Amnesien & Fugue – Persönliches

Erst kürzlich habe ich meinen Abschlussbericht aus dem Jahr 2008 das erste Mal bewusst gelesen und zur Kenntnis genommen, dass das, was ich bisher immer nur „dissoziative Amnesie“ genannt hatte, zu den Gedächtnisstörungen zählt. Im Folgenden füge ich einen Absatz ein, der aus diesem Abschlussbericht stammt und den ich zuvor nur selektiv überflogen habe:

Dass die Gedächtnisstörungen nicht nur genetisch, sondern auch traumatisch bedingt sind, zeigen die Absätzen zuvor, die ich allerdings nicht veröffentlichen möchte, weil es zu persönlich ist. Weiteres dazu siehe Nachwort.

In dem Moment, wo ich den Satz mit Gedächtnisstörungen bewusst wahrnahm, konnte ich beginnen, mich mit genau diesem Thema zu befassen. Und damit begann das Verstehen.

Ich möchte aus meiner Schilderung Was mich antreibt (passwortgeschützt) zitieren:

Acht Jahre nach der vierjährigen Klinikzeit (ca. 2007/2008) war ich erschöpft. Auch, weil ich gerade eine – es war die letzte in meinem Leben – zweijährige destruktive Beziehung hinter mir hatte. Ich war nicht nur ein bisschen erschöpft, ich war so fertig, dass ich außerstande war, mir etwas zu essen zu machen oder aus dem Bett rauszukommen. Innere Stimmen wollten mir weismachen, es sei eine Erlösung, endlich zu gehen. Ich lauschte ihnen nur noch und fand es außerordentlich beruhigend.
Immer wieder in wachen Momenten versuchte ich mir psychotherapeutische Hilfe zu holen, doch kaum nahte der Termin, folgte eine dissoziative Amnesie. Kam ich wieder zu mir, war der Termin vorbei: Ich war nicht dort gewesen.

Also begann ich, in meiner ganzen Wohnung Zettel aufzuhängen, die mich an den kommenden Termin, den ich mir in Folge neu besorgt hatte, erinnern sollten. Doch kaum rückte der Termin in die Nähe, wurde ich erneut amnestisch. Die Angst und die Erinnerung an den langjährigen Klinikaufenthalt von damals ließen eine Hilfe durch Therapie anscheinend nicht mehr zu!

Irgendwann – 2008 – fand ich mich dann plötzlich vor einem Arzt sitzend inmitten der xxx Klinik wieder. Ich weiß bis heute nicht, wie ich dahin gelangt war, aber ich bin froh, dass es irgendwie funktioniert hat.
Quelle: Marvel Stella – Was mich antreibt

Auf Grund der zumeist irreführenden Trauma-Literatur und den persönlichen Berichten in den sozialen Medien ging ich stets davon aus, dass mich ein schützender Persönlichkeitsanteil in die Klinik gebracht hatte. Mich wunderte jedoch, dass ich mich in all der Zeit, die seither vergangen war – immerhin mittlerweile 14 Jahre – nicht erinnern konnte, wer das gewesen sein soll.

Viele Fachleute teilen mir mit, dass ich sehr autonoetisch bin. Das sehe ich genauso! Ich bin mir meiner selbst in einem überaus reflektierenden Ausmaß bewusst. Daher glaube ich einfach nicht, dass Anteile in Notzeiten aktiv werden, die ich noch nicht kenne.

In Folge stellt sich also die Frage: Wenn es keinen unbekannten Anteil mehr gibt, wieso erinnere ich mich nicht, wer mich in die Klinik gebracht hat? Die Antwort habe ich nun in der Fachliteratur gefunden:

„In der Regel löst sich der Fuguezustand schrittweise nach einiger Zeit wieder auf, wobei die Dauer nicht vorhersehbar ist, und die Betroffenen gewinnen ihre Erinnerung und ihre Identität wieder nach und nach zurück. Immer aber bleibt für den Zeitraum der Fugue eine Amnesie bestehen, d.h. sie können nicht erinnern, was sie während des Fugue-Zustands gemacht haben.“

Quelle: Annegret Eckhardt-Henn: Dissoziative Bewusstseinsstörungen, 2017, S.249

Fachlich hinzufügen möchte ich: Die dissoziative Amnesie ist die häufigste Bewusstseinsstörung, während die dissoziative Fugue sehr selten ist. Eine Fugue tritt meistens in Verbindung mit der dissoziativen Amnesie auf, was umgekehrt nicht der Fall ist. (vgl. Annegret Eckhardt-Henn: Dissoziative Bewusstseinsstörungen, 2017, S.247)

Als mir das bewusst wurde, empfand ich Ärger, denn in keiner der üblichen „Fach“-Literatur über die Dissoziative Identitätsstörungen – von einem bestimmten Kreis deutschsprachiger Traumatherapeuten geschrieben – fanden sich jemals solche Beschreibungen. Stattdessen bekommt man beim Lesen den Eindruck, eine DIS Betroffene sei ein Regal mit unzähligen Schubladen und jede Schublade sei ein Persönlichkeits-Anteil. Zieht man eine Schublade heraus, hat man Zugriff auf die (angeblich) dazugehörenden Erinnerungen.

Bereits bei meiner autobiografischen Amnesie wurden mir zunehmend Ungereimtheiten bewusst. So schrieb ich im Mai 2022:

Ich dachte immer, um so näher sich meine Persönlichkeitsanteile komme, um so mehr Erinnerungen werden automatisch da sein. Doch inzwischen ist in mir so viel Nähe entstanden, dass ich mich bereits fragen muss, ob die Dissoziative Identitätsstörung auf mich überhaupt noch zutrifft. Doch nichts hat sich an den biografischen Amnesien geändert. Sie sind wie in Stein gemeißelt…
Marvel Stella: 29.05.2022 alte Webseite

Heute weiß ich, dass sie genau deswegen in Stein gemeißelt sind, weil eine DIS Betroffene eben kein Schubladen-System ist! So einfach ist ein Mensch bzw. das Gedächtnis eines Menschen nicht gestrickt, dass man jedem Anteil seine eigenen Erinnerungen zuschreiben kann, die immer dann zu 100% abrufbar sind, wenn sich der Anteil „vorne“ befindet, was auch immer „vorne“ heißen soll. … Ich kann diese „Bildsprache“ einfach nicht mehr ertragen. :-/

Meine komplett fehlende Kindheit ist durch eine ganz klassische psychogene Amnesie verursacht. Die psychogene Amnesie unterscheidet sich von der dissoziativen Amnesie vor allem in der Ausprägung, umfasst also einen größeren Zeitraum. Zur psychogenen Amnesie gehören Dissoziation, Suppression, kognitive Vermeidung und motiviertes Vergessen (vgl. Eckhardt-Henn: Dissoziative Bewusstseinsstörungen, 2017, S.248).

Und ja, genau das ist es. Es gibt durchaus ein paar Momente, wo ich mich an einzelne Situationen meiner ersten 12, 13 Lebensjahre erinnere, aber unmittelbar danach ist die Erinnerung wieder verschwunden. Ich weiß dann nur noch, dass ich mich erinnert habe, aber nicht mehr ansatzweise, was die Inhalte dieser Erinnerungen waren. So ein Dissoziieren ist nur mit Suppression zu erklären.

Ich habe einen Ordner – datiert: 1996/97 – im Schrank, in dem u.a. auch Erinnerungen der ersten 12 Jahre festgehalten wurden. Nicht viele, aber trotzdem genug, um mir ein grobes Bild machen zu können, wie ekelhaft diese Kindheit war.

Mein Problem war all die Jahre, nicht zu wissen, wer das geschrieben hat und mich auch nicht an die beschriebenen Situationen erinnern zu können. Hier traf genau dasselbe zu, wie bei meiner Fugue im Jahre 2008: Ich hatte mein halbes Leben lang gedacht, ein anderer Persönlichkeitsanteil hätte all das aufgeschrieben, bis ich mich zu wundern anfing, weil ich mich trotz meines autonoetischen Bewusstseins einfach nicht erinnern konnte.

Mitte 2022 wollte ich sogar zu einem Hirnspezialisten, weil ich dachte, ich wäre ernsthaft krank. Die meisten DIS Betroffenen im Internet legen einfach – und das einfach kann man wörtlich nehmen – einen Persönlichkeits-Switch aufs Parkett und schon können sie sich detailliert an ihre Kindheit erinnern, manchmal sogar an Zeiten vor dem dritten Lebensjahr, ungeachtet der infantilen Kindheitsamnesie, von der alle Menschen betroffen sind. Ich aber stehe mit meinen 55 Lebensjahren noch immer mit einem tiefschwarzen Loch anstelle einer bunten Kindheit da und selbst die Jugend besteht nur aus kleinen Fetzen.

Ich schrieb damals öffentlich:

Meine Frage an alle, die das hier lesen und mir ggf. mit einem Tipp weiter helfen können: Welches Fachgebiet kommt in Frage, wenn man einer weiteren Ursache – neben der Dissoziativen – für die Amnesie nachgehen möchte? Die psychologische Ursachenforschung ist bei mir völlig ausgeschöpft. Ich glaube in Folge nicht, dass mir diese Fachrichtung weiter helfen kann. Zum Hausarzt will ich damit aber auch nicht gehen. Welche Fachärzte/Untersuchungen kommen also in Betracht? (MRT und EEG wurden in den 90er Jahren unzählige Male durchgeführt)
Für Antworten/Hinweise wäre ich sehr dankbar.
Marvel Stella: 29.05.2022 alte Webseite

Obwohl sich diese Fragen an die DIS-Betroffenen richteten, die damals zu meinen Followern gehörten, bekam ich keine einzige Antwort. Warum nicht? Weil so etwas nicht in der so gerne gelesenen Trauma-Literatur steht und weil sich damit in Folge auch keiner auskennt?

Ich bin verärgert.

Verärgert deswegen, weil keiner der Spezial-Traumatherapeuten je das Syndrom der Dissoziation tatsächlich erklärt. Keiner spricht von Gedächtnisstörungen, es geht immer nur um »viele Persönlichkeiten in einem Körper«. Natürlich mit unterschiedlichen Krankheiten (Fake), ja sogar einer unterschiedlichen Körpergröße (Fake), unterschiedlichen Augenfarben (Fake!), unterschiedlichen Allergien (Fake!), und zu guter Letzt auch unterschiedlichen Kindheits-Erinnerungen. (Fake??)

Trotz meiner eigenen psychologischen Kenntnisse habe ich alleine in den letzten Wochen die gesamte wissenschaftliche Fachliteratur gelesen, einige Bücher bereits zum wiederholten Male, die es in Zusammenhang mit Gedächtnisstörungen, dissoziativer Amnesie, Fugue, Psychogener Amnesie und Bewusstseinsstörungen gibt. In keinem einzigen Fachbuch, – nicht einmal von Markowitsch, der sich äußerst genau mit dieser Thematik beschäftigt, – lässt sich die These finden, dass die dissoziierten Persönlichkeitsanteile die erlebten Kindheitstraumata abgespeichert haben und diese dann mitgeteilt werden, wenn man sich mit den jeweiligen Persönlichkeitsanteilen unterhält. So etwas wird einzig nur in der Traumaliteratur vermittelt: von Autoren, die im gleichen Atemzug beschreiben, dass die dissoziierten Persönlichkeitsanteile eine unterschiedliche Augenfarbe, Hautfarbe oder Körpergröße haben. Es stellt sich also die ernsthafte Frage, wie glaubwürdig diese Erinnerungs-These der Traumaliteratur ist.

Ja, Erinnerungen sind stark an Affekte/Gefühle gekoppelt. Ganz von der Hand zu weisen ist es also – natürlich – nicht, dass unterschiedliche Anteile ihre eigenen Erlebnisse haben, die mit entsprechenden Erinnerungen einhergehen. Auch bei mir im System hat jeder „seine eigene Welt“, selbst jetzt, wo wir uns so nahe stehen. Aber all das ist nicht so geordnet, als hätte man Schubladen vor sich. Erst recht nicht, wenn es um die abgespeicherten Kindheitserinnerungen geht.

Ich persönlich glaube, dass die Kindheits-Erinnerungen eher mit Affekten und Emotionalitäten gekoppelt sind, als mit Persönlichkeitsanteilen, die ihre eigenen Traumata im „eigenen Gedächtnis“ aufbewahren. Das würde sich auch mit der aktuellen Gedächtnisforschung im Dissoziations-Spektrum decken. Ich glaube im Weiteren, dass die Verkoppelung »Erinnerung-Trauma-Persönlichkeitsanteil« erst in der laufenden Trauma-Therapie erfolgt.

Das kann ich so natürlich nicht beweisen. Wenn jemand konkrete – nachvollziehbare und fachliche – Beweise dafür hat, dass ein Anteil das Trauma, in dem dieser Anteil entsteht, abspeichert und dann 1:1 zur Verfügung stellt, bitte ich um einen Hinweis, damit ich mich korrigieren kann. E-Mail: [email protected]

Ja, ich bin verärgert. Vielleicht auch über mich selbst. Obwohl ich sehr genau weiß, dass die deutsche DIS-Fachliteratur in den meisten Fällen irreführend ist, habe ich mich teilweise auch irreführen lassen. Der Preis ist wertvolle Lebenszeit, die mir verloren gegangen ist. Hätte ich gewusst, woher all meine tiefschwarzen – nicht vorhandenen – Lebensjahre kommen, hätte ich eine dafür geeignete Spezial-Therapie anstreben können. Ich hätte das auch gerne selbst gezahlt, wenn es bedeutet hätte, dass es einen Weg gibt, an die Kindheitserinnerungen mit begleitender und vor allem stützender Hilfe heranzukommen.

Mit bereits 55 Jahren muss ich mich nun fragen, ob es sich noch lohnt, in das leere – tiefschwarze – Loch hineinzuschauen. Irgendwann möchte man einfach nur noch zur Ruhe kommen. Ich habe eine wunderbare Tochter, die ich über alles liebe und von der ich auch dieselbe Liebe empfange. Dazu ein Enkelkind, was in jedem noch so regnerischen Alltag einen Sonnenschein erzeugt. Ich bin in den letzten Jahren durchaus glücklich und sehr zufrieden. Diese Zufriedenheit möchte ich mit einer weiteren Therapie, die erneut so viel aufwühlen wird, nicht gefährden.

Aber…

… ich hätte im Alter doch sehr gerne ein paar Kindheitserinnerungen gehabt.

Was mir nun bleibt, sind Bilder von einem Kind (von mir), dessen Aussehen ich mit den heutigen inneren Kind-Anteilen verbinde, damit ich Gesichter vor mir habe, wenn wir in Kontakt treten.

Nachwort:

In dem Auszug meines Abschlussberichtes ganz oben steht, dass die Gedächtnisstörungen in Zusammenhang mit einem stark belastenden genetischen Material zu erwähnen seien. Dazu noch ein paar Zeilen:

Nicht jeder Mensch reagiert mit Dissoziationen oder gar Amnesien auf traumatische Belastungen. Für eine ausgeprägte dissoziative Störung bedarf es auch genetischer und epigenetischer Faktoren bzw. Dispositionen (Norrholm et al. 2013; Parsons u Kessler 2013; Babiel et al. 2015; Markowitsch 2015).

Diese waren bei mir vor allem seitens meines Vaters, der erhebliche identitäre Spaltungen aufwies, gegeben. Auch wenn er nie die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung bekommen hat, so gibt es doch auf Grund seiner eigenen medizinischen Berufslaufbahn einige (kritische) ärztliche Gutachten über ihn, die dieses Störungsspektrum aufzeigen. Diese Gutachten wurden erstellt, nachdem sich Patienten beschwerten. Abgesehen davon bekam ich die Auswirkungen seiner Störungen natürlich auch sehr stark zu spüren, solange ich im Elternhaus wohnte (und teilweise darüber hinaus).

Ein Kommentar

  1. Hallo. Erstmal Danke für den Artikel, der gerade durch den persönlichen Bezug interessant ist, aber auch meine eigenen Bedenken und Erfahrungen mit dem Dissoziativen Spektrum, bzw. mit der, auch für mich, nicht zufriedenstellenden Therapiewirklichkeit in Deutschland verdeutlicht. Gerade auch dieses Gefühl, und es ist ja viel mehr als nur ein trauriges Gefühl…, Lebenszeit verschwendet zu haben, kenne ich so gut. Wenn erst diese Vorstellungen, leider oft im esoterisch-spirituellen setting, mancher Therapeut:innen realistisch überprüft würden, wäre mir schon wohler.

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