Allgemeines

Eigentlich ist es erschreckend, wie sehr die psychologische Wissenschaft noch am Anfang steht. Die Menschheit bereist den Mond, ist aber bis vor wenigen Jahren nicht in der Lage gewesen, einen Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung korrekt zu diagnostizieren. Und damit meine ich nicht das Diagnoseverfahren an sich, sondern den eigentlichen Diagnoseschlüssel und die dazu gehörigen Kriterien.

Es ist die Medizin, die aus dieser Störung ein Phänomen gemacht hat. Bis vor gar nicht so langer Zeit fand man noch die Diagnose „Multiple Persönlichkeit“ im ICD(10) = “International Classification of Diseases” Zwar wurde es schon vor gut zwei Jahrzehnten im DSM-IV in Dissoziative Identitätsstörung geändert, aber die Kriterien werden jetzt erst im ICD11 angepasst.

Immer wieder war von mehreren Persönlichkeiten/Personen und Identitäten die Rede. (teilweise heute noch) Diese Schreibweise gebrauche ich hier nicht, denn sie führt unwillkürlich in die Irre. Wir haben es hier nicht mit mehreren Personen in einem Körper zu tun, sondern mit einem inkohärenten Ich und einem dissoziativem Ich-Erleben. Es sind und bleiben “Persönlichkeitsanteile“, wovon jeder sein eigenes Netzwerk – in der Hirnforschung redet man auch von Schaltkreisen – im Gehirn aufgebaut hat.  

Betroffene der DIS haben diese Sprache natürlich all die Jahre übernommen, denn genau das gehört ja zu deren Krankheitsbild. Sie haben durchaus das Gefühl und die Überzeugung, dass in ihrem Körper unterschiedliche Personen leben.  Aber die Medizin darf sich in der objektiven Einschätzung nicht nach dem subjektiven Erleben der Betroffenen richten. Bei einem Patienten mit einer paranoiden Störung sagt man ja auch nicht, dass er verfolgt wird, weil bzw. wenn der Betroffene das sichere Gefühl hat, verfolgt zu werden.  

Die Medizinische Wissenschaft ist seit Jahrzehnten in der Lage, komplizierte Abläufe im Gehirn zu erkennen. Die Diagnose “Multiple-Persönlichkeitsstörung” (samt Kriterien) hätte man vor spätestens 20/30 Jahren korrigieren müssen. Mit Medizinische Wissenschaft meine ich übrigens nicht nur die Psychologische Wissenschaft, sondern auch die Hirnforschung und die Neurowissenschaft.

Nun sind es leider die Betroffenen, die sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen. Sie sind es, die den Schlamassel des irreführenden Diagnoseschlüssels ausbaden dürfen. Heute genauso wie vor 20 Jahren!

Nicht zuletzt schadet all das auch den Therapeuten selbst. Nicht nur im Studium bzw. der Ausbildung, sondern auch während der praktizierenden Berufsjahre. Die Tatsache, dass diese Störung zu einem Phänomen mutierte, sorgt dafür, dass man noch heute in Fachkreisen darüber „streitet“, ob es diese Krankheit überhaupt gibt.

Ist es nicht komisch?

Bei einem Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung  zweifelt kein Mensch. Da gibt es seit Jahrzehnten exzellente Forschungen/Studien, wie u.a. von Otto F. Kernberg. Dabei beruht auch die Borderlinestörung auf einem inkohärenten Ich, und der Übergang zur DIS kann durchaus fließend sein. Diese Krankheitsbilder liegen sehr dicht nebeneinander, wobei man hier den Borderline Typus und die Schwere der Borderlinestörung berücksichtigen muss.

Ich hoffe, dass ich hier mit der Webseite ein klein wenig dazu beitragen kann, die Dissoziative Identitätsstörung aus der Schublade der Mystik und der Phänomene heraus zu holen.  Obwohl ich fast befürchte, dass es dafür längst zu spät ist, und dass die Diagnose in dieser und ggf. auch in der nächsten Generation “verbrannt” ist.

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