Ein unteilbares Ganzes ( © Nora)

Dieser Beitrag stammt von Nora!

Menschen zerteilt man nicht in Einzelteile oder gute und schlechte Seiten.

Eigentlich ist das ein simpler Grundsatz: Alle Persönlichkeitsmerkmale, Zustände und Anteile machen einen Menschen im Gesamten aus, gehören dazu und sind liebenswert.

Aber ist diese Akzeptanz, die sich auf dem Papier logisch anhört, in der Praxis wirklich so selbsterklärend? Zu schnell werden Teile abgespalten, zu leicht passiert eine Trennung in „gut“ und „schlecht“. In genau diese Denkfalle bin ich mit folgendem Satz gestolpert, den ich Marvi gesagt hatte:

Ich mag dich so wie du bist, auch wenn ich nicht alle deine Seiten super finde. Aber sie gehören zu dir dazu.“

Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass ich Marvi als ganzen Menschen mag, so wie sie ist. Jedoch war ein gedachtes ABER in meinem Satz – und genau diese Relativierung spaltet auf und trennt ab, obwohl ich eigentlich das Gegenteil erreichen wollte.

Was steckt dahinter? Warum denke ich ganz unbewusst und automatisch, dass ich bestimmte Seiten an mir und an anderen Menschen mag und gewisse Seiten wiederum nicht?

Aber die wichtigste Frage: Was macht es mit mir und anderen, wenn ich bestimmte Seiten ablehne?

Ich nehme mich selbst auseinander wie jene russischen Babuschka-Puppen, deren Einzelkörper ineinander stecken, um mir meine Lieblingsteile rauszusuchen. Und ich zerstückle damit auch jeden anderen Menschen, an den ich denselben Maßstab anlege wie an mich selbst.

In Zeiten des Selbstoptimierungswahns gibt es ganze Laufmeter an Ratgeberliteratur zu kaufen, wie man – um es auf den Punkt zu bringen – ein besserer Mensch wird. Das Ziel dahinter ist nur allzu oft unserer Leistungsgesellschaft geschuldet: gut, besser, am besten. Das heißt also, die positiven Eigenschaften, Seiten und Persönlichkeitsmerkmale sollen gestärkt, die Negativen am besten abgeschafft oder ausgemerzt werden. Kann Selbstoptimierung toxisch werden? Wenn man zu Perfektionismus neigt, ja.

Dennoch würde es zu kurz greifen, die Schuld ganz alleine in der Gesellschaft zu suchen, denn auch die eigene” Erziehung spielt mit hinein – wenn man als Kleinkind erlebt hatte, dass zum Beispiel nur die „brave Nora“ gewollt war, die „schlimme Nora“ allerdings nicht. „Schlimm sein“ bedeute in meinem Fall als Kind lediglich zu weinen oder – worst case ein wenig zu quengeln.

Als ich unser Mädel das erste Mal im Arm hielt, erschien sie mir ganz zart und zerbrechlich. X-Name-X war von Anfang an ein braves Baby.X-Name-X ist wirklich ein braves Kind. Wenn sie weint oder vor sich hin jammert, dann weiß man, sie hat wirklich Beschwerden. Nur so weint sie nie.

November 1984, X-Name-X ist wirklich ein braves Kind. Nur mit dem essen wird es immer schwieriger.
X-Name-X weint auch kaum mehr, wartet geduldig, bis sie ihr Fläschchen bekommt, kurz, sie ist wirklich brav.

Was macht das mit Kindern, wenn sie größer werden? Legt das die Basis, sich selbst aufzusplitten in „gut“ und „schlecht“ und in Folge das vermeintlich Schlechte in sich „eliminieren“ zu wollen?

Gefühle werden abgespalten oder internalisiert, Wut als Autoaggression gegen sich selbst gerichtet. Der Drang ist geboren, Bravsein als vermeintliche Bedingungen zu erfüllen, um gemocht zu werden. Ja, Bedingungen (!) – und genau hier fängt das Toxische an –, wenn Akzeptanz und daraus resultierend auch Selbstliebe an Bedingungen geknüpft werden, die erfüllt sein müssen: eine conditio sine qua non, welche irgendwann in krankhaftem Perfektionismus endet. Denn nur wenn man „perfekt“ wäre, hätte man „Liebe verdient“, so die verzerrte Selbstwahrnehmung.

Die eigene Persönlichkeit in erwünschte und unerwünschte Seiten einzuteilen, ist dann lediglich ein kleiner, nächster Schritt: fertig ist die Aufspaltung, die sich irgendwann als Riss durch die ganze Seele zieht. Katy Perry kann dann in ihrem Song „Unconditionally“ noch so oft von bedingungsloser Liebe singen – wenn es seit der Kindheit anders gelernt wurde, gehen diese Zeilen im wahrsten Sinne des Wortes beim einen Ohr hinein und beim anderen wieder hinaus.

Bringt man dieses Thema so deutlich auf den Punkt, leuchtet dessen Problematik für die Psyche ein, aber meist geschieht es unbewusst, weil die verinnerlichten Mechanismen dahinter automatisiert ablaufen: problembeladenes Verhalten (in welcher Form auch immer) wird gleichgesetzt mit einer schlechten Seite oder einem Anteil der Persönlichkeit per se. Anstatt klar zu differenzieren, dass ich ein konkretes, situationsgebundenes Verhalten an mir selbst nicht mag und verändert möchte, habe ich statt dessen ganze Anteile von mir reihenweise abgelehnt. „Perfekt“ und makellos wollte ich sein – ohne zu begreifen, dass Perfektion im Widerspruch zum Mensch Sein steht.

Wäre mein Ich eine Zeichnung auf Papier, hätte ich einen Radiergummi genommen, um diese unerwünschten Anteile wegzuradieren, ohne zu bemerken, welche leeren Flecken ich damit in meiner gesamten Persönlichkeit hinterlasse:

Ich habe mich löchrig radiert wie einen Schweizer Käse.

Genau zu jenem Radiergummi habe ich in meiner Sichtweise auf meine Freundin gegriffen: „Ich mag dich als Gesamtpaket, aber manche deiner Seiten finde ich nicht so toll.“

Das war die klassische Aufspaltung einer Persönlichkeit in „gut“ und „schlecht“, ohne dass es mir in diesem Moment bewusst gewesen ist.

Aber genau darum geht es: ein Bewusstsein zu erlangen, wieviel Spaltung unbewusst abläuft und dass das Lippenbekenntnisse „ich würde dich niemals in Einzelteile zerlegen“ nicht ausreicht.

Die Lösung? Eine simple 08/15 Lösung gibt es hierfür nicht, denn es ist ein langer Weg: sich selbst bedingungslos zu akzeptieren und damit auch andere in ihrer ganzen Vielfalt bedingungslos anzunehmen. Das Bewusstsein, wie schnell und unbewusst Spaltung passieren kann, bildet den ersten Schritt auf diesem Weg.

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