Patient oder Krankheit

Ich beginne mal mit den Medikamenten:

Es gibt viele Patienten, für die Psychopharmaka ein Segen sind. Schwere Fälle von Psychosen, die für den Betroffenen eine angstbesetzte Seelenqual bedeuten. Man kann Medikamente genauso wenig verteufeln, wie die Psychiatrie an sich. Beides hat seine Berechtigung. Die Frage ist nur, wie man mit den gegebenen Möglichkeiten umgeht. Es ist elementar wichtig, diese Chancen, denn genau das können Psychiatrie und Medikamente für den Betroffenen sein, zu gebrauchen und nicht zu missbrauchen.

Ich habe die Tage einen wunderbaren Artikel gelesen, in dem es um das Buch von Stefan Weinmann ging.

>> Erfolgsmythos Psychopharmaka: Warum wir Medikamente in der Psychiatrie neu bewerten müssen

Über den Kern-Inhalt des Buches wird das Folgende gesagt:

Weinmann stellt dieser Unsicherheit eine andere Sicherheit gegenüber: mit den Betroffenen gemeinsam zu überlegen, was ihnen bei der Bewältigung ihrer psychischen Krisen hilft. Das Buch von Weinmann ist auch ein Plädoyer für eine Psychiatrie, die sich am Patienten orientiert und nicht an seiner Krankheit.

Stefan Weinmann

Der Artikel über das Buch von Stefan Weinmann wurde bereits im Jahre 2008 verfasst. Wir schreiben jetzt das Jahr 2021 (Ende Juli). Es hat sich in den letzten 13 Jahren nichts getan. Es hat sich trotz der Kritiken rundherum nicht das aller Geringste verändert. Nach wie vor richten sich fast alle Psychiatrien (ich kenne keine Ausnahme) alleine nach der Krankheit und nicht mal ansatzweise nach dem Patienten.  Immer wieder aufs Neue wird an dem Patienten mit Hilfe der  Medikamentenliste experimentiert, bis irgendwas zu passen scheint, ohne, dass man die Individualität des Patienten im Auge behält.

Meistens (wenn nicht sogar immer) wird eine viel zu große Menge verabreicht, so, dass es heute noch (genauso wie vor 50 Jahren) normal ist, wenn Patienten  am Anfang der Behandlung (viel zu viele auch später) komplett sediert und sabbernd im Bett liegen.

Die Regel in einer Psychiatrie ist wie folgt:

Der Patient wird aufgenommen. Während des Aufnahmegesprächs mit dem Arzt erfolgt bereits eine komplette medikamentöse Einstellung, die sich in erster Linie nur nach Symptome und Verdachtskrankheit/en richtet, nicht aber (auch) nach dem Patienten an sich.

Meine Frage: Wieso gibt man dem Patienten nicht erst einmal (je nachdem, was ihn quält) ein Notfallmedikament, was ihm Erleichterung für den Moment verschafft? Wieso nimmt man sich nicht in den ersten Tagen die Zeit, sich den Patienten näher anzuschauen? Da ist das Pflegepersonal genauso gefragt, wie die Ärzte an sich. Das passiert nicht. Das passiert nie! Wenn jemand Ausnahmen kennt, bitte ich ihn, mir diese über meine Mailadresse mitzuteilen:

E-Mail Kontakt: Marvelous

Was passiert stattdessen?

Der Patient wird in der Regel mit Medikamente überhäuft. Oft verabreicht man 3+ unterschiedliche Mittel auf einmal. Sehr oft ist die Anfangsdosis viel zu hoch.  Die Folge ist, dass die meisten Patienten in den ersten Tagen sediert im Bett liegen und keinen klaren Gedanken fassen können.

  • Nicht nur, dass in diesen Tagen kaum ein Arzt nach dem Patienten schaut…
  • nicht nur, dass sich keiner aus dem Pflegepersonal die Mühe macht oder die Zeit nimmt, individuell auf den Patienten zuzugehen…
  • auch kommt dazu, dass die Patienten sich selbst, so wie sie sind, gar nicht zeigen können!

Wie denn, wenn sie komplett sediert und im Rausch sind? Wer maßt es sich an (man verzeihe mir diese direkte Wortwahl) einzuschätzen, wie der Patient ist und was er tatsächlich braucht, wenn der Patient auf Grund viel zu vieler Medikamente unter einer Glasglocke gefangen ist?

Wie geht es dann in der offenen Psychiatrie weiter?

(von dem Ablauf in der geschlossenen Psychiatrie möchte ich hier gar nicht erst anfangen, denn das ist noch mal ein Thema für sich)

Wenn es eine (den heutigen Maßstäben entsprechend) “gute” Psychiatrie ist, bekommt der Patient in der Woche einmal für 20/30 Minuten ein Einzelgespräch. Es ist keine Seltenheit, dass extrem junge Psychologen für die Betreuung der Patienten inklusive Einzelgespräche eingesetzt werden. Meistens Psychologen, die gerade mit ihrem Studium fertig geworden sind und nun ihre praktischen Erfahrungen sammeln möchten. Auch hier wird an dem Patienten experimentiert, denn nichts anderes tun Anfänger-Psychologen, die einen Patienten vor sich haben, und diesen selbstständig einschätzen müssen. Zwar im Hintergrund mit einer Supervision, (das hoffe ich doch zumindest!) aber doch in letzter Konsequenz im Gespräch mit dem Patienten auf sich alleine gestellt.

Ich möchte das nun gar nicht verallgemeinern. Es gibt viele junge, dynamische Psychologen, die durchaus Kompetenz haben. Und doch muss man es zumindest kritisch hinterleuchten. >> Und zwar, dass in einem „Institut“ wie der Psychiatrie, wo schwer kranke Menschen hin kommen, extrem junge Psychologen so derart viel Einfluss auf den Werdegang der (auch medikamentösen) Behandlung haben.

In einer (den heutigen Maßstäben entsprechenden) „guten“ Psychiatrie  finden in der Woche auch weitere Anwendungen statt. Ergotherapie, Entspannung, Sport, und Gruppentherapien, um nur einige zu nennen. Was da aber passiert, ist oftmals ein Standardprogramm auf dem untersten Niveau. Wahrscheinlich den Medikamenten angepasst.  Keine einzige Anwendung spricht den individuellen Patienten an. In einer Angstgruppe zum Beispiel werden Standardinhalte postuliert.

  • Was ist Angst?
  • Wie entsteht Angst?
  • Wie ist der Kreislauf der Angst? Usw.

Inhalte, die man in jedem Einsteiger-Psychologiebuch finden kann. Erneut also wird nicht der Patient unter die Lupe genommen, sondern einzig nur die Krankheit/en allgemein.

Doch auch das will ich nicht in Gänze schlechtreden. Es kann durchaus helfen, sich berieseln zu lassen und aus dem Bett raus kommen zu müssen. Alleine der geordnete Tagesablauf ist für Patienten eine riesen Hilfe. Wenn ich diese Anwendungen hinterleuchte, dann im Gesamtkontext. Gäbe es parallel  Gespräche oder Anwendungen, wo der Patient professionell, erfahren und kompetent als Person/Mensch unter die Lupe genommen wird, dann wäre es schon fast perfekt. …. In einer „guten“ Psychiatrie.

Womit ich denn an der Stelle erst einmal schließen möchte, denn „gute“ Psychiatrien sind auch im Jahre 2022 noch immer viel zu rar.

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