Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.
SP Lexikon
False Memory / falsche Erinnerung
Als False Memory („falsche Erinnerung“) wird eine Erinnerung an ein Ereignis bezeichnet, das entweder nicht stattgefunden hat oder in wesentlichen Punkten anders stattgefunden hat, als es erinnert wird.
Falsche Erinnerungen sind keine bewussten Lügen. Eine Person kann eine falsche Erinnerung als lebhaft, detailliert und vollkommen authentisch erleben und von ihrer Richtigkeit überzeugt sein. Das menschliche Gedächtnis funktioniert nicht wie eine unveränderliche Aufzeichnung, sondern rekonstruiert Erinnerungen bei jedem Abruf. Dabei können spätere Informationen, Erwartungen, Erzählungen anderer Personen oder eigene Vorstellungen in die Erinnerung einfließen.
Experimentelle Gedächtnisforschung hat gezeigt, dass Erinnerungen durch Suggestion, irreführende Informationen, wiederholtes Vorstellen und bestimmte Befragungsmethoden verändert werden können. Unter bestimmten Bedingungen können Menschen auch Erinnerungen an autobiografische Ereignisse entwickeln, die tatsächlich nicht stattgefunden haben.
False Memories im RG/MC-Kontext
Falsche Erinnerungen sind für die Satanic-Panic- und RG/MC-Debatte von besonderer Bedeutung, weil zahlreiche Berichte über rituellen Missbrauch, geheime Kulte oder „Programmierung“ im Rahmen von Psychotherapien bzw. intensiver Erinnerungsarbeit auftauchten.
Werden dabei bereits bestimmte Täterstrukturen oder verborgene Traumata vorausgesetzt und anschließend durch wiederholtes Befragen, Imagination, Hypnose oder die Suche nach vermeintlich abgespaltenen Erinnerungen rekonstruiert, besteht die Gefahr suggestiver Erinnerungsbildung.
Das bedeutet nicht, dass jede spät auftauchende oder therapeutisch berichtete Erinnerung falsch ist. Ebenso wenig lässt sich die Wahrheit einer Erinnerung allein anhand ihrer Lebhaftigkeit oder der subjektiven Gewissheit beurteilen. Bei konkreten Anschuldigungen ist deshalb die unabhängige Überprüfung durch externe Belege entscheidend.
False Memory Syndrome Foundation (FMSF)
Die False Memory Syndrome Foundation (FMSF) war eine 1992 in den USA gegründete Organisation, die sich mit dem Problem mutmaßlich falscher bzw. in Psychotherapien entstandener Erinnerungen an sexuellen Missbrauch beschäftigte. Sie entstand auf dem Höhepunkt der sogenannten Memory Wars, als zunehmend Erwachsene – häufig während oder nach einer Psychotherapie – von neu aufgetauchten Erinnerungen an schweren sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit berichteten.
Zu den Gründungsfiguren gehörten Pamela und Peter Freyd. Ihre erwachsene Tochter, die Psychologin Jennifer Freyd, hatte Peter Freyd sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit vorgeworfen, was dieser bestritt. Dieser familiäre Hintergrund gehört zur Geschichte der FMSF und wurde von Kritikern der Organisation immer wieder als Hinweis auf einen möglichen Interessenkonflikt angeführt.
Die FMSF vertrat die Auffassung, dass zumindest ein Teil der plötzlich auftauchenden Missbrauchserinnerungen nicht auf tatsächlich wiedererlangten Erinnerungen beruhte, sondern unter anderem durch suggestive Psychotherapieverfahren, Hypnose, angeleitete Imagination, wiederholtes Befragen und die Erwartung bislang verdrängter Traumata entstehen oder verändert werden könne.
Im wissenschaftlichen Beirat der Organisation wirkten zahlreiche Wissenschaftler und Kliniker mit, darunter bekannte Gedächtnisforscher. Besonders eng mit der öffentlichen Debatte über falsche Erinnerungen verbunden wurde die Psychologin Elizabeth Loftus, deren experimentelle Forschung zeigte, dass autobiografische Erinnerungen veränderbar sind und Menschen unter bestimmten Bedingungen Erinnerungen an Ereignisse entwickeln können, die nicht stattgefunden haben.
Der von der Organisation verwendete Ausdruck „False Memory Syndrome“ ist allerdings keine anerkannte psychiatrische Diagnose und wurde weder in das DSM noch in die ICD als eigenständige psychische Störung aufgenommen. Das ist von der wissenschaftlichen Erforschung falscher Erinnerungen zu unterscheiden: Dass menschliche Erinnerung rekonstruktiv und für Verzerrungen, Fehlinformationen und Suggestion anfällig ist, ist durch umfangreiche gedächtnispsychologische Forschung belegt.
Die FMSF wurde zugleich heftig kritisiert. Betroffenenorganisationen und Teile der Traumaforschung warfen ihr vor, tatsächlichen sexuellen Kindesmissbrauch zu relativieren oder Beschuldigten eine wissenschaftlich klingende Möglichkeit zur Zurückweisung wahrer Erinnerungen zu liefern. Die Auseinandersetzung entwickelte sich zu einem zentralen Bestandteil der Memory Wars der 1990er-Jahre.
Die eigentliche wissenschaftliche Kontroverse war dabei komplexer als die einfache Gegenüberstellung „Erinnerung oder falsche Erinnerung“. Weder lässt sich aus einer spät auftauchenden Erinnerung automatisch schließen, dass sie falsch ist, noch beweist die subjektive Gewissheit einer Person, dass eine Erinnerung historisch zutreffend ist. Entscheidend ist deshalb insbesondere bei schwerwiegenden Anschuldigungen die Frage nach unabhängiger Bestätigung und überprüfbaren Belegen.
Die FMSF stellte ihre Tätigkeit 2019 ein. Ihre historische Bedeutung liegt vor allem darin, die Risiken suggestiver Erinnerungsarbeit und die wissenschaftliche Erforschung der Fehlbarkeit autobiografischer Erinnerung in eine breite öffentliche und fachliche Debatte eingebracht zu haben. Die von ihr mitgeprägte Kontroverse wirkt bis heute in Diskussionen über Recovered Memories, Trauma, Dissoziation und therapeutische Suggestion fort.
