Glück gehabt?

Der unten eingefügte Beitragskommentar stammt von Nora. In ihrer Schilderung erkennt man, dass durch den inflationären Gebrauch irgendwelcher satanisch ritueller Missbrauchsschilderungen nicht nur in der Gesellschaft eine Desensibilisierung stattfindet. Nein, sogar Betroffene des sexuellen Missbrauchs werden desensibilisiert. Sie beginnen zu vergleichen und ihr eigenes Erleben zu verharmlosen!

Vorweg kurz noch etwas, was ich vor einigen Tagen in dem Beitrag: Gefahren für Opfer im Netz schrieb.

So hab ich die Tage (um nur ein Beispiel zu nennen) gelesen, wie eine DIS Betroffene ihre Kult-Erfahrungen als Dreijährige beschrieb, inklusive Mord an einem Kind und Organverspeisung, wofür man sie – als Dreijährige – extra hungern gelassen hatte. Dieser Bericht war sehr ausführlich und enthielt zahlreiche Schilderungen, die eine Dreijährige in ihrer kognitiven Entwicklung niemals erfassen könnte. Abgesehen von der Kindheitsamnesie, wie sie alle Menschen bis zum dritten Lebensjahr erleben.

Zwei Möglichkeiten gibt es.

» Entweder, hier wird die These der falschen Erinnerung, wie sie Frau Dr. Julia Shaw beschreibt, bestätigt, oder

»hier möchte uns jemand einfach nur gründlich zum Narren halten.

Quelle: Gefahren für Opfer im Netz

Als ich diese Schilderungen mit dem Verspeisen der Organe las, habe ich nichts gefühlt. Maximal ein bisschen Abwehr, weil ich mich verschaukelt fühlte.

Als ich aber die Zeilen von Nora las, erging es mir ganz anders. Da wurde mir flau im Magen, ich bekam Gänsehaut und sie tat mir ernsthaft leid.

Danke Nora für das Bereitstellen deiner Erfahrung!

Glück gehabt?

Detaillierte Berichte über dreijährige Kinder, die im Rahmen von Blutopfern missbraucht werden, dazu die Beschreibung der Organe, die sie gezwungen waren zu essen: das ist nur ein kleiner Auszug aus den Beschreibungen von satanistisch-rituellem Missbrauch, die dutzende Bücher, Webseiten und YouTube Videos liefern.

Mittlerweile weiß ich, dass sich diese satanistisch-rituellen Missbrauchsdarstellungen nicht in dieser Form zugetragen haben können. Dennoch kann ich mich deren Nachhall nicht erwehren: Was macht es mit dem Leser, sich mit derartigen Schilderungen von schlimmsten Horrorerlebnissen zu konfrontieren? Was macht das mit mir als Überlebende sexueller Gewalt, diese genauso grausamen wie detailhaltigen Berichte zu lesen?

Ich habe Glück gehabt, dass mir das nicht passiert ist“, drängt sich ein Gedanken blitzschnell auf und vernebelt meine Sicht auf mich selbst –  so wie der von Luftfeuchtigkeit beschlagene Badezimmer-Spiegel, den man nach dem Duschen gar nicht schnell genug trocken wischen kann, wie er sogleich erneut beschlägt.

Gott sei Dank bin ich nur vergewaltigt worden“, huscht es durch meine Gedanken, „und zum Glück ist es nicht als kleines Kind passiert“.

Halt, Stop!!

Was habe ich so eben gedacht??!! „Nur vergewaltigt?!

Was zum Teufel (ja, genau den meine ich!) hat hier Einzug in mein Denken gehalten?!

Ganz unwillkürlich und leise hat mein Gehirn begonnen, Vergleiche anzustellen zwischen dem, was mir passiert ist und den Schilderungen aus dem Internet. Ich habe eine Gleichung erstellt, deren Resultat sofort feststand: „Es hätte mich viel schlimmer treffen können“.

STOP.

Was habe ich gerade getan?

Verdammt!!! (Ja genau).

Ich habe meine eigene Vergangenheit bagatellisiert und eine Straftat verharmlost, die so viele Menschen betrifft, die Opfer (sexueller) Gewalt geworden sind und die mit deren Auswirkungen ihr Leben lang zu kämpfen haben.

Nicht so schlimm?

Doch. Es ist schlimm.

Sehr sogar.

Erstens kennt Trauma keinen grammatikalischen Komparativ und lässt sich nicht objektiv steigern: schwer – schwerer – am schwersten. Jeder Mensch verarbeitet traumatische Ereignisse unterschiedlich, deren subjektive Auswirkungen sind nicht quantifizierbar.

Zweitens kann man sich auch beim Hinunterfallen von einer normalen Leiter schwer verletzen, es muss kein Sturz aus zehn Meter Höhe sein.

Und drittens ergibt es keinen Sinn, die eigene Vergangenheit mit etwas zu vergleichen, was als satanistisch-ritueller Missbrauch den Verschwörungstheorien zuzurechnen ist.

Ich warte einen Moment, bis der Spiegel nicht mehr beschlägt. Genauso wie man im Badezimmer nach dem Duschen das Fenster öffnet, muss ich mein Gehirn durchlüften: bis meine Gedanken wieder klar werden und ich jeden Vergleich wegwischen kann.

Ein für allemal.

@ Nora

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