Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.
SP Lexikon
Iatrogen
Iatrogen bezeichnet in Medizin und Psychologie Beschwerden, Symptome oder Störungen, die durch eine medizinische oder therapeutische Behandlung verursacht oder mitverursacht werden. Eine iatrogene Entstehung setzt keine Absicht und kein Fehlverhalten voraus. Auch eine in guter Absicht durchgeführte Behandlung kann unbeabsichtigte Auswirkungen haben.
In der Psychotherapie können beispielsweise Erwartungen des Therapeuten, suggestive Fragen, wiederholtes Nachfragen, bestimmte Deutungsmodelle oder therapeutische Techniken beeinflussen, wie Patienten ihre Symptome wahrnehmen, interpretieren und beschreiben.
Iatrogenese im Kontext von DIS und RG/MC
In der wissenschaftlichen Kontroverse um die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) bezeichnet das iatrogene Modell die Hypothese, dass bestimmte Ausprägungen dissoziativer Symptomatik durch therapeutische Einflüsse hervorgerufen oder verstärkt werden können. Besonders diskutiert wird dies bei Therapien, in denen gezielt nach weiteren „Persönlichkeitsanteilen“, verdrängten Erinnerungen oder unbekannten traumatischen Ereignissen gesucht wird.
Für die Recovered-Memory- und RG/MC-Debatte ist Iatrogenese besonders relevant. Wird beispielsweise vorausgesetzt, dass unerklärliche Symptome auf verborgenen Missbrauch, unbekannte Persönlichkeitsanteile oder „Programme“ zurückzuführen seien, können therapeutische Fragen und Interpretationen diese Annahmen zunehmend bestätigen. Innerhalb eines geschlossenen Erklärungsmodells können schließlich auch Zweifel oder fehlende Erinnerungen als Hinweise auf besonders wirksame „Amnesiebarrieren“ oder „Programmierungen“ gedeutet werden.
Die Diskussion um iatrogene Einflüsse bedeutet nicht, dass die DIS grundsätzlich therapeutisch erzeugt wird oder Missbrauchserfahrungen von Patienten generell falsch sind. Sie betrifft die Frage, welchen Einfluss Behandlung, Suggestion und bestehende Erklärungssysteme auf Symptome, Erinnerungen und deren Interpretation haben können.
