Gegenüberstellung Dissoziation

Nora und ich haben im Austausch fest gestellt, dass wir zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Dissoziation haben. Ich empfinde sie als sehr helfend und positiv, sie aber empfindet Dissoziationen als überaus belastend und negativ. Wir einigten uns, dass wir unsere Wahrnehmungen aufschreiben und auf einer Seite veröffentlichen. Mein Text ist noch in Arbeit. Darum zuerst ihre Empfinden, konkret zur Abspaltung der Gefühle / Depersonalisation.

Zombie Modus: „Ich bin dann mal weg“
 
Ich mag den Begriff nicht: Dissoziation. Er klingt so komisch.
Als würde dieses komplizierte Wort das Nichts beinhalten, was zurück bleibt, wenn alle Gefühle weg sind: die gefühlsbefreite Emotionsleere.
 
Wie beschreibt man nichts?
Nicht nichts im Sinne von gar nichts.
Denn nichts ist niemals gar nichts.
Ein Rest bleibt immer zurück.
Wenn alles verschwindet.
 
Es ist das Hintergrundrauschen eines alten Radios, welches keine Sendefrequenz findet.
Nichts ist da, nur dieses leere, monotone Rauschen. Ein Platzhalter für den Rest, der gerade irgendwo im Nirgendwo des Gefühls-Äther verschwunden ist.
 
Warum geschieht es, dass plötzlich sämtliche Emotionen Sendepause haben? Ich kann es nicht steuern, ich kann meine eigene Radiofrequenz nicht mehr selbst wechseln, um andere Lebensmusik zu hören. Ich will fühlen!! Aber ich kann nicht… Warum nicht?!
 
Irgendwas entscheidet anstatt mir.
Ohne dass ich es will.
Ohne mich zu fragen.
Nimmt es mir mein Mitspracherecht.
Für meine eigenen Gefühle.
 
Dieses Etwas beschließt, dass es ab sofort keine Musik mehr zu fühlen gibt:
Ein leeres Hintergrundrauschen ist alles, was bleibt. Im Zombie Modus.
 
Ich bin nicht da.
Aber auch nicht ganz weg.
Ich funktioniere auf Autopilot.
Wer steuert mich?
 
 
Wie hole ich mich am besten raus aus dieser Sendepause? Aus diesem Funkloch ohne Emotionsempfang?
Schmerz ist ein gutes Mittel; Schmerz so stark, dass mein Gehirn-Radio sofort wieder eine emotionale Funkfrequenz findet. Schmerz ist die Geisterfahrer-Meldung im Radio: er unterbricht alles. Aber mich zu verletzen ist Scheiße. Zu warten, bis irgendwann die Gefühle von selbst wieder kommen, ist auch Scheiße.
 
Warum glaubt mein Gehirn alles besser zu wissen als ich? Warum drückt es einfach die Emotions-Pausetaste ohne mich vorher zu fragen? Ohne meine Erlaubnis?
 
Nichts zu fühlen heißt nicht leer zu sein.
Nichts zu fühlen heißt bloß zu warten.
Auf den nächsten Sturm …
 
Es ist ein spiegelglattes Wasser, kein Lüftchen ist zu fühlen. Es ist Trügerisch. Still. Denn über den schneebedeckten Berggipfeln am anderen Ende des Sees braut sich ein Emotions-Gewitter zusammen. Schwarze Wolken ziehen auf. Kommen näher. Unbemerkt verdunkelt sich die Sonne. Bis der erste Blitz zuckt und die Himmelsschleusen die Tränen nicht mehr halten können …
 
Plötzlich, wenn ich absolut nicht damit rechne, wird der Play Button gedrückt. Mit Blitz und Donner sind alle Gefühle wieder da: eine Sturmflut, die nichts und niemand stoppen kann. Schon gar nicht ich selbst. Eine Riesenwelle. Ein Emotionsmonster rollt aufs Ufer zu.
 
Ich ertrinke.
In meinen eigenen Gefühlen.
Denn vor mir selbst zu fliehen.
Ist unmöglich.
 
***
 
Emotional bin mir oft fremd. Nie kann ich mir selbst zu hundert Prozent vertrauen. Niemals kann ich mich auf meine kontrollverlorenen Gefühle verlassen.
 
Sie verraten mich.
Sie täuschen mich.
Sie betrügen mich.
 
Sie sind weg, wenn sie da sein sollten.
Sie sind da, wenn sie fort sein müssten.
 
Wenn man annimmt, dass jeder „normale“ Mensch etwas fühlen würde, bin ich ein emotionsleerer Zombie. Umgekehrt breche ich unter den Emotionen zusammen, wenn alles um mich unaufgeregt scheint.
 
Es ist ein Paradoxon:
Zwischen Gefühl und Gefühllosigkeit.
Zwischen Dissoziation und Anwesenheit.
 
Verdammt noch mal, ich will mein Gefühlsradio selbst bedienen! Warum nimmt mir etwas meine Lebens-Fernbedienung aus der Hand?! Ich möchte fühlen können, wann immer ich es will. Nicht bloß dann, wenn mein Gehirn es mir gnädigerweise erlaubt: zu fühlen.
 
Mein Gehirn ist ein Einbrecher.
Durchwühlt die Gefühlsschubladen.
Bestiehlt mich, nimmt alles mit.
Mit welchem Recht?
 
Was hab ich getan?
Dass mir meine Gefühle genommen werden?
Aber das Schlimmste:
Mein Dieb bin ich selbst.

© Nora

Hier nun meine eigene Sicht auf die Dissoziation

Die Dissoziation begleitet mich bereits mein ganzes Leben lang. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie mir je Angst gemacht hat. Das Einzige, was mich einst irritierte, waren die Amnesien, wenn sie mir bewusst wurden. Das aber war nicht oft der Fall, denn zum einem bin ich die meiste Zeit meines Lebens ein Steppenwolf gewesen, der wenig Input von außen bekam, und zum anderen lag auch sehr häufig eine Amnesie der Amnesie vor, wie ich 1995 in der Klinik erfuhr.
 
Die Amnesien sind im Laufe der Jahre weniger geworden, umso mehr Kooperation, Bewusstsein und Vertrauen in mir wuchs. Mittlerweile treten Amnesien nur noch sehr selten auf.  
 
Ich weiß nicht, wie sich ein Leben ohne Dissoziation anfühlt, denn sie ist mein Lebens-Partner. Damit meine ich nicht nur die komplexe Dissoziation meines Seins, sondern auch all die Dissoziationen, die mir unter anderem den Zugang zur Emotionalität verwehren. 
Wenn dies passiert, dann weiß ich, es passiert zu meinem Schutz. Dieser Vorgang will mir nicht schaden, sondern erleichtert mir den Umgang mit einer Situation, die ich sonst vielleicht nicht aushalten würde.
 
Ich denke gerade, dass es das ist, was die Dissoziation zu einem wertvollen Partner macht. Das Wissen, WARUM es passiert, was für einen Sinn sie hat, wann und wieso sie einsetzt.  
Die Dissoziation ist ein Teil von mir. Vielleicht würde ich nicht mehr leben, wenn ich nicht dissoziieren könnte. Insofern ist sie auch meine (Über-)lebensstrategie/versicherung.
 
Was aber am meisten zählt, ist Vertrauen. (ausgehend vom Zutrauen) Ich weiß nicht, wann es begonnen hat, aber irgendwann fing ich an, mir und allen/m, was zu mir gehört, zu vertrauen. Und zwar in einem wirklich großem Ausmaß.  
Die Tage jetzt, als ich mit meiner Betreuerin unterwegs war, sprach sie so ganz nebenbei von meinem Selbstbewusstsein, was sie scheinbar als Selbstverständnis bei mir sieht/wahr nimmt. Ich war leicht verwirrt, dies aus dem Mund einer Person zu hören, die nicht zu den Meinigen gehört.
Was für eine gigantische Person sie doch ist. Sie unterstützt mich, begleitet mich in meinem Leben, weiß, dass ich psychisch nicht in der Norm liege und wertet mich trotz allem in meinem Selbst-Bewusstsein nicht ab.
Das war in Helferkreisen neu für mich.
… eigentlich eine traurige Erkenntnis.   
 
Doch ich komme vom Thema ab!
 
Ich will die Dissoziation gar nicht verklären. Für jemanden, der sich damit noch keine 30 Jahre auseinander gesetzt hat, ist sie sicherlich sehr angstbesetzt. Sie kann auch als destruktiv empfunden werden und natürlich auch sein. Es gibt Menschen, die können nicht sehen, nicht laufen, nicht sprechen. Die Ursachen sind mitunter einzig Dissoziationen. Das ist nichts, was man als angenehm empfinden kann, denn sehr viele Menschen kommen auf Grund dessen sogar in den Rollstuhl. Auch ich kenne einige Arten der Dissoziationen, bei denen ich sehr froh bin, dass sie sich bei mir nicht chronifizierten.

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Beispiel:
Da ich sämtliche (auch dissoziative) Signale meines physisch kranken Körpers ignorierte und es vorzog, mich kaputt zu arbeiten, anstatt mich zu schonen, setzte mein Körper mit einer Abspaltung ein Stopp und ich kam ins Krankenhaus.
Ich war wach und „da“, jedoch vom Körper vollständig abgetrennt.
Dieser Körper, gegen den ich derzeit einen Krieg führte, war komplett bewegungsunfähig. Wahrscheinlich wirkte ich auf die Ärzte, die während der Visite um mein Bett herum standen, wie eine Wachkomapatientin. Aber ich war hellwach. Die Schmerzen waren nach wie vor da, auch hatte ich innere Krämpfe, aber es war mir in keiner Weise möglich, mich zu verständigen.
Ich konnte sogar die Gesichter aus den Augenwinkeln heraus sehen, ich vernahm die Sprachlosigkeit, vor allem diese Hilflosigkeit, – ein bedrohliches Schweigen, gerad so, als geben sie mich auf.
 
Im Inneren tobten mein Gemüt, ich rief lautlos:

„Bitte, ich bin da. Gebt mich bitte nicht auf! Ich bin wach!“
Aber für die Ärzte wirkte ich leblos, auch wenn sie natürlich wussten, dass ich nicht tot bin. Körperlich ließ sich mein Zustand nicht erklären, und so waren sie in der Neurochirurgie tatsächlich ratlos.
Mit gesenktem Haupt gingen sie zum nächsten Bett. Keiner hatte mich gehört, ich war nicht einmal mehr in der Lage mit den Augen zu kommunizieren, insofern bekamen die Ärzte keinerlei Signale von mir.
 
Nach und nach richtete ich dann meine Aufmerksamkeit auf mein Innerstes. Ich fing an, mit meinem Körper und meiner Psyche zu reden und zu verhandeln. Zuerst wütend, dann verbittert, verzweifelt, dann resignierend, und am Ende kapitulierend. Ich erklärte den Krieg gegen meinen Körper als gescheitert, und versprach lautlos, dass ich ihn annehmen werde, wenn ich die Kontrolle darüber zurück erlangen darf.
Und tatsächlich entwickelte sich eine Kraft, mit der es mir gelang, Stück für Stück die Kontrolle zurück zu erobern…
Drei Tage später war ich zuhause.

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Das war ein Beispiel von mehreren, die mich schwer belasteten. Natürlich kann man sich auch bei den Erlebnissen im Nachhinein etwas Positives heraus ziehen. Immerhin war das der Beginn meiner Freundschaft zu meinem Körper, der ein Teil von mir ist, was ich damals nicht so sehen konnte.
In dem Moment aber, als ich es erlebte, war es die Hölle. Eine Hölle, die andere Menschen in ähnlicher Form sehr oft erleben. Insofern liegt es mir wirklich fern, irgendetwas “schön zu reden”.

Ich kann hier nur für mich sprechen, und ich für meinen Teil bin sehr dankbar für die Fähigkeit der Dissoziation.

Letztendlich ist sie auch so etwas wie Verlässlichkeit. Fragt mich jemand, ob man sich um mich sorgen muss, kann ich dies klar verneinen. Mein gesamtes psychisches System ist darauf ausgelegt, zu überleben. Ich denke, selbst wenn ich es wollte, wäre ich nicht in der Lage, mir das Leben zu nehmen. Die Dissoziation würde es nicht zulassen.
Insofern kann sich jeder bei mir sicher sein, dass ich mir selbst niemals etwas antue, was mein Leben bedroht.

Was kann es Schöneres geben, als eine Eigenart, die mich allseits schützt und behütet?