In 48 Stunden ist mein Hund tot (© Nora)

Nora schreibt über ihren Filou, den sie in nur wenigen Stunden gehen lassen muss.

Mein Filou hat nur noch zwei Tage zu leben. Das ist ein Satz, den ich gehofft hatte, niemals aufschreiben zu müssen, weil er zu schrecklich ist, um sich aus meinen Albträumen den Weg in die Realität zu bahnen. Aber Filou ist sehr krank und muss eingeschläfert werden, schon sehr bald.

Wenn mir jetzt jemand das Gedicht von der Regenbogenbrücke zitiert, wo geliebte Haustier im Himmel ihren Besitzer wiedersehen, dann würde ich sicher zu schreien anfangen. Ich habe es aus meinem Umfeld fast keinem gesagt, dass Filou am Montag gehen wird, denn ich ertrage keine Kommentare wie „Das tut mir ja so leid“ oder „Du bist so stark, wie du das alles schaffst“.

Bin ich stark? Wirklich? Meine Mutter meinte gestern, in meinem jungen Alter könnte man so einen Verlust noch leichter wegstecken als sie in ihrem fortgeschrittenen Alter.

Kann man das? Trauer hat doch nicht mit Lebensjahren zu tun!

Ich bin versucht, mir eine Maske aufzusetzen. Wieder mal.

Zum Begräbnis meines Vaters vor drei Jahren hatte ich mir spitze Kieselsteine in die Schuhe gesteckt, um nur ja nicht zu weinen, wenn alle Augen auf mich gerichtet waren, als ich den Rollstuhl mit meiner Mama auf dem Weg zur Grabstätte hinter dem Sarg herführte. Keine Blöße wollte ich mir geben, als ich den Begräbniszug anführte, lieber Schmerz mit Schmerz bekämpfen.

Doch ich musste gar nicht auf diese harten Steinchen drauftreten, ich war schon vorher innerlich weg. Meine Bekannten sagten mir später, dass ich regungslos wie eine Statue ausgesehen hatte, bloß dass ich zitterte. Besser gesagt, mein Körper zitterte. Nicht ich.

Ich habe damals nicht geweint. Keine einzige Träne. Meine Mutter sagte anschließend zu mir, ich hätte bei der Beerdigung so „schön“ ausgesehen: perfekt geschminkt, dunkelroter Lippenstift, eine zierliche Gestalt in einem schwarzen Blazer mit einer weißen Rose in der Hand. Wie eine trauernde Figur aus einem Theaterstück von Arthur Schnitzler, so sagte sie – und war irgendwie stolz auf mich – oder auf den Menschen, der an meiner statt hinter dem Sarg hergegangen war. Auf eine Nora, die nicht ich selbst gewesen war.

Damals wusste ich nicht, wie ungesund und falsch der Weg war, jegliche Trauer zu unterdrücken.

Denn ich musste meine Gefühle nichtmal wegmachen, brauchte keine Kieselsteine, die mich in die Fußsohlen stachen und vom Weinen abhalten sollten.

Denn hey … Gefühle waren sowieso Fehlanzeige bei mir: Ich war auf einer Bühne, spielte die Rolle der Trauernden, hielt mich daran fest, um nicht zu ertrinken, obwohl es ohnehin keine Gefühle gab, in denen ich hätte untergehen können.

Ich war aus Stein, auch als mir anschließend alle gratulierten, wie toll ich doch mit dem Trauerfall umgegangen war, wie stark ich in dieser schweren Zeit war, welch Fels in der Brandung. Ich hatte gerade meinen Vater verloren, den ich sehr geliebt hatte, in mir war so unglaublich viel Schmerz, dass aus dem Ozean an Emotion ein Nichts wurde.

Ich wurde Nichts und Niemand.

Zerbrochen bin ich erst später. Viel, viel später, als dann auch noch die Corona Pandemie kam, zerschellte ich wie ein Schiff an den Klippen. Der Nebel hatte jeglichen Lichtschein des Leuchtturms verschluckt, orientierungslos wäre ich im Meer der Selbstzerstörung schlussendlich beinahe ertrunken.

***

Ich möchte nicht mehr aus Stein sein und irgendwann in meinen Gefühlen untergehen, weil ich vergessen habe, wie Schwimmen funktioniert und aus purem Selbstzerstörungstrieb die mir zugeworfenen Rettungsringe ignoriere.

Doch wie trauert man?

Wie geht das … das Fühlen?

Wie lasse ich etwas zu, wo ich doch Angst habe, dass es mich wie ein Tsunami wegschwemmt, wenn die Gefühle erstmal da sind. Wenn die Welle kommt …

Als ich mit dem Tierarzt vor zwei Tagen das Datum für das Einschläfern festgesetzt hatte, war ich in Trance. Das kleine Zettelchen mit Uhrzeit und Tag war fest in meiner Hand und machte den Termin real. Nein, es war kein Albtraum, sondern mein Filou wird für immer einschlafen, doch ich realisierte es nicht. Es war bloß das Flüstern einer unhörbaren Stimme, die mir das Gefühl von Zeit und Raum nahm: „Das ist nicht real, das ist nicht real, das ist nicht real“.

Filou muss gehen. Es steht nun fest.

Er hatte ein langes und schönes Leben. Am Montag werden es 11 Jahre, 2 Monate und 3 Tage bei sein, seitdem ich ihn von einem Tierschutzverein übernommen habe, der ihn aus einer ungarischen Tötungsstation gerettet hatte. Als ich damals sein Foto auf der Webseite sah, war Filou gerade „Hund des Monats Februar“, weil ihn niemand zu sich holen wollte, obwohl er bereits ein halbes Jahr in der Tierauffangstation lebte. Es war sein verschmitzter aber gleichzeitig auch trauriger Blick, ein Klappohr und ein Stehohr, der mich sofort spüren ließ: Dieser Hund oder keiner.

Und er wurde mein Filou, mein Ein und Alles, mein Kind für so viele glückliche Jahre lang.

***

Durch meine Gedanken zucken immer wieder Zweifel wie Blitze im dunklen Sommergewitter: Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt? Er hat ja noch nicht große Schmerzen … soll ich noch warten? Den Termin verschieben? Spiele ich vielleicht Gott, wenn ich mich fürs Entschläfern entscheide? Der Tierarzt hatte mir die Entscheidung nicht abgenommen, denn ich musste sie selbst treffen.

Was möchte Filou? Das ist das Allerwichtigste. Doch als Hund kann er nicht reden.

Ach könnte er mir doch sagen, was das Beste ist …

Heute habe ich erstmals gefühlt, dass er sich dahin schleppt aufgrund der degenerativen Myelopathie, seiner unheilbaren Rückenmarkserkrankung. Er frisst zwar wie ein Weltmeister, lässt sich gern sein Bauchi kraulen, doch er ist nicht mehr der, der er früher war. Seine Lebensenergie ist nicht mehr dieselbe und trotz einer guten Einstellung auf Schmerzmittel ist wohl ein Rest an Schmerzen übrig, wenn er das Gleichgewicht mit den Hinterbeinen kaum halten kann und beim Laufen umkippt, obwohl ich ihn im Tragegurt halte.

Nein, ich lasse ihn nicht leiden! Das könnt ich mir nicht verzeihen.

Ständig versuche ich, einen moralischen Kompass zu suchen, doch ich finde keinen.

Was ist das Richtige in einer Situation, in der es kein richtig und falsch gibt?

Das Datum und die Uhrzeit seines Todes zu kennen, ist grausam. Mein einziger Trost ist, dass Filou es nicht weiß und dass er nichts spüren wird, wenn es dann soweit ist. Und dass ich bei ihm sein werde, seinen Kopf halten, bis zum letzten Atemzug, bis sich seine Seele in den Hundehimmel verabschieden wird.

Noch 47 Stunden und 32 Minuten.

Ich möchte fühlen können, doch in mir ist eine Wand, die alles von mir fernhält und mich bloß funktionieren lässt wie einen herzleeren Zombie. Wenn ich Filou füttere, bürste, umarme, streichle realisiere ich nicht, dass es schon so bald zu Ende sein wird. Gerade schläft er zufrieden in seinem Hundebett, schnarcht ein bisschen und pupst zufrieden, wie er das immer nach dem Mittagsfressen macht.

Alles scheint wie immer.

Doch ich habe das Dosenfutter und die Leckerli abgezählt, wieviel er davon noch fressen wird. Seine Bürste zur wöchentlichen Fellpflege habe ich schon weggeräumt, die braucht er nicht mehr, waren meine Gedanken dazu. Ich habe sein Lieblingskörbchen und ein paar Stofftiere hergerichtet und auch einen großen Papierkarton, dessen Ränder ich extra mit Klebeband verstärkt hatte.

Ich denke praktisch: wie werde ich ihn mit seinen 27 Kilo danach zu meinem Auto tragen können? Denn ich möchte ihn selbst bei der Tierbestattung vorbei bringen, nicht dass er von Fremden abgeholt wird.

Auf der Webseite habe ich bereits eine Urne augesucht als würde ich im Onlineshop von Fressnapf sein Lieblingsfutter bestellen, so fühlte es sich an. Denn es will nicht in meinen Kopf hinein, dass ich nie wieder seine Lieblingshundedosen kaufen werde.

***

Gestern habe ich 6 Schnapsgläser Whiskey hintereinander runtergekippt. Nicht, weil mir Alkohol schmeckt, sondern im verzweifelten Versuch, im angetrunkenen Zustand ein paar Gefühle zulassen zu können. Es hat nicht funktioniert, mir abseits von Magenschmerzen nichts gebracht – außerdem möchte ich nicht die letzten Stunden im Leben meines Filou völlig weggetreten sein. Alkohol ist nicht die Lösung.

Wie fühlt man, wenn man nichts spürt?

Wie kann ich weinen, wenn mich der Schmerz erstickt?

Wie schlage ich die Glaswand ein, die mich von allen Gefühlen trennt, ohne mich selbst dabei zu verletzen?

Nichts ist schlimmer als die Zukunft zu kennen und auf seinen Tod zu warten.

Noch 47 Stunden und 15 Minuten.

 © Nora, Samstag Nachmittag, den 07.05.2022

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