Emil Kraepelin – Wegbereiter der Euthanasie

Der Psychiatrie-Professor Emil Kraepelin, der von 1856 bis 1926 lebte, wird noch heute in der deutschen Psychiatrie hoch geschätzt. Noch immer wird er in mehreren Städten mit Büsten, Portraits und Gedenktafeln geehrt.

Bildquelle: Wikipedia

Von Emil Kraepelin stammen die Grundlagen des heutigen Systems der Klassifizierung psychischer Störungen. Er führte experimentalpsychologische Methoden in die Psychiatrie ein und gilt als Begründer der modernen empirisch orientierten Psychopathologie, mit der in ersten Ansätzen ein psychologisches Denken in der Psychiatrie üblich wurde. Auch die Entwicklung der modernen Psychopharmakologie geht auf Kraepelin zurück.

… so die Beschreibung in Wikipedia. Die Kritik an seiner Wegbereitung für den Massenmord und der Zwangssterilisation  im Nationalsozialismus  wird in Wikipedia mit nur einem Satz erwähnt.

Die ersten Opfer der systematischen Tötung während der NS Diktatur waren keineswegs jüdische Bürger, sondern kranke und behinderte Menschen. Genau dafür ist u.a. auch Emil Kräepelin verantwortlich, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lebte.  Seine Werke, seine Schriften, seine Forschungsstätten, seine Thesen und Forderungen wurden im NS Staat geheiligt und befolgt. Denn Hitler hat sich zustimmend nach dieser sogenannten „Wissenschaft“ gerichtet, als er eine Legitimierung für die Euthanasie brauchte.  

Hier einige Fakten bzw. Eckdaten:

  • Er war ein ideologischer Wegbereiters des psychiatrischen Massenmordes und der Zwangssterilisation 
  • In seinen Schriften diffamierte er Juden
  • Er verbreitete und vertrat obskure Thesen über Andersartige und Homosexuelle
  • Er diskutierte das Auslöschen von Menschen

In München hat er 1917 weltweit die erste Forschungsstätte für psychiatrische Genetik eingerichtet. Die genetische psychiatrische Familienforschung /Sippenforschung, die er ins Leben rief, diente den Nazis später als Grundlage für die Selektion.  Emil Kraepelin forderte wörtlich:

»… ein rücksichtsloses Eingreifen gegen die erbliche Minderwertigkeit, das Unschädlichmachen der psychopathisch Entarteten mit Einschluss der Sterilisierung.«

Das und noch sehr viel mehr bedeutet, dass Emil Kraepelin ein sehr spezieller Wegbereiter für Hitlers Vernichtungsideologien war. Teilweise verhielt es sich sogar umgekehrt, wie Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl einst schrieb. Nämlich, dass der Nationalsozialistische Staat als Handlanger dieses informellen Netzwerkes von Wissenschaftlern und Ärzten fungierte. Der Massenmord an den Juden  entstand in Hitlers Kopf, die Tötung des unwerten Lebens auf Grund von Krankheit und Behinderung aber war bereits vorweg eine Ideologie der Psychiater. Hitler übernahm es dann, da es seiner wahnhaften Rassen-Hygiene entsprach.  

Meine Frage:

Sind wir im Jahre 2022 noch so weit zurück mit der Aufarbeitung des Holocaust und der Euthanasie, dass wir die Menschen ehren und/oder ehren lassen, die für die Ausrottung vieler Millionen Menschen verantwortlich waren?

Netzwerke in der Gegenwart:

Seit 1998 wird in Mecklenburg Vorpommern jährlich ein interdisziplinäres wissenschaftliches *Kolloquium für Psychiatrie* zu Ehren des Mitbegründers und Wegbereiters der wissenschaftlichen Psychiatrie, Emil Kraepelin, veranstaltet. Veranstalter ist der damalige Chefarzt der Psychiatrie Neubrandenburg.
>>> Genau der Psychiater, der 1997 für den Leidensweg von Christian Discher verantwortlich war, weil dieser sich als homosexuell outete.

Am 02.09.2006 wurde zum 150. Jahrestag Emil Kraepelins in Neustrelitz eine Gedenkfeier (mit Enthüllung der Gedenktafel am 15. Februar 2006,) direkt in der in der Glambeckerstraße 14, – dem Geburtshaus von E. K.- veranstaltet.
>>> Veranstalter war erneut der Psychiater, der für den Leidensweg von Christian Discher verantwortlich war.

Viele namenshafte Psychiater und Wissenschaftler aus Deutschland und teils sogar aus den Niederlande ehrten den Mann, der einst die Auslöschung kranker und behinderter Menschen diskutierte. Man sprach nicht darüber, dass Emil Kraepelin der Wegbereiter für die Euthanasie war, sondern, dass er einer der wichtigsten Mitbegründer der modernen Krankheitssystematik sei. Man redete davon, dass man das Andenken an diesen, für das psychiatrische Fach nicht nur historisch, sondern auch aktuell noch immer bedeutsamen Psychiater und Forscher bewahren möchte. Es hieß sogar, man fühle sich (wörtlich) “der Kraepelin`schen Tradition sehr verpflichtet”.

Wir sind heute so weit voran gekommen. Trotz erheblich rechter Strömungen kämpft unser Land für die Aufarbeitung der NS Diktatur und dafür, dass so etwas niemals wieder geschieht. Wenn zum Beispiel ein Politiker rechte Tendenzen zeigt, Verharmlosungen von sich gibt oder Menschen verherrlicht, die den Holocaust und die Euthanasie mit zu verantworten haben, ertönt ein lauter Schrei im ganzen Land. Aber die Psychiatrie scheint eine Parallelwelt zu sein. Eine eigene Welt mitten in der Welt. Kein Mensch schreit auf. Ganz im Gegenteil. In Neustrelitz war die Bürgerschaft stolz auf die Ehrung des Sohnes-dieser-Stadt, wie man Kraepelin nannte.

Es ist auch nicht “nur” ein Problem der ehemaligen DDR Region, auch wenn dort die Psychiatriezustände in vielen Teilen besonders dramatisch sind. Zur Ehrung fanden sich Psychiater aus ganz Deutschland ein, und vor allem in München ist man – ähnlich wie in Neustrelitz – stolz auf Kraepelin, weil er dort 1917 die weltweit erste Forschungsstätte eröffnete.

Wenn es um die Psychiatrie-Interessen geht, schreit keiner auf, weil es kaum einer mitbekommt. Es passiert nicht in den Medien, es passiert nicht auf der Straße, es passiert nicht an Grenzen, oder im öffentlichen Raum. Das Meiste passiert hinter der verschlossenen Tür. Und all jene, die betroffen sind, sind krank, unglaubwürdig, nicht ernst zu nehmen… irre!

Dass es auch heute noch viele Opfer durch psychiatrische Einrichtungen und Ärzte gibt, ist das eine. Das ist schlimm genug. Das aber Menschen heute wie damals öffentlich hoch geheiligt und verehrt werden, die die Wegbereiter der Massentötung waren, ist mit nichts mehr zu rechtfertigen und zu erklären. Vor allem, da es genug Anträge gibt, (u.a. von Dorothea Buck) die die Beseitigung der Gedenktafeln fordern.

Die Ehrung wird nicht nur geduldet. Sie wird gefördert.

Und das ist ein Verbrechen!

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