Diagnosewahn unter Laien

Vor einiger Zeit schrieb ich im Artikel „Heilung“ etwas zu dem Zustand der Gesundheit, und was man im psychologischen Sinne darunter versteht. Schon in diesem Beitrag erwähnte ich den Missbrauch der Diagnosen. Doch nicht nur psychologische Fachkräfte, Ärzte und Psychiater missbrauchen die diagnostischen Möglichkeiten, sondern auch die Gesellschaft.

Wofür sind Diagnosen gedacht?

Sie dienen lediglich der adäquaten Behandlung. Mit Diagnosen kann man Konzepte erarbeiten, und somit Patienten entsprechende Hilfe zukommen lassen. Das ist die einzige Bedeutung, die Diagnosen haben, je gehabt haben und je haben werden. Alles andere ist ohne Wenn und Aber Missbrauch.

In der Gesellschaft wird gerne all das als krank diagnostiziert und stigmatisiert, was von der Normalität abweicht.  

Aber was ist Normalität?

Normalität leitet sich von „Norm“ ab, und diese ist nicht allgemeingültig festlegbar. Was in unserer westlichen Gesellschaft als Norm gilt, ist in anderen Kulturen fremd, falsch oder gar un-normal. Selbst innerhalb von Europa unterscheiden sich Normvorgaben. Also kann die Normabweichung auf gar keinen Fall gleichbedeutend mit psychischer Krankheit/Störung sein.

Zur Normalität gehört durchaus Andersartigkeit. Und ja, in diesen Andersartigkeiten finden sich auch gängige Kriterien verschiedener Persönlichkeitsstörungen. Das bedeutet aber nicht gleichermaßen, dass derjenige, der diese Kriterien aufweist, auch tatsächlich eine Persönlichkeitsstörung oder Krankheit hat.

Manfred Lütz schrieb in seinem oben erwähnten Buch :

Es ist gefährlich, Einsichten, zu denen die Psychiatrie bei leidenden Menschen gelangt ist, umstandslos auf nicht leidende Menschen zu übertragen. Die Unart mancher Psycho-Experten, Diagnosen auch auf Leute anzuwenden, die bei ihnen gar nicht den Krankenschein abgegeben haben, ist ein Missbrauch von Diagnosen.


Es muss der Grundsatz gelten, dass ein Mensch im Zweifel gesund ist. Sonst wird die Welt zur Diktatur der langweiligen Normopathen, der grauen Mäuse jeder Gesellschaft, die mit einer Ideologie, korrekter Normalität alles Außerordentliche einebnen und eine willfährige Psychiatrie dazu missbrauchen, alles Irritierende in diagnostische Schubladen zu sperren.


Dann würde diese ganze bunte Welt totalitär mit nicht erwünschten Behandlungen überzogen – und für die wirklich Leidenden bliebe keine Zeit mehr.   

Das Buch ist 2009 erschienen.

Inzwischen (2022) hat sich der gesellschaftliche Diagnosewahn inmitten der weltweiten digitalen Vernetzung drastisch erhöht. Jeder, der anders, konträr, aufmüpfig, albern, irritierend, oder auch einfach nur unliebsam ist, bekommt eine Diagnose um die Ohren “geknallt”.

Wir beschreiten damit einen sehr gefährlichen Pfad. Nicht nur, dass die geduldete Norm erstickend eng wird, auch zeigt der geschichtliche Rückblick, wohin so ein Diagnosewahn führen kann. (T4 in der Nazidiktatur)     

Und…

Geschichte kann sich durchaus wiederholen, wenn man die Wurzel dessen, was einst zur Grausamkeit führte, nicht erkennt und klar benennt.   

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