Subkulturen: Entwicklung und Gefährdung

An dieser Stelle möchte ich auf den aktuellen Stand der DIS-Szene in Deutschland eingehen und aufzeigen, wieso Aufklärungsarbeit so nötig ist. Mir scheint, es kommen immer mehr Gründe hinzu:

Inzwischen haben wir hier den Stand erreicht, den Frank W. Putnam bereits in den 90er Jahren als »populistische Basis der Multiplen-Bewegung« bezeichnete. Er hat sich darüber sehr besorgt geäußert und auch Richard Kluft wollte diese Art der Bewegung verhindern.

Der kanadische Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking schrieb dazu 1995 in seinem Buch: »Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der Moderne«:

»Vor einigen Jahren wurde ein Komitee für ein elektronisches Bulletin gegründet. Diese Leute hoffen, immer mehr Einfluss zu finden. Auf diese Weise werden sich vielleicht Subkulturen von Multiplen entwickeln und sogar eine noch größere, untereinander vernetzte kontinentale Subkultur. Diese Entwicklung wird nicht von allen begrüßt. Richard Kluft beendete eine Ansprache auf dem Treffen seiner Berufskollegen in Chicago 1993 damit, dass er die von ihm so bezeichnete »MPD-Subkultur« in Frage stellte.«

Hacking, Ian: Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der Moderne, 1996, S. 54

Im Folgenden wird der Psychiater und Psychoanalyst Richard Kluft von Ian Hacking zitiert:

„Es gehört zu der gesellschaftlich vorgeschriebenen Rolle des Krankseins, an der Genesung mitzuarbeiten und die Krankheit hinter sich zu lassen. Wir befinden uns jedoch in einer Situation, in der viele unserer MPD-Patienten und auch einige von uns nicht unbedingt daran denken. Stattdessen erlauben wir es einer Menge von MPD Patienten, herum zu sitzen und zu lernen, wie man mit einer MPD Umwelt umgeht, wie man MPD Freunde gewinnt und den ganzen Tag nur über MPD spricht…“
Richard Kluft, zit. n. Hacking, Ian: Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der Moderne, 1996, S. 54

Was hier geschrieben steht, ist bereits 30 Jahre alt. Alle drei – Hacking, Kluft und Putnam – haben die Probleme, die es mit der vernetzten DIS-Subkultur geben wird, vorausgesehen und davor gewarnt. Mittlerweile ist es sogar noch bedeutend schlimmer geworden:

Diese Subkultur, die aus psychisch kranken Menschen besteht, – anders als z.B. die Subkultur der Homosexuellen – versucht die Umwelt nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Motiviert werden sie unter anderem durch psychologische (keine ärztlichen) Psychotherapeuten und christliche Vereinigungen.

Ian Hacking erfragte 1995 sehr treffend:

»Wer wird am Ende wohl das Eigentumsrecht an dieser Krankheit besitzen: hochqualifizierte Kliniker mit jahrelanger Ausbildung oder eine populistische Allianz aus Patienten und Therapeuten, die eine Multiplen-Kultur willkommen heißen und Alter-Persönlichkeiten kultivieren.«

Hacking, Ian: Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der Moderne, 1996, S. 74

Wie man sieht, hatten die meisten hochqualifizierten Kliniker kaum eine Chance.

Obendrein sorgt die DIS-Subkultur dafür, dass andere Subkulturen, die seit vielen Jahrzehnten darum kämpfen, dass ihre vollkommen legitime und harmlose Sexualität anerkannt wird, erneut in Verruf geraten.

So schreibt u.a. Michaela Huber:

„Interessant ist, dass in städtischen Intellektuellenkreisen die Verehrung des Bösen seit etlichen Jahrzehnten als besonders gilt. Anton LaVeys in den 1960er-Jahren verfasste Satanische Bibel machte seit den 1970ern Furore, viele spirituell Sinnsuchende, die morbiden Phantasien gegenüber aufgeschlossen waren, interessierten sich seither für seine „Church of Satan“ (die auch in Deutschland etliche Ableger hat); gleichzeitig stieg die Faszination für faschistisches Gedankengut. Ebenfalls im gleichen Zeitraum veränderte sich die gesellschaftliche Akzeptanz nicht nur von Softpornos, sondern auch von Kinderfolterdokumentationen, vulgo Kinderpornografie, Sadomasochismus, sadistischste Krimis, Horror- bis hin zu Snuff-Filmen in Ausschnitten aufs Handy, parallel Enthauptungsvideos von Islamisten. All das Durcheinander einer Kakofonie von brutalen Schnipseln prasselte auch auf Jugendliche ein – und alle, die sich dagegen wehren wollten und auf die Gefahren hinwiesen, wurden lächerlich gemacht und diffamiert.“
– Huber, Michaela: Trauma und die Folgen. Band 1, 2020, S. 238

Es geht mir in diesem Fall ausdrücklich nicht um Michaela Huber, sondern darum, dass diese Darstellung bereits auf mehreren offiziellen Hilfeseiten für Menschen, die rituelle (satanische) Gewalt erlebt haben sollen, Einzug gefunden hat…

… und genau diese Seiten werden sogar von Jan Gysi in seiner Mailingliste beworben und empfohlen.

Worum geht es konkret?

Um den Sadomasochismus, der ganz selbstverständlich neben Kinderpornografie und Enthauptungsvideos von Islamisten, uvm. – in einem Atemzug – aufgezählt wird.

Ich halte es für dringend erforderlich, hier eine klare Trennung vorzunehmen. Korrekt wäre es gewesen, hätte man vom periculären sexuellen Sadismus, sprich: vom forensisch bedeutsamen Sadismus geredet.

Wir befinden uns nicht im Jahre 1913, in dem Isidor Sadger in einem Aufsatz »Über den sado-masochistischen Komplex«[1] schrieb. Der Begriff wurde bereits 1962 von Giese in Sadismus und Masochismus getrennt.[2]

Die Menschen in der BDSM Szene sehen und bezeichnen sich in der heutigen Zeit selbst als Sadomasochisten, da der Begriff den Sadismus und Masochismus als eine Einheit umfasst, was zum Ausdruck bringen soll, dass die sexuelle Neigung beidseitig und unter Einhaltung des SSC-Prinzips (safe, sane, and consensual) ausgelebt wird.

Diese Vermischung einer sexuellen Ausrichtung mit all den grausamen Verbrechen ist nicht hinnehmbar. So viel Respekt, Akzeptanz und Toleranz sollte man im Jahr 2022 vor Randgruppen bzw. Subkulturen haben, um hier eine klare Trennung vorzunehmen. Ich hoffe sehr, dass die Gleichsetzung einer legitimen Neigung mit Straftaten nicht willkürlich publiziert wurde und ich appelliere daran, Änderungen vorzunehmen. Zumindest auf all den Info-Webseiten für psychisch kranke Menschen, denn da sind – anders als in einem bereits veröffentlichen Buch – Änderungen jederzeit möglich!

Unterm Strich hat sich eine multiple Subkultur gebildet, die – egal, wohin sie geht – Gräben aushebt. Man weiß mittlerweile nicht mehr, wo man mit der Aufklärung beginnen kann/soll. Ich hoffe, dass sich immer mehr Menschen damit befassen und dass das XXL-Infopaket zum Thema Satanic Panic von Lydia Benecke dabei helfen kann.

[1] Sadger, Isidor Isaak: Über den sado-masochistischen Komplex. In: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. 5, 1913, S. 157-232

[2] Giese, Hans: Psychopathologie der Sexualität, 1962

Zum Weiterlesen:

Für umfangreiche Informationen zum Thema Satanic Panic sorgt das XXL-Infopaket von Lydia Benecke.

Zusatz:

Im Sinne einer notwendigen Weiterbildung empfehle ich – gleichfalls von der Kriminalpsychologin Lydia Benecke – die Diplomarbeit:

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