Kritik Psychiatrie

Ein Zitat von Nina Hagen.

Es steht im Grundgesetz dass die Würde des Menschen unantastbar ist, und es war bisher eine FARCE, eine LÜGE! Ich bin mit Menschen befreundet, die von der Psychiatrie ZWANGSmissbraucht wurden. Es ist mir ein Herzensanliegen, darauf hinzuweisen, dass es jetzt ein neues GESETZ gibt, und dass wir Menschen uns mit der PatVerfü vor den Übergriffen der Psycho-Industrie schützen können! Das ist ein Riesen-Fortschritt und alle Parteien und alle Regierungen, die es bisher gab, haben ARG VERSAGT und haben vieles wieder gutzumachen an den Menschen, denen mit staatlicher Erlaubnis so viel grausames Unrecht angetan wurde, und leider immer noch wird.“

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei angemerkt, dass Psychiatrien leider nicht ganz ohne Zwang/Gewalt auskommen. Es geht m.E. nicht darum, Zwang im Gesamtpaket zu verteufeln, denn wäre diese gänzlich verboten, würden einzelne Patienten eine Gefahr für das Personal, für andere Patienten und vor allem auch für sich selbst darstellen. Sei es ggf. unter Alkoholeinfluss, wenn sie eingeliefert werden, sei es ggf. unter einem psychotischen Schub, oder auch, weil der Patient insgesamt gewalttätig ist.

Die Frage ist nicht, OB man Zwang anwendet, sondern in welchen Momenten, in welchem Ausmaß und in welcher Länge. Da nämlich gibt es heute wie damals in Psychiatrien massive Probleme. Es muss eine Devise geben, die in allen Psychiatrien, nicht nur in Deutschland, zur Norm und verinnerlicht wird. >> So viel Zwang, wie nötig, so wenig, wie möglich! Vor allem darf erst dann Zwang erfolgen, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

  • Beispiel:
    • Wenn jemand auf Grund eines wahnhaften Zustandes sehr gewalttätig und aggressiv wird, was durchaus mal vorkommen kann, – und wenn er damit andere und vor allem sich selbst massiv gefährdet, sollte man erst einmal versuchen, ihn in ein Extrazimmer zu bringen und dort beruhigend auf ihn einzuwirken. Dazu sollte man sich notfalls auch Hilfe holen, denn ein Mensch, egal ob Mann oder Frau, entwickelt in einem solchen Zustand mitunter enorme Kräfte. Erst wenn all die deeskalierenden Maßnahmen nichts bringen und die Gefahr trotz aller Bemühungen zunehmen, sollte man drüber nachdenken, ihm ein leichtes(!) Beruhigungsmittel zu verabreichen.
    • Und spätestens an der Stelle scheitert fast jede Psychiatrie. Nicht nur, dass man die Fixierung als 1. Wahl bevorzugt, auch werden Patienten dann mit einer so hohen Dosis ruhig gestellt, dass ihre Funktionalität komplett aufgeschaltet ist. Man sollte meinen, dass man den Patienten dann, wenn er sich ohnehin nicht mehr artikulieren kann, von der Fixierung löst, nachdem das Mittel wirkt. Das ist allerdings nicht der Fall. Sehr oft bleiben Patienten den ganzen Tag oder auch die ganze Nacht fixiert.
    • Das ist Gewalt, Zwang und Körperverletzung. Das ist nicht mit dem Grundgesetzt zu vereinbaren. Eine Fixierung, wenn sie denn im Extremfall(!) tatsächlich mal Not tut, sollte immer nur für den Moment erfolgen, bis das MILDE! Beruhigungsmittel wirkt. Alles darüber hinaus ist mit nichts mehr zu erklären und zu rechtfertigen.
    • Der Grund dafür, dass Patienten trotz allem über Stunden und Tage/Nächte hinweg fixiert sind/bleiben, ist unterschiedlich, zumeist ganz simpel. Entweder, man versucht sie damit zu disziplinieren, oder man ist unterbesetzt und möchte sich mit einem Patienten, der randalierte, keine zusätzliche Arbeit mehr aufbürden, oder aber… man handelt schlicht aus dem purem Sadismus heraus.

 

Und damit komme ich zum nächsten Thema.  

Wir erinnern uns an die Aktion T4 des NS Regimes.

200 000 psychisch kranke und behinderte Menschen wurden ermordet und schätzungsweise 400 000 wurden zwangssterilisiert und/oder für medizinische Zwecke missbraucht. Zu den Menschen, die in der NS Zeit zwangssterilisiert wurden, gehörte auch Dorothea Buck. (* 05. April 1917 in Naumburg an der Saale und † 09.Oktober 2019 in Hamburg) Dorothea Buck war sehr aktiv in der Bewegung „Psychiatrie-Erfahrener“ unterwegs. Von ihr stammt die Aussage:

„Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“

Ich stimme ihr zu. Und nicht nur das. Es geht nicht „nur“ um das Erinnern, sondern auch um das Hinschauen im Heute, Hier und Jetzt. Im Gegensatz zu allen anderen Instituten hat sich die Psychiatrie extrem langsam entwickelt. Was in DDR Zeiten oder auch nach der Wende in der ehemaligen DDR passierte, wissen die Wenigsten. Und was auch noch heute in viel zu vielen Psychiatrien passiert und was zur entwürdigenden Norm im Umgang mit psychisch kranken Menschen gehört, wissen meistens nur die Menschen, die unmittelbar damit konfrontiert werden.

Wie eh und je schwebt ein Schleier des Schweigens über die Verbrechen, wie ich sie bewusst nenne. Und wie eh und je toben sich immer noch in viel zu vielen Psychiatrien Ärzte und Pfleger aus, die durchaus sadistische Ambitionen haben, auch wenn sie diese nicht mehr in dem Ausmaß ausleben können, wie man es damals in der NS Zeit tat.

Aber gerade darum ist es wichtig, dass man hinschaut. Gerade darum hat die Aussage von Dorothea Buck so viel Bedeutung.

Es kann wieder passieren.

Die Entwicklung ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass wir uns darauf ausruhen können. Es muss noch sehr viel geschehen, was auch die Reportage vom Team Wallraff ans Tagesblicht brachte. Sie haben 2019 in Psychiatrien Undercover gefilmt und recherchiert.  Was dabei herauskam, hat die Nation schockiert.

Doch im Austausch mit anderen  Menschen sehe und erfahre ich, dass es nur ein kurzer Aufschrei war, und dann einfach wieder zur Seite gelegt wurde. Es betrifft ja kaum einen, warum also sollte man sich weiter damit befassen?

Meine Antwort:

Weil wir ein Grundgesetzt haben, in dem es um den Erhalt der Würde geht. Weil es uns alle treffen kann. Weil immer und immer mehr Menschen psychisch erkranken. Weil wir auch an unsere Kinder denken müssen, die diese Institution vielleicht einmal brauchen. Weil wir Menschen helfen müssen, die sich selbst nicht helfen können. Weil es unsere Pflicht ist, dieses dunkle Kapitel aufzuarbeiten und auch die heutigen, teilweise katastrophalen Zustände zu verbessern.

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