Zwischen Erkrankung und Lifestyle (© Nora)

Triggerwarnung >> für Opfer, die sich selbst verletzten.

Auf dieser Seite befindet sich Bildmaterial, das triggern könnte.

Vorwort von Marvelous:

Bereits auf der Seite »Ernst genommen werden« kündigte ich an, dass auch Nora beschreiben wird, was die TikTok Videos in ihr ausgelöst haben. Ich finde ihre Offenheit sehr bemerkenswert, denn dieser Bericht zeigt, was diese Massen-Videos anrichten können. Völlig egal, um welche Krankheit es dabei geht: Borderline, DIS/DID oder Pro Ana…

Ich möchte hinzufügen, dass Nora diesen Text – obwohl sie eine fließende Schreiberin ist – nicht in Kürze verfasst hat. Sie hat Stunden, ja, fast zwei Tage dafür gebraucht. Es ist sehr viel in ihr hoch gekommen, sehr viel aufgebrochen und getriggert worden. Es berührt mich zutiefst, dass sie inmitten der Angst ihre Zeilen zur Verfügung stellt. Noch während sie bemüht war, die Bilder zu verarbeiten, gab sie ihr Einverständnis für die Veröffentlichung.

Danke Nora für den folgenden Text:

Sucht man nach #DIDsystem auf TikTok, sieht man DIS-Betroffene, die ihre Switches mit der Kamera einfangen und „Persönlichkeitswechsel“ zeigen (oder besser gesagt: vorführen).

Beim Ansehen fühle ich mich wie ein Voyeur von etwas, was zutiefst persönlich ist, etwas, was doch nicht für eine Kamera gedacht sein kann. Ich werde ungewollt zum Eindringling in eine innere Welt, obwohl es von den Betroffenen doch fast als eine Art empowernder „multipler Lifestyle“ dargestellt wird, der Zuseher bedarf.

Eine psychische Störung mit Hashtag versehen in den sozialen Medien „feiern“?

Sofort beginnt mein Gehirn Dinge zu vermischen, die nicht zusammengehören, stellt Parallelen her, wo keine sind, springt zu Selbstverletzungs-Trends auf Instagram und der Magersuchts-verherrlichenden Pro Ana Szene:

Mittlerweile ist der Hashtag #selfharm auf Instagram zum Glück zensiert, um dem gefährlichen Trend Einhalt zu gebieten. Doch es ist noch gar nicht allzu lange her, dass auf Instagram unter diesem Suchbegriff klaffende Wunden präsentiert wurden, halb verheilte Narben, dazu blutige Rasierklingen – sichtbar für alle, die es sehen wollten (aber eher nicht sehen sollten).

Es war eine Inszenierung. Aber genauso ein Ventil für Betroffene, ein „bitte seht mich, bitte helft mir“.

Genau diese Hilfeschreie im Netz sind mir eingefallen als ich diese TikTok Videos unter #DIDsystem gesehen habe.

Ebenso ging mir das Zelebrieren einer potenziell tödlichen Erkrankung als Lifestyle durch den Kopf, wie es die Pro Ana Bewegung mit der Anorexie macht: wenn eine psychische Erkrankung zum selbstläuferischen Wettbewerb wird …

Wieviel Kilo hast du?“

43. Und du?“

Ich hab 41.“

Wieviele Persönlichkeitsanteile hast du?“

8. Und du?“

Mindestens 21“.

Man kann es nicht direkt vergleichen: den Hashtag #DIDsystem mit Pro Ana.

Oder doch?

Ist es Internettrend oder Ausleben einer psychischen Krankheit?

Es steht mir nicht zu darüber zu urteilen.

Kann ich auch nicht.

Ich sehe bloß junge Menschen, die auf YouTube und TikTok eine ganze Menge Ahnung über ihre Erkrankungen zu haben glauben, eine Menge (Halb-?)Wissen angesammelt haben.

Ist das gut im Sinne eines empowernden Umgangs mit der eigenen Erkankung oder birgt das die Gefahr einer Selbstdiagnose?

Wissen ist gut.

Aber zu viel zu wissen – ist das schlecht?

Ich weiß es nicht.

Als mir selbst mit Anfang 20 die Diagnose Borderline in den Raum gestellt wurde, musste ich nachfragen. Nicht wegen des englischen Begriffs, den ich sprachlich natürlich verstand („Grenzlinie“) – aber mir war nicht klar, was es klinisch hieß und schon gar nicht, was es für mein Leben bedeutete.

Als ich es irgendwann begriffen hatte, wollte ich die Diagnose Borderline sofort wieder weg haben und loswerden; diese Etikettierung, die – wie ich im Google herausfinden sollte – so viele negative Zuschreibungen hatte. Ich, die ich jeden Tag an mir selbst scheiterte, wollte unbedingt „normal“ sein – ohne eine Vorstellung davon zu haben, was „normal“ denn überhaupt sein sollte außer ein steigerungsfähiges Adjektiv: normal – normaler – am normalsten.

Ja, „am normalsten“, das wollte ich sein; wenn schon, dann bitteschön im Superlativ.

Am liebsten hätte ich meine Borderlinestörung und die dazugehörende Diagnose totgeschwiegen.

Niemals hätte ich mich vor eine Kamera gesetzt und im Internet darüber gesprochen.

Niemals hätte ich daraus etwas Empowerndes und Positives ziehen können.

Niemals hätte ich meine Erkrankung bewusst ausgelebt.

Ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn ich junge Menschen sehe, die über ihre Krankheit reden, als wäre es „super cool“. Weil ich es nicht ausblenden kann, dass ich damals als junger Mensch selbst den Begriff „Pro Ana“ im Internet gesucht hatte, das Schlagwort, was Magersüchtige zum gegenseitigen Wetthungern nutz(t)en. Meine Diagnose Borderline wollte ich um jeden Preis weghaben – aber eine Essstörung, die hatte ich angestrebt. Es klingt paradox und ist es auch: anorektisch dünn wollte ich sein, eine „gute Ana“ werden. Denn das war für mich zwar eine Krankheit, aber eine, die ich unter Kontrolle zu haben glaubte.

© Nora

Ich wollte Kontrolle, nicht kontrolliert werden.

Doch Borderline hatte mich im Griff. Umso mehr ich dies vor mir selbst leugnen wollte („nein, ich bin nicht Borderline“), desto stärker wurde die Umklammerung. Denn einen Radiergummi zu nehmen, um alle Traumata im Leben auszuradieren und wegzumachen, ist nicht möglich.

Dissoziation war niemals etwas, was ich bewusst herbeigeführt hätte (so wie die sogenannte Tulpa Szene, wo man ein Alter Ego kreiert und absichtlich hervorholt).

Um es klarzustellen: Ich habe niemals die Diagnose DIS bekommen, ich habe keine Persönlichkeitswechsel, mein „Wegkippen“ ist und war nicht in diverse Persönlichkeitsanteile, sondern in ein fremdes „Nichts“ (was in mir ist).

Dissoziationen bedeuten für mich ein Loslösen von mir selbst, ein „mir von außen zusehen Müssen“, ein „mich nicht Spüren“, ein Fühlen einer anderen, fremden Seite in mir, ein Fragen, wer denn überhaupt Ich sein soll inmitten dieses ganzen Chaos in mir.

Diese Dissoziationen sind automatisch passiert, niemals würde ich sie bewusst vor einer Kamera präsentieren.

Im Gegenteil, Dissoziation war etwas, was ich bekämpft habe: am Effektivsten – leider – mit der Rasierklinge.

© Nora

Nicht nur meine Arme sind voller Narben und sie erinnern mich jeden einzelnen Tag an meine Versuche, das „Wegkippen“ zu verhindern; irgendetwas zu spüren, wenn schon nichts anderes, dann wenigstens den Schmerz. Weil mich selbst konnte ich sowieso nicht fühlen. Manchmal fühlte ich nicht mal Schmerzen. Es war bloß nachher eine tiefe Wunde da, für die ich mich schämte und rechtfertigen musste – während meines Klinikaufenthalts fast täglich fein säuberlich in den Pflegeprotokollen festgehalten.

Dissoziation macht mir Angst.

Auch wenn ich heutezutage gelernt habe, damit umzugehen und mich nicht mehr verletzen muss.

Auch wenn diese Situationen, wenn ich mich selbst verliere, nur noch ganz selten aufkommen.

Auch wenn ich die „Bodenhaftung“ fast immer behalten kann.

Ein leises Angstgefühl bleibt zurück, wenn ich als TikTok-Voyeur anderen Menschen dabei zusehe, die sich in einer Dissoziation verlieren und dies so offen vorführen.

© Nora

Nachtrag von Marvelous:

Jetzt, da ich die Zeilen von Nora zu Gesicht bekam, steht für mich fest, dass ich dieses Thema weiter verfolge
und dass ich – ggf. mit Noras Hilfe – hier auf der Webseite für Aufklärung sorgen werde.
Es ist definitiv nicht nur deren Sache, was sie da vor der Kamera tun.
Ja… natürlich! Ein jeder kann mit seinem eigenen Leben machen, was er will.
Es sind alles erwachsene Leute, und wer noch nicht 18 ist, hat daheim Mama und Papa.
Mir geht es darum, was sie damit anrichten. Die erzeugte Sogwirkung für all jene, die nicht stabil genug sind, zu widerstehen.
Und noch viel schlimmer: Die erzeugten Trigger…

2 Kommentare

  • Ich muss sagen, mir geht es genau wie Nora und ich habe die Diagnose DIS bekommen. Und niemals würde ich mich vor einer Kamera zeigen damit, weil ich es garnicht so unter Kontrolle habe, die Wechsel. Klar eine könnte ich mit Trigger auslösen, was mich dann aber so dermaßen durch einander bringen würde. Ich würde es nicht machen! Ich finde es auch als ein gefährlichen Trend.

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