Statement zum False Memory Verein

Ich habe eigentlich geglaubt (oder vielleicht auch nur gehofft), Nora und ich müssten uns hierzu niemals positionieren. Nun müssen wir es aber doch, weil es im Zusammenhang mit der Satanic Panic vorkommt, dass einzelne Personen den Artikel Satanismus und ritueller Missbrauch verlinken, der von der Seite www.false-memory.de stammt.

Nora und ich distanzieren uns ausdrücklich von diesem Verein!

Unser allgemeines Verständnis vom False Memory Verein

Verschwörungs-Anhänger behaupten, der Verein „False Memory e.V.“ wurde von Tätern ins Leben gerufen. Dieser Behauptung messe ich wenig Bedeutung bei, denn für die Anhänger der Verschwörung ist jeder ein Täter oder täterunterstützend, der rituelle (satanische) Gewalt als Verschwörungsnarrativ betrachtet. Das bedeutet: Es ist völlig egal, wen die Anhänger der Satanic Panic Verschwörung als Täter bezeichnen und wen nicht. Es hat keinerlei Bedeutung und darf als komplett nichtig-unwichtig betrachtet werden.

Nora und mir ist nicht bekannt, ob sich Täter dem im Jahr 2012 entstandenen „False Memory Deutschland e.V.“ Verein angeschlossen haben. Grundsätzlich finde wir es aber gut und richtig, wenn sich zu Unrecht Beschuldigte zusammenschließen, um gemeinsam die Verbrechen bzw. den Missbrauch mit dem Missbrauch aufzuklären.

Alleine schon deswegen wollten Nora und ich uns niemals positionieren. Die meisten Beiträge von der Seite „www.false-memory.de“ könnten wir auch mit einem sehr ruhigen Gewissen empfehlen, da sie wissenschaftlich fundiert und korrekt sind.

Das trifft allerdings nicht auf alle Beiträge zu. Ich weiß nicht, ob sich der Verein selbst einen Gefallen damit getan hat, auf die Studien von Susan Clancy einzugehen und ihre These auf der Webseite zu übernehmen. Ich glaube eher, sie haben sich damit selbst ein Bein gestellt.

Warum wir uns distanzieren

Unter den Fakten zu sexuellem Missbrauch auf dieser Webseite befindet sich ein Absatz, in dem es um die Frage geht, wie traumatisch ein wirklicher Missbrauch sei. Darin werden die Thesen von Susan Clancy unreflektiert übernommen.

So schreibt False Memory e.V., dass Susan Clancy Hunderte von tatsächlich missbrauchten Personen befragte, wie sie den Missbrauch zum Zeitpunkt des Geschehens erlebt hatten. Das geschah bereits in den 1990er-Jahren, also in einer Zeit, als die Forschung über den Einfluss des sexuellen Missbrauchs auf die Psyche des Opfers noch nicht so weit fortgeschritten war.

Einerseits spricht Clancy über die Anfälligkeit für die Erzeugung falscher Erinnerungen, anderseits aber interviewte sie erwachsene Überlebende zum Thema sexueller Missbrauch in der Kindheit und nahm diese wörtlich, wenn sie sagten, sie fühlten sich durch den Missbrauch nicht traumatisiert. Doch diese Personengruppe der Überlebenden kann meines Erachtens am allerwenigsten beurteilen, was für sie in der Kindheit traumatisch war und was nicht, weil eben genau bei ihnen zum Zeitpunkt des Geschehens ein psychologischer Abwehrmechanismus in Gang gesetzt worden ist.

Susan Clancy postuliert weiters, Missbrauch sei in der Regel nicht traumatisierend, wenn er stattfindet, sondern führe oft erst später zu psychischen Problemen.

Psychische Probleme im Sinne von Symptomen und anderen Beeinträchtigungen setzen jedoch grundsätzlich zeitversetzt ein. Zuerst versucht sich die Psyche mit Hilfe von Kompensation zu erholen. Wenn das dann nicht klappt, entwickelt sie im Laufe des Lebens – früher oder später, was sehr individuell ist – deutlich spürbar psychische Probleme.

Susan Clancy meinte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) aus dem Jahr 2010:

Ein Trauma ist objektiv lebensbedrohlich, wenn man beschossen wird, oder subjektive Erfahrungen macht, die ähnlich Angst, Schrecken, Hilflosigkeit hervorrufen.

Interview mit der SZ, 16.6.2010

So etwas, so ihre Meinung, läge bei den meisten Missbräuchen nicht vor.

Ich vermute, Clancy hatte zum Zeitpunkt ihrer Publikationen nur eine sehr geringe Vorstellung davon, wie groß die Hilflosigkeit der Kinder ist, wenn diese sexuelle Grenzverletzung erleben. Die Frage ist, ob sie überhaupt irgendeine Vorstellung davon hatte, wenn sie gleichzeitig die Meinung vertritt, in einigen Fällen würde es den Kindern sogar gefallen, da sie oft die Aufmerksamkeit, Komplimente und Geschenke genießen, die damit verbunden sind.

Das ist bereits eine extrem große Verzerrung der Realität.

30 Jahre sind seit Clancys Publikationen vergangen, aber die Wissenschaft konnte derartig haarsträubende Thesen, dass einem Kind der sexuelle Übergriff gefalle, weil es danach Geschenke bekomme, niemals belegen oder verfestigen.

Und zur Krönung meinte Frau Clancy auch noch, sie handle im Interesse der Opfer: Immerhin würde es nur selten zur Anzeige kommen, weil sich die Kinder schuldig fühlen – und schuldig fühlen sie sich, weil es für sie auf Grund der fehlenden Traumatisierung keine Gegenwehr gab.

Gedankenpause

Ja, Opfer fühlen sich schuldig, denn zu 90% (mindestens) projiziert der Missbraucher seine eigenen Gedanken in das Opfer hinein, manchmal unbewusst, oftmals aber bewusst und manipulativ. Soll heißen: Den Opfern wird vom Täter suggeriert, dass sie es schön finden, dass es ihnen gefällt und dass sie es ja wollen. Viele schleppen dieses suggerierte Denken bis ins Erwachsenenalter mit sich herum. Alleine schon deswegen ist diese Studie Mumpitz und ein Affront!

Missbraucher manipulieren ihre Opfer, oftmals solange, bis das Kind tatsächlich glaubt, freiwillig mitzumachen. In einer Therapie geht es dann darum – wenn sie seriös ist – den Opfern klarzumachen, dass sie nicht freiwillig mitgemacht haben, sondern dass sie wehrlos waren. Und dass sie auch dann wehrlos waren, wenn es nicht zu einem aggressiven Akt der Gewalt kam!

Es gibt bei Kindern kein „freiwillig“, weil es keinen Konsens und keine Einvernehmlichkeit geben kann. Gewalt beginnt bei einem sexuellen Missbrauch nicht erst mit dem aggressiven Akt, sondern immer dann, wenn der andere nicht eindeutig JA dazu sagen kann. JA kann das Opfer nur dann sagen, wenn es auch ein Bewusstsein für die Tat und die Folgen hat und das trifft auf Kinder grundsätzlich nicht zu.  Kinder sind nicht entscheidungsfähig, darum ist jeder sexuelle Übergriff ein Akt der Gewalt.

Gedankenpause Ende

Wenn man diese Kinder in genau den Momenten erleben würde, wo es passiert – wie viele dieser Kinder NEIN sagen, bevor sie zu resignieren beginnen oder gar den Eindruck erwecken, es mache ihnen Spaß,  – würde man den Ball sehr, sehr flach halten mit solche  Äußerungen!

Kinder wissen grundsätzlich, dass das, was passiert, nicht passieren darf und das sie so etwas nicht wollen, auch wenn sie dafür noch keine Worte haben. Sie erleben Scham und Schuld. Viele Kinder beginnen nicht erst dann, sich selbst zu verletzen, wenn sie ein Verständnis davon bekommen, was Sexualität ist, wie es Clancy zu vermitteln versucht, sondern oftmals in genau den Jahren, wo es geschieht. Sie geben sich selbst die Schuld, – aber nicht, weil sie es ok oder gar genießerisch schön fanden, sondern weil es das ist, was der Missbraucher vermittelt. Und genau DAS ist der Grund, wieso sie niemals Anzeige erstatten.

Ich zitiere nochmals einen Auszug aus dem Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

SZ: Glauben Sie nicht, Sie könnten Opfern schaden, indem Sie das Vorgefallene scheinbar bagatellisieren?

Clancy: Im Gegenteil. Das gegenwärtige Verständnis sexuellen Missbrauchs schadet den Opfern. Die meisten erkennen sich darin nicht wieder – und schweigen deshalb. 95 Prozent aller Fälle werden nie gemeldet. Von diesen erzählen 80 Prozent niemandem davon. Und wenn sie es ihrer Familie enthüllen, melden das nur zehn Prozent der Polizei. Diese Zahlen ähneln sich weltweit.

SZ: Was fühlen diese Kinder?

Clancy: Sie fühlen sich im Stich gelassen. Schlimmer: Weil viele den Missbrauch nicht als traumatisch erlebt haben, halten sie sich für schuldig, weil sie meinen, es zugelassen zu haben. Viele Menschen sagten zu mir: „Ich weiß nicht, ob ich mich für Ihre Studie eigne, weil ich es damals als nicht traumatisch empfand.“ Wir müssen diesen Opfern klar machen, dass sie keine Ausnahme sind.

Interview mit der SZ, 16.6.2010

Clancy hat es gut erkannt, dass sich viele Missbrauchsopfer in der Darstellung des aggressiven gewalttätigen Übergriffs nicht wiederfinden. Jedoch hat sie die falschen Schlüsse daraus gezogen.

Von einem Menschen, der die Möglichkeit der falschen (ggf. auch suggerierten) Erinnerungen kritisch und aktiv erforscht, erwarte ich, dass er die Informationen in einem Interview mit Überlebenden genauso aktiv reflektiert und nicht 1:1 übernimmt und als unwiderrufliche Tatsache verbreitet! Und wenn er es dennoch verbreitet, dann möchte ich, dass derjenige in der Lage ist, das Schuldbewusstsein bei den Betroffenen korrekt und wissenschaftlich fundiert zu analysieren.

An den Verein False Memory e.V.:

Verzichten Sie bitte darauf, unsere Seite jemals zu verlinken oder zu erwähnen, um Ihre Interessen zu unterstützen. IHRE Interessen sind scheinbar nicht unsere Interessen und genau darum distanzieren wir uns von allen, die zu Ihrem Verein gehören!

Marvel Stella und Nora Sillan

Zusatz:

Es ist für uns vollkommen in Ordnung und wird nicht – wie auch immer – bewertet, wenn andere User/Personen oder Vereine Artikel vom False Memory Verein verlinken und empfehlen. Wovon wir uns distanzieren, muss nicht auf andere zutreffen. Jeder hat da seine eigene Sicht und Einstellung, die in jedem Fall berechtigt ist.

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