(M)eine toxische Beziehung

Vorwort:

Ich überlegte, ob ich den folgenden Beitrag öffentlich einstelle oder mit Passwort in der Rubrik Mein Erleben, da er sehr persönlich ist. Wie man sieht, entscheide ich mich nun für die öffentliche Variante und biete ihn als Erfahrungsbericht zum Thema Toxische Beziehungen an, über das ich bereits als Angehörige und Außenstehende schrieb.  Ich vermute, es sind genau diese Artikel (ein Zweiter ist bereits in Arbeit und fast fertig), die zu der Erinnerung, wie ich sie in Folge beschreibe, führten.

Betroffene bitte ich darum, auf sich zu achten. In dem Bericht wird eine sadistische Misshandlung beschrieben.

Es ist nicht leicht, über meine eigene Erfahrung zu sprechen, da ich nur einen sehr fragmentierten Zugang zu den Beziehungs-Anteilen in mir habe. Zwar weiß ich, dass meine letzte Beziehung von 2006 bis 2008 überaus missbräuchlich war, jedoch verschwimmen die Details, wenn ich versuche, mich zu erinnern.   

Heute – ich habe mich zur Mittagszeit ein wenig hingelegt – hatte ich jedoch plötzlich den Ablauf einer ganzen Nacht vor Augen. Die Erinnerung war wie ein Film, den ich staunend betrachtete. Staunend deswegen, weil ich es nicht glauben konnte, was ich mir in bzw. nach dieser Nacht antun ließ.

Zuckerbrot und Peitsche!

So nannte ich in dem oben verlinkten Artikel die Strukturen in einer toxischen Beziehung. Hier nun kann ich etwas Persönliches schildern, was aufzeigt, wie dieses Zuckerbrot und Peitsche-Prinzip funktioniert.    

Zwei Dinge möchte ich vorweg erwähnen.

  1. Ich nenne meinen damaligen Partner Martin. Dies war sein zweiter Vorname. Der eigentliche Rufname war/ist so einmalig, dass er sofort identifizierbar wäre, wenn ich ihn hier verwende.
  2. Ich schreibe in der Ich-Form, was aber von meinem Gefühl nicht mitgetragen wird. Das bedeutet: Ich habe nicht das Gefühl, dass es hier tatsächlich um mein eigenes Erleben geht. Auch kann ich mich mit meinen eigenen Handlungen in dem geschilderten Fall nicht identifizieren.  

Martin und ich erlebten einen harmonischen Tag, an dem wir gemeinsam durch die Läden zogen. In einem Laden kaufte er mir einen Teddy-Bär,  wahrscheinlich, weil kindliche Anteile quengelten.

Da diese Anteile aktiv waren, schien sehr viel Geborgenheit da gewesen zu sein. Andernfalls wären sie nicht mitten in der Stadt aufgetaucht.

Zuhause angekommen, legte sich bei Martin der Schalter um. Im Bruchteil einer Sekunde begann sie: Die Ignoranz.

Aus dem Nichts heraus. Ich bin mir sicher, es ist nicht das Allergeringste passiert. Weder gab es Worte noch Taten, die den Stimmungswechsel erklären konnten. Entsprechend schien es weh zu tun. Unfassbar weh.

Die Nachfrage, was denn passiert ist, hatte zur Folge, dass er ungehalten wurde. Er gab mir mit Abscheu in der Stimme zu verstehen, dass ich nicht in der Lage sei, ihn einfach mal in Ruhe zu lassen. Was folgte, waren Schuldgefühle, die sich mit dem Schmerz vermischten. Wie ein gefangener Tiger lief ich in der Wohnung auf und ab. Rastlos, auf der Suche nach Antworten, da ich diese Ignoranz nicht einordnen konnte.

Die Ignoranz änderte sich an dem Abend nicht mehr. Martin lag auf dem Bett und schottete sich nach außen hin komplett ab. Seine Haltung und Mimik symbolisierten eine Festung, durch die ein normaler Mensch nicht durchzudringen vermochte. Neben Ratlosigkeit, Schuldgefühle und Schmerzen gesellte sich nun auch die Angst.

Die Angst davor, etwas Falsches zu machen, egal, was es auch sei.

Irgendwann schlief Martin ein. Die Festung blieb aufrecht – unantastbar. Anfangs versuchte ich noch, neben ihm einzuschlafen. Die Ignoranz aber, die sogar in seinem Schlaf zu spüren war, quälte mich.  Ich sehe mich zaghaft aufstehen. Bemüht, keinen Laut von mir zu geben. Leise schlicht ich aus dem Zimmer, ging in die Küche und schloss hinter mir die Tür.

Und dann begann eine Odyssee der Selbst-Tyrannei. Ich schrieb Briefe an Martin, der im Nebenzimmer tief und fest schlief. Es schienen endlos viele Briefe zu sein. In jedem Brief wuchs die Angst, mich falsch auszudrücken, kein Wort schien stimmig, gut und richtig zu sein.

So also saß ich die ganze Nacht – Stunde für Stunde –  in der Küche, weinte mir die Seele aus dem Leib und schien einen Dämonen-Kampf in mir zu führen, in dem es darum ging, mich selbst für unzählige Höllentaten bestrafen zu müssen. Entsprechend fiel dann auch der letzte, endgültige Brief aus. Ein Brief voller Selbstvorwürfe, voll mit Einsichten und Versprechen, die ich gab, um mich zu bessern.

Im Morgengrauen kam der scheinbar erlösende Moment. Martin erwachte. Ich stürzte zu ihm, hielt den Brief entgegen und flehte, er möge ihn doch bitte lesen. Tatsächlich nahm er ihn. Sehe ich seine Mimik, erinnert es mich an einen Lehrer, der schauen wollte, ob der Aufsatz seiner Schülerin gelungen sei. Fehlte nur noch die Brille, die man sich entsprechend zurecht rückt.  

Als er fertig war, schaute er mich an. Ich saß vor ihm auf dem Bett und versuchte angstvoll seinen Blick zu scannen, – ohne Erfolg!

In seinen Augen lagen weder Wärme noch Kälte, weder Freude noch Ärger. Wenn man überhaupt irgendwas  hinein interpretieren konnte, so war es eine Form der Beobachtung, die mir sehr vertraut zu sein schien.  So auch die Worte, die dann leise folgten:

„Hole den Stock!“

Ich sehe mich, wie ich ihn ohne Widerworte brachte.

Ja, Martin war ein Sadist! Nicht im sadomasochistischen BDSM Kontext, sondern ein Real-Sadist, der die nackte Panik im Gegenüber suchte, um sich selbst fühlen zu können. Ein Sadist, der einen forensisch bedeutsamen (periculären- psychisch gestörten) Sadismus betrieb. Siehe Fiedler 2004

Da saß ich nun auf dem Bett, Martin selbst hatte sich erhoben. Seine Augen verengten sich, jedoch nicht vor Wut, sondern um mich nun abscannen zu können. Er wollte Reaktion!

Ich sehe mich selbst erstarren. Wie eine Stein-Säule saß ich da, hob mein Gesicht und schaute ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken, während er den dünnen, messerscharfen Stock durch mein Gesicht zog. Wieder und wieder…

An der Stelle wird meine Erinnerung brüchig…

Als nächstes sehe ich mich bei ihm im Arm liegen. Gebettet in der ersehnten embryonalen Geborgenheit! Eine Geborgenheit, die vor allem deswegen entstand, weil es nach all der Ignoranz und der schmerzhaften Misshandlung ein befreiendes Streicheln und Küssen gab, was das Gefühl der uneingeschränkten Nähe und Liebe erzeugte.

(siehe dazu der chemische Cocktail-Prozess im Gehirn, wie ich ihn in meinem anderen Artikel beschrieb)

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes das sadistische Zuckerbrot und Peitsche Konzept, was geradewegs in die Hörigkeit hinein führt und aus dem es nur schwer ein Entrinnen gibt.

Ich wäre 2008 beinahe gestorben, so erschöpft und kaputt war ich. Nicht mal mehr in der Lage, mir eine ganz normale Mahlzeit zuzubereiten, geschweige denn, alltägliche Dinge zu erledigen. Erst, als ich in einer Klinik die nötige Lebenskraft zum Atmen zurück gewann,  schaffte ich es, mich zu trennen. Die Trennung an sich ging sehr schnell. Die emotionale Befreiung aber dauerte viele Jahre.

Seitdem bin ich Single. Seit 2008 gibt es keinerlei Kontakt mehr zu Männern, keinen Flirt, geschweige denn, eine Beziehung. Das einzige, was in meinem Leben dominiert, ist: Nie – niemals – wieder!

Die Quelle für das Beitragsfoto befindet sich hier: Häusliche Gewalt, Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben.

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