Lebens-Amnesie

In den letzten Wochen habe ich – anders als je zuvor – viele Selbstbeschreibungen anderer DIS Betroffener auf persönlichen Blogs und in Videos gelesen/gehört. Ich fing aus Recherchegründen für ein neues Thema damit an. Inzwischen aber habe ich ein grundlegendes Interesse daran entwickelt, was und wie sich Gleichgesinnte erleben.

Aufgefallen ist mir bei allen Betroffenen, dass sie sich extrem gut an ihr Leben erinnern können. Zwar in dissoziierter Form (à la: andere Anteile haben es erlebt), aber die Erinnerungen sind – laut eigener Auskunft durch die Therapien – da.

Und nun schaue ich mir meins an.

Auf meiner Seite: Biografie Teil 1 (nur mit Passwort lesbar) schrieb ich eingangs:

Meine ersten Erinnerungen stammen aus einer Zeit, da wir bereits in der R-g-Straße wohnten. Ich war also schon mindestens 12 Jahre alt, da wir erst nach meinem 12. Lebensjahr dorthin gezogen sind. Das bedeutet, dass ich von meinen ersten 12 Lebensjahren nichts weiß. Und ich meine wirklich nicht das Geringste. Da ist für mich einzig nur ein großes, pechschwarzes Loch. Ich beschreibe es als Loch, weil es sich wie ein Loch anfühlt. So, als würde ich kurz davor stehen, in dieses pechschwarze Loch hinein gezogen zu werden. Das ist einer der Gründe, wieso ich davon absehe, in diesem Loch zu graben.

Auszug aus meiner (nicht vorhandenen) Biografie

Warum kann ich mich nicht erinnern?

Würde ich am Anfang stehen, wäre es kein Problem, aber ich bin seit fast 30 Jahren in Behandlung/Betreuung und auf dem Weg der Selbsterkenntnis!

1995 bekam ich das erste mal die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung. (derzeit MPS) Zu dem Zeitpunkt begann meine Therapie. Ich war damals vier Jahre in einer Klinik. Einige Monate Psychiatrie, danach über 3 Jahre mit winzigen Unterbrechungen in einer stationären Psychotherapie.

Anmerkung:
Das ist heute selbstverständlich nicht mehr möglich.
Damals setzte sich mein Therapeut – Chefarzt der Klinik in Mecklenburg Vorpommern – bei den Krankenkassen erfolgreich durch. Heute hätte er keinen Erfolg mehr bei der Durchsetzung.

Nach all diesen Klinikjahren begann ich exzessiv, um meine Autonomie zu kämpfen. Weitere Therapien lehnte ich ab. 2008 aber kam ich wegen einer Krise erneut für 4 Monate in eine psychotherapeutischen Klinik, wo die Diagnose bestätigt wurde. Hinzu kommt mein jahrzehntelanges Streben, mich selbst zu erfahren und zu begreifen. Mein Motto dabei war:

Wissen ist Macht. Denn… Wissen ist Kontrolle und Kontrolle verhindert die Ohnmacht.

Trotzdem konnte ich niemals die Amnesie durchbrechen. Vielleicht, weil mein damaliger Therapeut in den 90er Jahren an einem bestimmten Punkt der Tiefenpsychologischen Aufarbeitung (nicht nur der Anamnese) meinte:

“Wir schließen hier den Deckel zur Vergangenheitstruhe und werden ihn nicht mehr öffnen. Manches ist besser im Verborgenen aufgehoben.”

Das wurde mir nicht unter Hypnose gesagt. Ich habe niemals Hypnose erlebt, und würde es auch nicht zulassen, weil ich Kontrollverlust meide, wie der Teufel das Weihwasser. Er hat es mir einfach nur irgendwann in einer Einzeltherapie gesagt und ich habe es 1:1 angenommen, ohne es je zu hinterfragen. Seit dem Tag begann meine Verhaltenstherapie im stationären Einzel- und Gruppensetting, ohne, dass wir je wieder auf meine Biografie eingegangen sind.

Da ich natürlich auch – so wie alle DIS Betroffenen – sehr suggestibel bin, muss ich mich nun fragen, ob meine Amnesie aus genau dem Grund niemals aufgelöst wurde – werden konnte? Hab ich seine Worte so tief in mir verankert, dass sich da ein unbewusstes Nichterinnernwollen entwickelte?

Ich dachte immer, um so näher sich meine Persönlichkeitsanteile kommen, um so mehr Erinnerungen werden automatisch da sein. Doch inzwischen ist in mir so viel Nähe entstanden, dass ich mich bereits fragen muss, ob die Dissoziative Identitätsstörung auf mich überhaupt noch zutrifft. Es gibt keine Geheimnisse, keine Abwehr und in Folge auch so gut wie keine gegenwärtigen Amnesien mehr. Doch nichts hat sich an den biografischen Amnesien geändert. Sie sind wie in Stein gemeißelt…

… Unumstößlich!

Dass man traumatische Erinnerungen abspalten (dissoziieren) kann, ist mir bewusst. Aber ich glaube nicht, dass ich in den ganzen 12 Jahren nur Traumatisches erlebte. Das ist schlicht nicht möglich. Hinzu kommen all meine Jahre in der Jugend. Es gibt da zwar Erinnerungen, aber das sind gerade mal geschätzte zwanzig Prozent. Einzelne Fragmente. Splitter.

Ich muss mich fragen – das erste mal in meinem Leben – ob der Grund für die Amnesien nicht nur in der dissoziativen Identitätsstörung zu suchen ist, sondern ob bei mir auch ein Problem mit dem Langzeitgedächtnis oder von der Dissoziation unabhängigen Übertragung der Erlebnisse ins Langzeitgedächtnis besteht. Dagegen spricht jedoch, dass mein Leben immer seltener im Dunklen verschwand, um so näher sich meine Persönlichkeitsanteile kamen.

Um nicht missverstanden zu werden:

Ich lege keinen Wert darauf, mich erinnern zu können. Es hätte keine Mehrwert für mich. Ich gehe heute noch, genauso wie damals, mit meinem Therapeuten konform, der die Ansicht vertrat, dass zu viele Erinnerungen beim Stabilisierungsprozess auch kontraproduktiv sein können. Natürlich trauere ich um meine komplett verlorene Kindheit, so wie auch um die Jugend, die – ausgehend von den wenigen Erinnerungen – keine zu sein schien. Aber was bringt es mir nun, mich ggf. an weitere Traumata erinnern zu können? Es würde mir wahrscheinlich den Boden unter den Füßen weg reißen, und ich hätte gar nicht die Zeit, um all das im Alter zu verarbeiten. Da lobe ich mir doch meinen heutigen Alltag, in dem ich wirklich zufrieden bin, in dem ich mich selbst mag, ich dem ich meine Tochter und mein Enkelkind über alles liebe und in dem ich mit meiner kleinen Familie auf der Sonnenseite des Lebens stehe!

Trotzdem kann ich das Thema im Moment nicht ganz abschütteln. Mich interessieren zwar keine Erinnerungen, aber der Grund für die Amnesien interessiert mich dagegen sehr. Das ist wieder so eine Kontrollsache.

Wissen ist Macht. Denn… Wissen ist Kontrolle und Kontrolle verhindert die Ohnmacht.

Darum meine Frage an alle, die das hier lesen und mir ggf. mit einem Tipp weiter helfen können.

Welches Fachgebiet kommt in Frage, wenn man einer weiteren Ursache – neben der Dissoziativen – für die Amnesie nachgehen möchte? Die psychologische Ursachenforschung ist bei mir völlig ausgeschöpft. Ich glaube in Folge nicht, dass mir diese Fachrichtung weiter helfen kann. Zum Hausarzt will ich damit aber auch nicht gehen. Welche Fachärzte/Untersuchungen kommen also in Betracht? (MRT und EEG wurden in den 90er Jahren unzählige Male durchgeführt)

Für Antworten /Hinweise wäre ich sehr dankbar. Entweder hier in den Kommentaren, oder aber an:

E-Mail Kontakt: Marvelous

Vielen Dank dafür im Voraus!

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