Informationen zur Debatte um rituelle Gewalt & Mind Control
− bekannt als „Satanic Panic“ −
und zu Risiken suggestiver Therapiekonzepte.
Moral Panic
Als Moral Panic („moralische Panik“) wird in den Sozialwissenschaften eine gesellschaftliche Reaktion bezeichnet, bei der eine Personengruppe, ein Verhalten oder ein Phänomen als außergewöhnliche Bedrohung für grundlegende gesellschaftliche Werte dargestellt und wahrgenommen wird. Die öffentliche Reaktion steht dabei in einem deutlichen Missverhältnis zur empirisch belegbaren Dimension der tatsächlichen Gefahr.
Der Begriff wurde insbesondere durch den Soziologen Stanley Cohen und sein 1972 erschienenes Buch Folk Devils and Moral Panics geprägt. Typisch für eine Moral Panic ist die Entstehung sogenannter „Folk Devils“ – Personen oder Gruppen, die als Verkörperung der gesellschaftlichen Bedrohung erscheinen. Medien, politische Akteure, Interessengruppen oder vermeintliche Experten können zur Verstärkung und Verbreitung der Bedrohungswahrnehmung beitragen.
Eine Moral Panic bedeutet nicht, dass das zugrunde liegende Problem überhaupt nicht existiert. Entscheidend ist vielmehr, dass Ausmaß, Häufigkeit oder Charakter der Gefahr stark überzeichnet werden und einzelne tatsächliche Ereignisse als Beleg für eine wesentlich umfassendere Bedrohung interpretiert werden.
Die Satanic Panic der 1980er- und frühen 1990er-Jahre gilt als klassisches Beispiel. Reale gesellschaftliche Sorgen um sexuellen Kindesmissbrauch verbanden sich mit der Vorstellung eines weitreichenden Netzes geheimer satanistischer Tätergruppen. Medienberichte, problematische Kinderbefragungen, therapeutisch „wiedergewonnene“ Erinnerungen und sich gegenseitig bestätigende Experten trugen dazu bei, dass außergewöhnliche Behauptungen als zunehmend plausibel wahrgenommen wurden.
Das Konzept der Moral Panic hilft damit zu erklären, wie eine gesellschaftlich berechtigte Sorge durch soziale Verstärkungsprozesse in eine Bedrohungsvorstellung übergehen kann, deren behauptetes Ausmaß durch die vorhandenen Belege nicht gedeckt ist.
