Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.
SP Lexikon
Organisierte Rituelle Gewalt
Organisierte Rituelle Gewalt (ORG) ist eine Erweiterung des Konzepts der Rituellen Gewalt. Der Begriff wird vor allem innerhalb des entsprechenden therapeutischen und aktivistischen Netzwerks verwendet und bezeichnet die Vorstellung, dass organisierte, häufig generationenübergreifende Tätergruppen Menschen systematisch missbrauchen, foltern und durch Rituale, Konditionierung und teilweise sogenannte „Programmierung“ kontrollieren.
Das Konzept steht historisch in der Tradition der Satanic-Panic- bzw. Satanic-Ritual-Abuse-Erzählungen. Während der ausdrückliche Satanismusbezug später häufig entfiel, blieb die Vorstellung geheimer, dauerhaft operierender und gesellschaftlich vernetzter Täterstrukturen bestehen.
Für die Existenz solcher umfassenden, im ORG-Konzept beschriebenen Täterstrukturen gibt es keine belastbaren empirischen Belege. Der Begriff ist daher von organisierter sexualisierter Gewalt zu unterscheiden. Letztere ist eine dokumentierte Form von Kriminalität und setzt weder geheime Kultstrukturen noch Rituale, „Programmierung“ oder Mind Control voraus.
In seiner umfassenden Form weist das Konzept der Organisierten Rituellen Gewalt wesentliche Merkmale einer Verschwörungserzählung auf.
Orkney Child Abuse Scandal
Der Orkney Child Abuse Scandal bezeichnet einen Kinderschutzfall auf den schottischen Orkney-Inseln, der 1991 internationale Aufmerksamkeit erregte. Sozialbehörden gingen davon aus, dass Kinder innerhalb mehrerer Familien nicht nur sexuell missbraucht, sondern in rituelle bzw. satanistische Missbrauchshandlungen einbezogen worden seien.
Der Fall entwickelte sich aus bereits bestehenden Missbrauchsvorwürfen innerhalb einer Familie. Sozialarbeiter kamen im weiteren Verlauf zu der Überzeugung, dass auch andere Familien und Kinder betroffen sein könnten und möglicherweise ein Netzwerk rituellen Missbrauchs existiere.
Am frühen Morgen des 27. Februar 1991 wurden neun Kinder aus mehreren Familien von Polizei und Sozialarbeitern aus ihren Häusern geholt. Sie wurden von ihren Eltern getrennt und anschließend über mögliche Missbrauchserfahrungen befragt.
Im Verlauf der Befragungen entstanden Berichte über angebliche Rituale, bei denen unter anderem Erwachsene in besonderen Gewändern, Zeremonien und weitere ungewöhnliche Handlungen eine Rolle gespielt haben sollten. Die Befragungsmethoden gerieten jedoch zunehmend in die Kritik. Den beteiligten Fachkräften wurde vorgeworfen, Kinder wiederholt und teilweise suggestiv befragt sowie Antworten, die nicht den bestehenden Erwartungen entsprachen, nicht ausreichend berücksichtigt zu haben.
Bereits wenige Wochen später brach das gerichtliche Verfahren zusammen. Ein schottisches Gericht kritisierte das Vorgehen der Behörden scharf und ordnete die Rückkehr der Kinder zu ihren Familien an.
Eine anschließend eingesetzte offizielle Untersuchung unter Leitung von Lord Clyde untersuchte das Vorgehen der beteiligten Behörden. Der 1992 veröffentlichte Bericht stellte erhebliche Defizite bei Planung, Zusammenarbeit und Durchführung der Kinderschutzmaßnahmen fest. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei auch der Art und Weise, wie die Kinder befragt worden waren.
Für die Geschichte der Satanic Panic ist Orkney von besonderer Bedeutung, weil der Fall zeigt, dass sich Vorstellungen von organisiertem satanisch-rituellem Kindesmissbrauch Anfang der 1990er-Jahre auch in Großbritannien innerhalb professioneller Kinderschutzstrukturen etabliert hatten. Ähnliche Vorstellungen waren zuvor insbesondere in Nordamerika verbreitet worden.
Der Orkney-Fall bedeutet dabei nicht, dass sexueller Kindesmissbrauch innerhalb von Familien oder anderen sozialen Strukturen grundsätzlich infrage gestellt werden sollte. Er zeigt vielmehr die Gefahr, dass aus einem konkreten Missbrauchsverdacht durch Erwartungshaltungen, suggestive Befragungen und sich gegenseitig bestätigende Annahmen eine wesentlich umfassendere Täter- und Ritualtheorie entstehen kann, für die unabhängige Belege fehlen.
Heute gilt der Orkney-Fall als wichtiges Beispiel für die Entwicklung professioneller Standards bei forensischen Kinderbefragungen und Kinderschutzverfahren und zugleich als ein bedeutender britischer Fall im historischen Umfeld der Satanic Panic.
