Unruhe für die Sabrinas

Die ZDF-Doku „Ich bin viele“ hat nicht nur Wellen geschlagen, sondern auch einen destruktiven Prozess erzeugt, der in den Sabrinas – der Protagonistin der Sendung – Unruhe und Verwirrtheit auslöste.

In den Kreisen derer, die überzeugt sind, einen satanisch/rituellen Missbrauch erlebt zu haben, war man empört, weil man glaubte, dass das Krankheitsbild durch die Darstellung im TV-Beitrag verfälscht würde. Die Empörung ging so weit, dass man einen Brief bzw. eine Stellungnahme an das ZDF schrieb, unter dem einige Betroffene unterschrieben hatten. Sie bezeichneten sich u.a. als:

»Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind… «

Als ich es das erste Mal gelesen hatte, winkte ich ab. Inzwischen weiß ich aber, dass die Sabrinas mit einer Lüge konfrontiert wurden: Angeblich gäbe es eine »DIS Vereinigung«. Entsprechend waren die Sabrinas verunsichert, verwirrt und offensichtlich verängstigt.

Ich werde natürlich nicht offen schreiben, von wem ich diese Information habe. Bekannte und Vertraute können aber gerne per Mail entsprechende Screenshots erhalten.

Wenn ich so etwas mitbekomme, werde ich richtig – ja, welches Wort ist nun das richtige? – wütend trifft es nicht. Eher verzweifelt.

Reicht es nicht, dass sich all jene, die überzeugt sind, satanisch missbraucht worden zu sein, in jede noch so winzige, große und kleine Psycho-Ecke rein hacken? Wie eine Kracke sind sie im Netz unterwegs und greifen überall hinein, wo Psychologie und Trauma drauf steht. Nichts ist sicher, solange sie nicht endgültig alle davon überzeugt haben, dass es den satanischen, nationalen und internationalen Kult gibt.

Was Vernetzung betrifft, können sie dies ja auch gerne tun. Ich freue mich durchaus, wenn sich Betroffene vernetzen. Meine Freude hört aber spätestens dann auf, wenn diese Betroffenen es scheinbar nicht mal ertragen, dass eine andere DIS Betroffene im öffentlichen Medium gezeigt und präsentiert wird.

Das Sendeformat 37° hat sich laut eigener Auskunft auf die Fahnen geschrieben, individuelle Geschichten zu erzählen von Menschen in ihrem jeweiligen Kontext mit ihren Lebensrealitäten, ihren Emotionen und Sehnsüchten. 

Und genau darum ging es. EINE Person wurde porträtiert! Diese eine Person hat vom ZDF Aufmerksamkeit bekommen und konnte sich zeigen, so wie sie ist. Es ging in der Reportage nicht – und wenn, dann nur sekundär – darum, zu vermitteln, was eine Dissoziative Identitätsstörung ist. Es ging um die Sabrinas und um sonst nichts.

Die Frau hat neben der psychischen Erkrankung auch eine ernsthafte körperliche Krankheit und benötigt keine Verunsicherung durch Menschen, die es nicht ertragen können, ausnahmsweise mal nicht im Mittelpunkt mit ihrer Form der DIS und ihren Erlebnissen zu stehen.

Und genau das ist der Punkt, der mich dazu bringt, immer weiter zu machen. Diejenigen, die überzeugt sind, satanisch-rituell missbraucht worden zu sein, schreien so lange, dass sie gehört werden wollen, bis es keinen anderen mehr gibt, der gehört werden kann. Sie sind dermaßen dominant und präsent, dass alle anderen im Dunkeln verschwinden und ihre Stimme verlieren.

Es gibt keine »DIS Vereinigung«!

Ist es das, was sie meinen, wenn sie sagen, sie wollen sich noch mehr vernetzen? Dass sie sich selbst als »Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind… « und als »DIS Vereinigung« darstellen? Um nach außen hin mehr Einfluss zu erlangen?

Dazu möchte ich ein Zitat von Petra Hasselmann aus ihrem Buch Rituelle Gewalt und Dissoziative Identitätsstörung einfügen:

Auf Seite 8/9 schreibt sie:

… Auf der anderen Seite stehen die Leidtragenden selbst. Sie nehmen nicht nur die formellen Hilfsangebote in Anspruch, sondern bewegen und formieren sich – und das oftmals bewusst jenseits öffentlicher Beachtung – in virtuellen Räumen und geschlossenen Benutzerforen. Dort organisieren sie gruppenintern Selbsthilfe und agieren damit als eigenständige Subkultur ohne einen formellen Überbau bzw. einen staatlichen oder therapeutischen Dachverband.

… als eine eigenständige Subkultur. Genau das ist es, was sie sein möchten: eine eigenständige Vereinigung ohne therapeutischen oder moderaten Überbau, selbst wenn sie damit Sodom und Gomorra erzeugen.

Liebe Opfer – und ich meine nun alle anderen DIS Opfer und Opfer allgemein mit Traumafolgestörung:

Lasst euch niemals verunsichern. Es gibt keinen, der über euch steht oder euch was zu sagen hat. Es gibt keinen mit irgendeiner Deutungsmacht und Diskurshoheit! Es gibt keinen, der bestimmen darf, was im Fernseher gezeigt werden kann und was nicht. Ich würde euch gerne sagen, was es gibt. Aber dann – wenn ich das tue – spätestens dann habe ich die Contenance verloren.

Marvel Stella

Siehe dazu auch: Ich bin Viele – Erklärung!

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