Filmkritik Mr. Robot

Ich bin immer skeptisch, wenn in einem Film oder einer Serie eine Person dargestellt wird, die an einer Dissoziativen Identitätsstörung leidet.  Viel zu oft ist diese Darstellung auf Effekthascherei ausgelegt und noch viel öfter wird aus genau diesem Grund das Krankheitsbild mit einer riesigen Portion Mystifizierung verzerrt.

Hier aber hat jemand ganze – oder sagen wir besser eine sehr genaue Arbeit geleistet. Dabei geht es weniger um die Frage, wie eine Dissoziative Identität entsteht, auch nicht darum, wie die Wechsel vonstattengehen. Das steht in dieser Serie, bestehend aus 4 Staffeln, zum Glück nicht im Vordergrund.

Im Vordergrund steht, was im Inneren einer solchen Person abläuft. Gedanken, Gefühle, Philosophien, Wut, Ängste, soziale Probleme und die Fähigkeit, sich selbst zu helfen. Etwas, was in seiner Kindheit keiner getan hat = der Grund, wieso er sich selbst helfen musste. Ein Mechanismus, auf den er von da an immer wieder zurück gegriffen hat, wenn die Bedrohung für seine Existenz zu stark wurde.

Um was genau geht es in der Serie Mr. Robot?

Das Motto von Elliot (Rami Malek) in der gefeierten Cyberthriller-Serie ist einfach und effektiv: Traue niemandem, nicht einmal Dir selbst. Tagsüber arbeitet Elliot als Sicherheitsexperte für eine renommierte IT-Firma, nachts kämpft er als freischaffender Hacker im Netz gegen die Mächte des vermeintlich Bösen. Nun soll er für die Gruppe eines mysteriösen Unbekannten (Christian Slater) digital jenen krakengleichen Großkonzern angreifen, den er in seinem Tagesjob eigentlich beschützen soll. Allmählich beginnen die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, Realität und Wahnsinn zu verschwimmen.

Quelle Amazon

In wie weit die Hacker-Programmierung realgetreu ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da mir dafür die Kenntnisse fehlen. Filmkritiken von professionellen Hackern jedoch besagen, dass die Eingaben und gezeigten Abläufe beim programmieren sehr realgetreu sind. So schrieb zum Beispiel der Informatiker Felix Hartmann:

… was ich – bezogen auf die Dissoziative Identitätsstörung – 1:1 bestätigen kann!

Erst, als ich anfing, diese Filmkritik hier zu schreiben, recherchierte ich, wer das Drehbuch geschrieben hat. Was ich zu Gesicht bekam, erklärte vieles. Siehe:

Sam Esmail wurde 1977 in Hoboken im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Seine Familie stammt aus Ägypten. Esmail schreibt, dass er als Kind unter Zwangsstörungen litt und ihm später soziale Angststörungen diagnostiziert wurden. Er sei zudem als Nerd aufgewachsen und habe während seiner Collegezeit im Computerraum gearbeitet.

Quelle Wikipedia – weiterführende Links: Biografie, Kreativität, Karriere, Privatleben

Sam Esmail scheint – genauso wie der Hauptdarsteller Elliot, gespielt von Rami Malek – ein Superhirn bzw. Mastermind zu sein. Die ganzen 50 Stunden, während ich mir die Serie anschaute, dachte ich:

»So etwas kann sich nur jemand ausdenken, der mit der Materie vertraut ist. ZU authentisch sind die psychodelischen Wahrnehmungen und Gefühle des Elliot Alderson.«

Woran man sich als DIS-Betroffene/r gewöhnen muss, sind die Begegnungsorte der Persönlichkeitsanteile. Hier benötigt man Vorkenntnisse oder aber eine gewisse Affinität zum Hauptdarsteller, um eine übersetzte »innere Erlebnis-Welt« zu gestalten. Dargestellt wird, wie sich Elliot und Mr. Robot – zwei Identitäten ein und derselben Person – auf der Straße oder an anderen realen Ortschaften begegnen. Gerad so, als hätte der Hauptdarsteller Halluzinationen, was glauben lässt, Elliot wäre schizophren. Für mich war es deswegen schwer, mich damit zu identifizieren, weil die Anteile in mir keinen realen, sondern einen selbst angelegten visuellen Begegnungsort haben. Orte, die so anders sind, als die Realität, wie sie mich umgibt.

Doch hat man sich in der Serie einmal darauf eingelassen, dass die Begegnungen einzig nur in Elliots Vorstellung stattfinden und dass diese realen Ortschaften von ihm im Kopf 1:1 visualisiert werden, dann befindet man sich – neben all den Teilpersönlichkeiten – mittendrin im Kopf des Protagonisten.

Ob es tatsächlich Betroffene gibt, die die realen Umgebungen 1 zu 1 kopieren und in der Fantasie als Begegnungsstätte integrieren, weiß ich nicht. So etwas ist sehr individuell und kann weder statisch, noch diagnostisch erfasst werden.

Nicht nur DIS Betroffene können sich mit dem Filmgeschehen identifizieren. Sam Esmail schafft es, ein enorm breites Publikum zu gewinnen, weil so gut wie alle Aspekte des Lebens und des Fühlens eingebaut und von grandiosen Haupt- und Nebendarstellern gezeigt werden. Die Serie beinhaltet sehr viel Gesellschaftskritik und thematisiert die stetig ansteigende Digitalisierung, Macht, Kontrolle, den Verlust der Privatsphäre oder die Tatsache, wie wir – marionettengleich – durch eben diese Digitalisierung manipuliert werden. Realistische Gefahren und Verschwörungen bedingen sich hier gegenseitig und werden im Film elektrisierend wieder gegeben. Was Sam Esmail geschaffen hat, ist Kunst. Vor allem der Einsatz all der Plot Twist, die man nur als gigantische Mindfucks bezeichnen kann.

Ich hörte so manch einen Kritiker sagen, man käme manchmal bei den Handlungen nicht mit. In der Tat erfordert diese Serie kognitive Fähigkeiten, um dem Geschehen folgen zu können. Doch gerade das macht es so sehenswert und außergewöhnlich.

Was mir persönlich ganz besonders gut an dieser Serie gefällt, ist:

  • dass man hier einen DIS-Betroffenen in all seinem Wahn zeigt, ohne, dass er verrückt erscheint,
  • dass man ihn mit all den sozialen Problemen zeigt, ohne, dass man ihn als Verlierer sieht,
  • dass man ihn in all seiner phobischen Angst zeigt, ohne, dass er schwach wirkt,
  • dass man es schafft, die klare Logik in dem ganzen dissoziativem Chaos zu offenbaren,
  • dass man es schafft, zu verstehen, ohne das Mitleid erzeugt wird,
  • dass man den Protagonisten ernst nimmt, obwohl die Unberechenbarkeit der Psyche – auch visuell – geschildert wird,
  • dass man den Charakter des Elliot Alderson durchweg als überaus menschlich und nicht mystisch betrachten muss, weil er als solcher detailgerecht gezeigt wird.

Man findet hier auf der Webseite nicht viele Empfehlungen und Hinweise von mir, die sich auf die Dissoziative Identitätsstörung beziehen. Um ehrlich zu sein, hab ich bisher noch nichts – gar nichts – empfohlen. Weder Webseiten, noch Bücher und erst recht keine Filme. Hier nun mache ich die erste Ausnahme.

Mr. Robots ist nicht nur eine Serie,

es ist ein Meisterwerk,

das gigantischer und realgetreuer nicht sein kann.

Selbst die Songs und Klänge sind treffsicher gewählt.

Empfehlenswert!

Bildquelle: Serienjunkies.de

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