HPS und Dissoziation

Schaut man sich die Kriterien der histrionischen (früher hysterischen) Persönlichkeitsstörung an, so muss man sich fragen, was das nun eigentlich konkret mit Dissoziationen zu tun hat.

Kriterien im DSM-5 (ähnlich auch im ICD10):  

  1. Fühlt sich unwohl in Situationen, in denen er/sie nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.
  2. Die Interaktion mit anderen ist oft durch ein unangemessen sexuell-verführerisches oder provokantes Verhalten charakterisiert.
  3. Zeigt rasch wechselnden und oberflächlichen Gefühlsausdruck.
  4. Setzt durchweg die körperliche Erscheinung ein, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
  5. Hat einen übertrieben impressionistischen, wenig detaillierten Sprachstil.
  6. Zeigt Selbstdramatisierung, Theatralik und übertriebenen Gefühlsausdruck.
  7. Ist suggestibel (d. h. leicht beeinflussbar durch andere Personen oder Umstände.)
  8. Fasst Beziehungen enger auf, als sie tatsächlich sind.

In den Kriterien werden Dissoziationen nicht ein einziges Mal erwähnt. Und doch besteht da ein sehr enger Zusammenhang, den man nicht trennen kann.

Es sind die Dissoziationen, die in der Historischen Betrachtung als hysterisch gedeutet wurden. Darunter Lähmungen, Krampf-Anfälle, Bewegungsstörungen aller Arten, Blindheit, – all die psychogenen Störungen, die zwar den bekannten somatischen Symptom-Erkrankungen gleich kamen oder ähnelten, jedoch keine somatische Ursache aufwiesen. Heute sind sie bekannt unter Konversionsstörungen und Somatisierungsstörungen. Unter Letzterem zählen auch die psychogenen nicht-epileptischen Anfälle.

Da man in früheren Zeiten noch nicht die differenzierte Bedeutung der Psyche auf den Körper kannte, und da bei den oben benannten Störungen keinerlei somatischen Ursachen gefunden wurden, betrachtete man diese Störungsbilder als Schauspielerei. Unter anderem daraus resultiert ursprünglich das Kriterium der Aufmerksamkeitssuche in der hysterischen und histrionischen PS.

Auch die dissoziativen Trance- und Besessenheitszustände zählten dazu. Man betrachtete die Besessenheit der Frauen früher als Anzeichen dafür, dass sie Hexen waren, und somit wurden sie im Mittelalter verbrannt. Heute gehört diese Störung Großteils zu einer kPTBS, allgemein zu den dissoziativen Störungen oder der Dissoziativen Identitätsstörung.

Noch heute ist es in der Medizin in weiten Teilen üblich, diese Störungsbilder als Aufmerksamkeitssuche zu betrachten. So las ich die Tage den verzweifelten Hilferuf eines Mannes, der von Ärzten empfohlen bekam, bei den psychogenen Krampfanfällen seiner Freundin nicht zu reagieren.

Das ist fatal!

Es muss unbedingt reagiert werden, denn wir haben hier einen ernstzunehmenden und keinen schauspielerischen Anfall. Dieser Anfall entzieht sich jeglicher Kontrolle und ist für den Betroffenen selbst durch so gut wie nichts von einem Anfall zu unterscheiden, der somatische Ursachen hat. Nicht zu reagieren, bedeutet, den Betroffenen in der Not im Stich zu lassen. Es bedeutet, ihn zu ignorieren, was u.a. Personen im medizinischen Dienst inklusive PflegerInnen heute noch in zahlreichen Kliniken tun.

Es kann nicht um die Frage gehen, ob oder ob man nicht reagieren soll, sondern einzig um das WIE. So hat sich für die Betroffenen gezeigt, dass sich ein hektischer, emotionaler, ängstlicher oder gar panischer Umgang mit den Anfällen verstärkend auswirkt. Ein ruhiger und zugewandter Umgang dagegen wirkt sich nicht nur für den Betroffenen helfend an, sondern mildernd und ist nicht nur für die Psyche, sondern auch für den Körper (Verletzungsgefahr) schützend.

Es gibt sehr viele Menschen, die sitzen auf Grund einer psychogenen Lähmung im Rollstuhl. Sie arbeiten jahrelang dafür, diesen Zustand anzunehmen bzw. zu akzeptieren, damit sie einiger Maßen lebenswert leben können. Sie lassen nichts unversucht, um den Rollstuhl verlassen zu können. Wie mag es sich für diese Menschen anfühlen, wenn ihnen gesagt wird, sie wollen nur Aufmerksamkeit?

Über einen eventuellen primären oder sekundärer Krankheitsgewinn kann man diskutieren. Aber in einem erheblichen Bereich des medizinischen Personals geht man von einer direkten Aufmerksamkeitssuche aus. In Folge werden die Betroffenen einfach ignoriert, um die Symptome angeblich nicht zu verstärken.

Zu den Betroffenen gehören im Übrigen auch zwischen 0,3 bis 0,5% Kinder und Jugendliche. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass bei vielen Betroffenen, egal, ob bei Erwachsenen oder Kindern, traumatische Erlebnisse eine wesentliche Rolle spielen. Die Zuschreibung, es ginge hier primär um Aufmerksamkeitssuche, und die daraus folgende Umgehensweise mit Betroffenen traumatisiert sie auf ein Neues.

Mir fehlt bei der Aufmerksamkeits-Thematik – siehe Kriterium 1 in den DSM-5 oder Kriterium 4 in den ICD-10 – auch eine gewisse Logik. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Handlungen, Verhaltensweisen und die Aufmerksamkeitssuche unbewusst stattfinden, so muss man sich doch das Folgende vor Augen führen.

Die menschliche Psyche ist heute wie damals in der Grunddynamik darauf ausgerichtet, den Menschen zu schützen. Warum also sollte sie – die Psyche der Frauen aus dem Mittelalter – etwas anstreben, was sie auf den Scheiterhaufen führte? Ist das die Aufmerksamkeit, die sie mit ihrer Hysterie bewusst oder unbewusst angestrebt haben?

Psychoanalyse IST Logik, das wusste auch Sigmund Freud, der als erster Psychoanalyst Traumata und Missbrauch bei der Hysterie in Betracht zog. Leider musste er diese These widerrufen, denn von der Hysterie betroffen waren vorwiegend Mädchen und Frauen aus der gehobenen Schicht. Das führte zu einer explosiven Machtdemonstration, bei der Sigmund Freud sich entscheiden musste, ob er es bei seiner These belässt und alles verliert, wofür er sein Leben lang geforscht und gearbeitet hat, oder ob er die These widerruft und somit seine Stellung und seinen Ruf behält.

Er hat sich für die zweite Variante entschieden und behauptete von nun an, es handele sich bei den Missbrauchsschilderungen um inzestuöse Fantasien der Mädchen/Frauen.

Siehe dazu:

Diese These hat sich fast ein Jahrhundert halten können und ist auch heute noch in vielen Köpfen verankert, obwohl die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten drastisch fortgeschritten ist. Und…

Das ist einer der vielen Gründe, wieso ich das zweite Kriterium aus dem DSM-5 der HPS sehr kritisch betrachte, in dem es heißt:

  • Die Interaktion mit anderen ist oft durch ein unangemessen sexuell-verführerisches oder provokantes Verhalten charakterisiert.
In einem weiteren eigenen Artikel möchte ich auf den Krankheitsgewinn der Psychosomatik eingehen.
So auch auf die Sprache der Psyche.
Die Verlinkung werde ich dann hier an der Stelle hinzufügen.

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