Esoterik vs Wissenschaft

Einer der Gründe, wieso Betroffene mit einer Dissoziativen Identitätsstörung als unglaubwürdig gelten, war (und ist) ihre „Fähigkeit“, ein bisschen mehr wahr zu nehmen, als viele andere Menschen.

Michaela Huber, eine Expertin im Bereich der Dissoziativen Identitätsstörung, hat in ihrer Lektüre „Multiple Persönlichkeiten“ leider nicht wirklich zu einer Aufklärung beigetragen. Im Gegenteil. Ihre Aussagen (siehe weiter unten) führten dazu, dass in Teilen der Bevölkerung das Bild entstand, DIS Betroffene seien einfach nur esoterische Spinner.

Das finde ich extrem bedauerlich, und ich möchte versuchen, hier einiges von dem, was in Verruf geraten ist, wissenschaftlich zu durchleuchten.

Kurz zur Wissenschaft an sich

Ich bin ein großer Fan der Wissenschaft. Aber ich bin kein ideologischer Wissenschaftsgläubiger. Ich weiß, dass die Wissenschaft a) begrenzt ist, und b) dass sie nicht statisch sein kann. Wissenschaften sind keine „Wahrheiten“, sondern u.a. Erkenntnisse und Hypothesen, die jederzeit falsifizierbar sein müssen.  

Mit der Bezeichnung „Esoterik“ habe ich Probleme, denn dieser Begriff ist für mich persönlich negativ besetzt. Darum bin ich immer sehr froh, wenn ich es schaffe, etwas, was in großen Kreisen als esoterisch gilt, der Wissenschaft zuzuordnen.

Allgemeine Informationen zur Wahrnehmung und Reizverarbeitung

Menschen kommen grundsätzlich bei der Geburt mit einer  unterschiedlichen neurophysiologischen Verarbeitung von Reizen auf die Welt. Bei einer angeborenen Disposition kann auch die sensorische Verarbeitungssensitivität stark erhöht sein. Das bedeutet, dass der natürliche Schutzfilter bereits bei der Geburt ganz unterschiedlich ausgeprägt ist. Bei Traumaeinwirkungen werden diese Schutzfilter dann noch weiter abgebaut. Das hat zur Folge, dass nicht nur Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung davon betroffen sind, sondern auch Menschen, die an Borderline und/oder einer (k)PTBS leiden.  

Michaela Hubers Aussagen

Michaela Huber meinte in ihrem Buch “Multiple Persönlichkeiten”, dass sie selbst “Energien” bzw. einen “Energieaustausch” zwischen sich und ihren Klienten spüren kann. Diese enorme Energie, so ihre These, spüre sie vor allem dann, wenn bei ihren KlientInnen „mehrere Personen kurz hintereinander die Kontrolle über den Körper übernehmen“. (Quelle unten)

Das war einer der Gründe, wieso sie Ende 2020 für den goldenen Aluhut nominiert wurde. Siehe: Skeptiker/GWUP.

Obwohl ich den Preis unangemessen finde, wenn man bedenkt, wie viel Frau Huber für die Traumaforschung getan hat, – auch wenn es momentan viel zu kritisieren gibt – so muss ich doch zugeben, dass sie sich das auch selbst ein wenig eingebrockt hat. Und zwar, indem sie das Erleben der Betroffenen in ihren Büchern mit  ESP (Extra Sensory Perception), also mit außersinnlichen Wahrnehmungen, (Begriffserklärung) gleichgesetzt hat. Zwar schreibt sie dazu, dass sie es nicht gut findet, wenn Multiple zu mysteriösen Figuren stilisiert werden, aber genau das hat sie damit erreicht.

Ich möchte hier einen winzigen Auszug aus meinem eigenen klinischen Abschlussbericht von 2008 einfügen, der zeigt, dass die Themen rund um  Sensibilität, oder wie hier in dem Fall auch Sensitivität, in der staatlich anerkannten Psychotherapie durchaus gebräuchlich sind.

Es geht hier nicht um Esoterik, sondern – wie oben bereits erwähnt – um neurologische  Dispositionen.  Der Abbau der Schutzfilter bei Traumata und Gefahren sind überaus natürliche Abläufe. In den Naturvölkern zum Beispiel, wo man im Alltag den Naturgewalten (oder auch der Gefahr wilder Tiere) ausgesetzt ist, gehört diese erhöhte Wahrnehmung zum Selbstverständnis. In der modernen Industriegesellschaft ist sie dagegen überflüssig geworden.  

Energie und Energieaustausch

Redensarten wie:

  • Meine Energiereserven sind aufgebraucht,
  • ich habe keine Energien mehr,
  • mir fehlt die Energie dazu,

…kommen nicht von irgendwoher.

Auch kennt es fast jeder, wie sehr sich das Schweigen von Schweigen unterscheiden kann.

  • „Hier ist eine dicke Luft“ sagt man, obwohl ein jeder im Raum schweigt. Oder
  • „Die Luft kann man schneiden“.

Ein anderes Mal findet man das Schweigen sehr harmonisch. Dann ist es beruhigend aber mitunter auch einschläfernd. All das gehört zum Energie-Austausch.

Im Gehirn eines Erwachsenen gibt es etwa 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen von Nervenzellen zu anderen Zellen). Durch all die Eindrucke, Lernprozesse, ja, durch jede kleinste Eingabe bzw. Aufnahme kommt es zu neuen Verbindungen und Trennungen. Das sind Bewegungen, die im Gehirn eine große Menge Energie frei setzen.  

Bei einer Dissoziativen Identitätsstörung gibt es neben den (oder auch anstelle der) Vernetzungen sogenannte dissoziierte Netzwerke. Jeder Anteil bzw. jeder Zustand hat sein eigenes Netzwerk. Das hat zur Folge, dass es bei Persönlichkeitswechsel einen sehr kräftigen Energieschub geben kann.  Umso chaotischer die Zustände im jeweiligen Moment agieren/wechseln, umso größer wird die Menge der freigesetzten Energie. Und ja, das kann man natürlich als Außenstehender spüren.

Das Vorausfühlen

Zum Schluss möchte ich noch auf die Fähigkeit des Vorausfühlens eingehen. Ich kann mich nur darauf beziehen, weil es für andere übernatürliche Fähigkeiten, wie u.a. das Hellsehen, keine wissenschaftlichen Erklärungen gibt.

Ich persönlich, um mich kurz zu positionieren, kenne lediglich das Bauchgefühl, was viele Menschen haben, und was man „Voraus-Ahnung“ nennt. In wie weit das tatsächlich zum Vorausfühlen gehört, oder ob es auch ein Bestandteil der selbsterfüllenden Prophezeiung ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

::::::::::::::::::::::

Ich habe letztens in einem Hundebuch etwas gelesen, was, so denke ich, jeder nachvollziehen kann.

Es ist erwiesen, dass die Sinne eines Hundes sensibilisierter sind, als die des Menschen. Auch, dass er bestimmte Situationen wahrnimmt, bevor sie eintreten. In der gesamten Geschichte lässt sich rückblickend verfolgen, dass der Hund eingesetzt wurde, um Ereignisse “vorauszufühlen“. Noch heute hält man teilweise – insbesondere auf dem Land – an dem Aberglauben fest, der Hund habe telepathische und hellseherische Fähigkeiten.
Der Grund für diese Fähigkeiten ist allerdings ganz simpel, und hat mit Telepathie und Hellsehen im mystischen Sinne nichts zu tun. Der Hund nimmt Erstsignale, also die direkten Signale wahr. Beim Menschen sind sie dagegen in mehrfacher Hinsicht gefiltert, bevor sie wahr genommen werden können.

Wer sich ein wenig mit der Hirnforschung befasst, weiß, dass das, was wir bewusst wahrnehmen, nur ein ganz winziger Bruchteil von dem ist, was wir tatsächlich an Informationen aufnehmen. Wenn der Mensch nicht die Fähigkeit hätte, die allermeisten Informationen in der Schaltzentrale unseres Gehirns durch „Umwege“ zu filtern, wären wir in einer Weise überflutet, dass – in der letzten Instanz – unser Überleben auf dem Spiel stünde.

Bei Stress/Traumata werden Hormone ausgeschüttet. Umso mehr, wenn wir in einer Gefahr, wenn nicht sogar Todesgefahr sind.  Das hat zur Folge, dass die Informationen ohne Interpretation mit einer extrem großen Geschwindigkeit und ohne Vorfilterung-der-Sinneseindrücke in der Amygdala in die impliziten Gedächtnisse gelangen und dort bewertet werden. (gängiges Beispiel: Heiße Herdplatte = Verbrennungsgefahr)  

Diese Gefahr „merkt“ sich das Gehirn, um zu überleben. Umso öfter Traumata stattfinden, umso mehr bauen sich die Vorfilter ab und umso höher wird die Sensitivität.

:::::::::::::::::::::::::

Das ist das ganze „Geheimnis des Vorausfühlens”. >> Der Vorfilterungsmechanismus ist geschädigt. Genauso wie beim Hund werden direkte Signale ohne Umwege wahrgenommen.

Autisten kennen es…

Siehe dazu meine Empfehlung:

Der Junge, der zu viel fühlte

von Lorenz Wagner.

Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autisten für immer verändern.

Verlinkung führt zu Amazon

Quellen:

Weiterleitende Literatur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.