Hysterie als Stigma

Wenn und dass die Gesellschaft den Begriff Hysterie nur als Beleidigung einsetzt, wundert mich nicht. Manchmal versuche ich aufzuklären, meistens aber klicke ich weiter. Ärgerlich wird es, wenn Prominente diesen Begriff Hysterie als Stigma verfestigen und somit zu einer Massen-Programmierung beitragen.

Wie hier nun in dem Fall von dem Kabarettisten Florian Schröder auf Facebook:

In diesem Fall habe ich nicht weg geklickt. Ich schrieb HIER:

Und damit, werter Herr Florian Schroeder, haben Sie bewiesen, dass es Ihnen an Hirn zu mangeln scheint.

Der Begriff “Hysterie” wird missbraucht, um Menschen abzuwerten, obwohl es hier um eine ernstzunehmende, schwere Krankheit geht, unter der Menschen massiv leiden. Vor allem auch körperlich.

Unter Hysterie versteht man medizinisch u.a. all das, was heute als Konversionsstörungen, Somatisierungsstörungen und psychogene nicht-epileptischen Anfälle gilt. Dem liegen schwere Dissoziations-Zustände zugrunde!

Dass Sie dazu beitragen, dass der Begriff Hysterie ein weiteres Mal missbraucht und somit verfälscht wird, enttäuscht mich zutiefst!

Mit Hysterie versucht man im Volksmund zu vermitteln, dass jemand maßlos und grundlos übertreibt und das führt dazu, dass selbst in medizinischen Kreisen (vor allem im Pflegepersonal, die fachlich nicht korrekt geschult sind) das Stigma gilt, Menschen mit hysterischen Anfällen haben eigentlich gar nichts. Sie simulieren nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen! Entsprechend abfällig und arrogant werden die Menschen behandelt!

Sie tragen dazu bei, dass ein Stigma erhalten bleibt, unter dem Menschen leiden, die auch im Rollstuhl sitzen und jahrelang nicht fähig sind, zu laufen. Oder andere erblinden, ohne, dass eine körperliche Ursache gefunden werden kann. Sie tun nicht so, als seien sie blind, sie sind es wirklich! Sie können nichts mehr sehen!

Wissen Sie aber, was das Schlimmste ist?

Sie sollten sich vielleicht mal mit der historischen Bedeutung befassen!

Bereits die alten Ägypter hielten die Hysterie für ein weibliches Leiden, was vor allem unbefriedigte und kinderlose Frauen befällt.

Die Folgen hatten die Frauen im 19. Jahrhundert zu tragen, weil die Diagnose in erster Linie durch Männer getroffen wurde, die als Therapie anordneten, diese Frauen zwanghaft zu befriedigen und befriedigen zu lassen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Frauen in den Psychiatrien deswegen mit der Diagnose Hysterie behandelt, weil sie nicht dem gesellschaftlichen Standard entsprachen. Weil sie ihrer Rolle als Frau nicht gerecht wurden!

Im Mittelalter übrigens landeten Frauen, die man für hysterisch hielt, auf dem Scheiterhaufen.

Sehr lustig… NICHT!

Schämen Sie sich! Sie arbeiten mit Worten und gerade darum….Das hier ist ein Fauxpas, den ich im höchsten Maße als diskriminierend empfinde!

Florian Schröder hat sich natürlich nicht dazu herabgelassen, mir zu antworten. Er ließ einfach seine Jünger Lachsmileys setzen und zu Wort kommen.

Womit bestätigt sein dürfte, was ich Herrn Florian Schröder – einem Kabarettisten, der hauptberuflich mit Wörtern jongliert – schrieb.

Natürlich sind solche Wortmeldungen, wie meine, Perlen vor die Säue. Wen schon interessiert es, wenn dieser Begriff als Keiferei oder als Aufmerksamkeitssuche missbraucht und in die Köpfe hinein programmiert wird.

Oder…?

Darf ich es sagen? Möchte es irgendjemand wissen? Interessiert es irgendwen, wie sich diese Menschen fühlen?

Sie ziehen sich immer weiter zurück. Erblindet, mit Krampfanfällen allein gelassen, im Rollstuhl gefesselt. Sie werden gedemütigt, sie werden beschuldigt und sie werden in den Stigma-Topf der Hysterie geworfen.

Was hat sich denn in all den letzten Jahrhunderten geändert? Entweder, man unterstellt den ohnehin körperlich gepeinigten Frauen, dass sie voller Besessenheit (hexengleich) nur Aufmerksamkeit suchen oder gar unbefriedigt seien (hallo Mittelalter) oder man unterstellt Frauen, wie in und nach der Nazizeit, Hysterie, weil sie sich nicht im Rollenklischee einordnen. Inzwischen ist jeder hysterisch, der ab und zu mal ein paar Emotionen zeigt.

An die Betroffenen:

Im Ursprung wurden Frauen, die die heutigen bekannten Konversionsstörungen aufwiesen, verbrannt und gefoltert. Oder ihnen wurde tatsächlich eine mangelnde sexuelle Befriedigung unterstellt, was es legitimierte, dass Männer übergriffig wurden!

Darum halte ich es für falsch, dass “wir” uns vom Begriff Hysterie distanzieren. Das ist gerad so, als wenn sich Frauen von Frauen distanzieren, denen man nachsagt: »Sie waren zu aufreizend gekleidet und sie lächelten zu kokett« , was den sexuellen Übergriff von Männern, die als Opfer angeblich nur animiert wurden, legitimierte!

Hinzu kommt, dass wir die Grundannahme, Hysterie

  • sei ja nur eine (keifende) emotionale Erregtheit
  • sei ja nur eine eingebildete Krankheit
  • sei ja nur Ausdruck mangelnder sexueller Befriedigung (Wollust & Frust)
  • sei ja nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit
  • sei ja nur Panikmache, a la: Stell dich nicht so an

… dass wir all das bestätigen, wenn wir versuchen, uns zu distanzieren. In dem Fall stimmen wir dem Stigma nämlich indirekt zu, auch wenn wir das gar nicht wollen. Und damit fallen wir all den Menschen, die in der gesamten Vergangenheit an unserer Krankheit litten, in den Rücken.

Ich halte es auch für falsch, dass sich all die Menschen mit Konversionsstörungen immer unsichtbarer machen, weil sie Angst haben, in der Schublade Hysterie zu landen. Das kann nicht der richtige Weg sein.

Das ist der Verlierer-Weg!

Ich für meinen Teil höre nicht auf, zu erzählen und zu schildern, was es mit dem Begriff Hysterie auf sich hat. Es ist mir auch vollkommen egal, wenn ich dadurch selbst als klassisch-hysterisch (keifend) eingeordnet werde.

Zusatz:

Viele Menschen verwenden den Begriff Hysterie, ohne zu wissen, was er tatsächlich bedeutet. Oder man weiß es in gewisser Weise bzw. zum Teil, aber verwendet ihn so, wie viele andere Begriffe, die im Volksmund eine neue Bedeutung bekommen. Diese Menschen sollen sich bitte nicht von mir zurecht gewiesen fühlen. Auch mir rutschte diese Bezeichnung einmal unbedacht heraus, bis mich eine DIS-Betroffene darauf hin wies. Da erst wurde mir die Tragweite dessen bewusst, was Menschen so leichtsinnig übernehmen und ich begann, mich umfangreich damit auseinander zu setzen.

Weiterführende Information: Ärzteblatt – Funktionelle neurologische Störungen: Vom Stigma der Hysterie lösen

Beitragsfoto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

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