befragung
Als suggestive Befragung wird eine Befragung bezeichnet, bei der Fragen, Reaktionen oder andere Einflüsse des Befragenden die Antworten einer Person in eine bestimmte Richtung lenken können. Besonders bedeutsam ist dies bei Zeugenaussagen und der Befragung von Kindern.
Suggestiv können beispielsweise Fragen sein, die eine bestimmte Antwort bereits voraussetzen („Was hat er mit dir gemacht?“), Informationen enthalten, die die befragte Person zuvor nicht genannt hat, oder wiederholt gestellt werden, obwohl eine Frage bereits verneint wurde. Auch Lob für erwartete Antworten, Kritik oder Zweifel an unerwünschten Antworten und die Vermittlung, andere Personen hätten ein bestimmtes Ereignis bereits bestätigt, können die Aussage beeinflussen.
Das Problem besteht nicht nur darin, dass eine Person schließlich eine gewünschte Antwort geben könnte. Informationen aus einer Befragung können sich mit der ursprünglichen Erinnerung verbinden. Dadurch können Erinnerungen verändert oder unter bestimmten Bedingungen falsche Erinnerungen entwickelt werden, die anschließend subjektiv als eigene authentische Erinnerung erlebt werden.
Bedeutung für Satanic Panic und RG/MC
Suggestive Befragungen spielten bei mehreren historischen Fällen der Satanic Panic eine zentrale Rolle. Besonders bekannt wurden die Kinderinterviews im Fall McMartin Preschool. Wiederholte und teilweise stark lenkende Befragungen trugen dort dazu bei, dass immer außergewöhnlichere Schilderungen über sexuellen Missbrauch, Rituale und angebliche geheime Vorgänge entstanden.
Ein vergleichbares Risiko besteht in Psychotherapien, wenn gezielt nach bislang unbekanntem Missbrauch, „Innenpersonen“, Ritualen, Täterkontakten oder „Programmen“ gesucht wird. Kennt die betroffene Person das erwartete Erklärungsmodell, können auch therapeutische Fragen und Interpretationen suggestiv wirken.
Eine suggestive Befragung beweist nicht, dass eine Aussage falsch ist. Sie kann jedoch deren Beweiswert erheblich beeinträchtigen, weil später häufig nicht mehr zuverlässig festgestellt werden kann, welche Informationen ursprünglich erinnert und welche erst im Verlauf der Befragung eingeführt oder entwickelt wurden.
Aus diesem Grund setzen moderne forensische Befragungsstandards insbesondere bei Kindern auf offene, möglichst neutrale Fragen und die Vermeidung suggestiver Vorgaben.
Täterintrojekt
Als Täterintrojekt wird insbesondere in Teilen der Trauma-, DIS- und RG/MC-Literatur ein innerer Persönlichkeitsanteil bezeichnet, der Eigenschaften, Aussagen, Verhaltensweisen oder Drohungen eines früheren Täters übernommen haben soll. Solche Anteile werden beispielsweise für selbstabwertendes, selbstverletzendes oder scheinbar „täterloyales“ Verhalten verantwortlich gemacht.
Der Begriff knüpft an das psychologische Konzept der Introjektion an – die Verinnerlichung von Einstellungen, Bewertungen oder Verhaltensmustern anderer Menschen. Daraus folgt jedoch nicht, dass im Inneren einer Person eine Art Abbild des Täters als eigenständige Person existiert.
Im Kontext von Ritueller Gewalt/Mind Control erhält das Täterintrojekt eine weitergehende Bedeutung. Dort wird teilweise angenommen, Täter hätten solche Persönlichkeitsanteile gezielt erzeugt oder „programmiert“, um Betroffene von innen heraus zu überwachen, zum Schweigen zu bringen, zu bestrafen oder an eine Täterorganisation zu binden.
Für eine solche gezielte Erzeugung und „Programmierung“ von Täterintrojekten gibt es keine belastbaren empirischen Belege. Besonders problematisch kann das Konzept werden, wenn innere Konflikte oder selbstschädigende Impulse als Hinweis auf fortbestehende Täterkontrolle interpretiert und damit innerhalb eines bereits vorausgesetzten RG/MC-Modells erklärt werden.
Täterloyale Innenperson
„Täterloyale Innenperson“ ist eine Bezeichnung aus dem Umfeld der Rituelle-Gewalt/Mind-Control-Konzepte (RG/MC). Gemeint ist ein vermeintlicher Persönlichkeitsanteil eines Menschen mit DIS, der weiterhin den Tätern verbunden sei, deren Anweisungen befolge oder innerhalb des sogenannten „Systems“ ihre Interessen vertrete.
Im RG/MC-Modell werden solchen „Innenpersonen“ beispielsweise die Überwachung anderer Anteile, die Verhinderung des Sprechens über Täter, Selbstbestrafung oder die Aufrechterhaltung des Kontakts zu einer angenommenen Täterorganisation zugeschrieben. Teilweise wird angenommen, diese Funktionen seien von Tätern gezielt durch „Programmierung“ geschaffen worden.
„Täterloyale Innenperson“ ist kein diagnostischer Begriff der Dissoziativen Identitätsstörung und gehört nicht zu deren diagnostischen Kriterien. Die Bezeichnung entstammt einem spezifischen Erklärungsmodell, das innere Konflikte und Verhaltensweisen innerhalb einer angenommenen Täterstruktur interpretiert.
Für die im RG/MC-Konzept behauptete gezielte Erzeugung oder Programmierung solcher Persönlichkeitsanteile gibt es keine belastbaren empirischen Belege.
Trigger
Der Begriff Trigger (engl. trigger = Auslöser) bezeichnet in der Psychologie einen Reiz, der eine bestimmte emotionale, körperliche oder verhaltensbezogene Reaktion auslöst. Besonders häufig wird der Begriff im Zusammenhang mit Trauma- und Belastungsstörungen verwendet.
Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung können beispielsweise Geräusche, Gerüche, Orte, Berührungen, Situationen oder andere Reize Erinnerungen und starke Stressreaktionen hervorrufen. Betroffene können mit Angst, körperlicher Erregung, Vermeidung, Flashbacks oder anderen traumabezogenen Symptomen reagieren. Solche Trigger müssen nicht bewusst erkannt werden und können individuell sehr unterschiedlich sein.
Trigger im RG/MC-Kontext
Im Konzept der Rituellen Gewalt/Mind Control (RG/MC) erhält der Begriff eine wesentlich weitergehende Bedeutung. Dort werden Trigger als von Tätern teilweise gezielt festgelegte Signale verstanden, mit denen zuvor „programmierte“ Reaktionen oder bestimmte Persönlichkeitsanteile aktiviert werden könnten.
Als solche Trigger werden beispielsweise Wörter, Zahlen, Symbole, Farben, Musikstücke, Gesten, bestimmte Daten oder Gegenstände beschrieben. Nach dem RG/MC-Modell könnten Täter damit aus der Ferne „Programme“ starten, Erinnerungen blockieren, Schweigen erzwingen, bestimmte Persönlichkeitsanteile hervorrufen oder Betroffene zu festgelegten Handlungen veranlassen.
Diese Vorstellung ist von psychologisch bekannten traumabezogenen Triggerreaktionen zu unterscheiden. Dass Reize erlernte oder traumatische Reaktionen auslösen können, ist kein Nachweis dafür, dass Täter komplexe Verhaltensprogramme installieren und später mittels geheimer Signale gezielt aktivieren können.
Für Trigger als Bestandteil eines solchen programmierten psychischen Steuerungssystems gibt es keine belastbaren empirischen Belege. Diese Bedeutung des Begriffs gehört zum RG/MC-Erklärungsmodell und nicht zur diagnostischen Definition der DIS oder einer Traumafolgestörung.
Verschwörungsideologisches Milieu
Als verschwörungsideologisches Milieu wird ein soziales Umfeld bezeichnet, in dem verschwörungsideologische Vorstellungen verbreitet, geteilt und gegenseitig bestätigt werden. Dazu können Gruppen, Vereine, Medien, Online-Communitys, Veranstaltungen oder informelle Netzwerke gehören.
Kennzeichnend ist nicht zwingend eine einzelne gemeinsame Verschwörungserzählung. Vielmehr entsteht ein Deutungsrahmen, in dem gesellschaftliche Ereignisse bevorzugt durch das geheime und planmäßige Handeln mächtiger Gruppen erklärt werden. Widersprechende Informationen können dabei als Teil der Vertuschung interpretiert und fehlende Belege gerade mit der Macht und Geheimhaltung der angenommenen Verschwörer erklärt werden. Dadurch können solche Überzeugungssysteme zunehmend gegen Widerlegung abgeschirmt werden.
Im Kontext von Ritueller Gewalt/Mind Control
Auch um die Vorstellungen von Ritueller Gewalt und Mind Control (RG/MC) hat sich ein entsprechendes Milieu aus Teilen der Betroffenenszene, therapeutischen und beratenden Angeboten, Fortbildungen, Publikationen, Vereinen und Aktivismus entwickelt. Innerhalb dieses Umfelds werden Vorstellungen von geheimen Täterorganisationen, „Programmierung“, täterloyalen Innenpersonen oder generationenübergreifenden Kulten teilweise als tatsächliches Wissen vermittelt, obwohl für das zugrunde liegende Gesamtmodell keine belastbaren empirischen Belege vorliegen.
Problematisch ist insbesondere die gegenseitige Bestätigung innerhalb eines solchen Netzwerks: Berichte Betroffener können als Beleg für das Modell gelten, während das Modell wiederum zur Interpretation der Berichte herangezogen wird. Fehlende Erinnerungen, Zweifel oder ausbleibende externe Belege können innerhalb des Systems ebenfalls eine Erklärung erhalten.
Der Begriff beschreibt damit nicht einzelne Personen als „Verschwörungstheoretiker“, sondern ein soziales und kommunikatives Umfeld, das die Entstehung, Stabilisierung und Weitergabe verschwörungsideologischer Überzeugungen begünstigen kann.
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