Meine hysterischen Momente

Auf den Bildern abgelichtet ist Nora. Mit ihrer Genehmigung konnte ich die Bilder hier einfügen.

Im Moment arbeite ich an Artikeln zum Thema Hysterie. Dabei stoße ich zunehmend auf den Ursprung der Psychoanalyse, der mir natürlich bekannt ist, in den ich mich aber nie derart vertieft habe.

Gefühlt sitze ich am Schreibtisch mit 50 Büchern, angefangen von Freud, Pappenheim, Breuer bis hin zu den neusten Studien über Dissoziationen. 1000 Blätter scheinen im Zimmer herum zu liegen, Ordner da und dort, nebenher Gespräche mit Nora, gemeinsames Recherchieren, gemeinsames euphorisches Entdecken und nicht zuletzt diese zahlreichen offenen Tabs auf dem Monitor vor mir.

Manchmal bin ich so begeistert und mittendrin im Gedankenrausch, dass ich vom Schreibtisch ins Lesezimmer laufe, mich dort hinsetzte, zu lesen beginne und sofort wieder an den Schreibtisch zurück laufe, weil mir ein Thema für einen weiteren Artikel eingefallen ist.  

Manchmal laufe ich in der Wohnung hin und her, spreche mit Nora, artikuliere wild, lache und zeige eine Flut an Emotionalität, wie ich sie sonst als eher nüchterner Mensch kaum kenne.

Hier geht es nicht um abgespaltene Persönlichkeitsanteile, sondern um einen Zustand, der ganz nahe mit mir verbunden ist und der nur dann getriggert wird, wenn es um etwas Analytisches geht.

Einen ähnlichen Zustand kenne ich im Codierungsparadies der Programmierung und im Webdesign, wovon ich nur wenig Ahnung habe. Es sei denn, dieser – andere – Zustand ist mit mir verbunden, dann rast es (ich verwende hier einfach mal salopp meine Sprache).

Ich habe diese Zustände 2013 einer Ärztin in einer Psychiatrie beschrieben, in die ich wegen einer schweren depressiven Episode und einem Schmerzsyndrom eingeliefert wurde.

Keine 3 Minuten sprach ich darüber und schon hatte ich eine neue Diagnose.

Ich meine es ernst. Ich habe keine 3 Minuten darüber berichtet!

Ganz klar: Nein, ich habe keine bipolare Störung. Weder Bipolar 1, 2 – was auch immer es für Störungen diesbezüglich geben mag.

Ich habe direkt und unmittelbar nach meinen begeisterungsfähigen Zuständen auch keine Tiefs, keine Depressionen, keine kompensierenden Zustände, nichts dergleichen. Das Einzige, was im Nachhinein passieren kann, ist, dass ich ein bisschen Gehirnpflege veranstalte und zu faul zum Denken bin.  Netflix ist in diesem Fall eine gute Lösung 😉

Folgende Textpassage stammt aus einem Gespräch mit Nora, nachdem sie mir einen Link über die Ursprungslektüre Studien über Hysterie zuschickte. (Original erschienen 1895)

Ich finde es sooo unheimlich interessant!! Das ist so aufregend, das Thema ist so unfassbar aufregend… ich bin hier ganz hysterisch. Ja, ist das nicht auch ein Ding? Wenn man emotional ist… wenn man affektiv ist,… ja, alleine schon dieser Begriff, eine labile Affektivität, ääähhhh dann gilt man als hysterisch! In Spanien leben wahrscheinlich nur hysterische Frauen, weil die da alle eine labile Affektivität haben. Am besten man läuft hier rum mit einer versteinerten Maske, immer sachlich rational. Dann biste gesund, dann hast du keine labile Affektivität!!

Übrigens, ja, ich habe das Buch Studien über Hysterie zu Hause… Aber das ist nicht das Original. Meine Auflage ist von 1991. Die erste Auflage stammt von 1895. Verstehst du? … Das ist das, was ich meine mit Schatztruhe!!! Das ist so unglaublich. So ein Buch, weißt du??? Das ist so eine Nacktheit, ja, das ist diiieee Geburt der Psychoanalyse.
Etwas ganz Intimes, so, wie auch die Schriften des Sándor Ferenczi, sein klinisches Tagebuch. Oder sein Briefwechsel mit Freud.  Das, was sie denken, ist absolut rein. Nicht vorgeprägt durch die Wissenschaft anderer.
Wahnsinn, echt… So müssen sich Archäologen fühlen, wenn sie was entdecken. Die volle Begeisterung… Gedankenrasen, eine extrem hohe Emotionalität, ein Glücksrausch!!
So fühle ich mich, wenn ich diese Schätze vor Augen oder gar in meinem Besitz habe.  

Das war ein ganz typischer Ausbruch, nachdem ich den Link erhalten hatte:

(bitte auf das Foto klicken)

Ich habe das Gespräch mit Nora ganz bewusst eingefügt. Man achte bitte auf meine Wortwahl:

  • volle Begeisterung, ich finde es unheimlich interessant, es ist so unfassbar, da ist eine so extrem hohe Emotionalität, so unglaublich, etwas ganz Intimes, usw.

Wenn ich diese Form der Begeisterung nun einem Psychiater offenbart hätte, dann wäre ich für alle Zeiten als hysterisch eingeordnet worden, denn das, so sagt man, sei die typisch theatralische Sprache für einen dramaturgischen Hysteriker.

Es sind Momente. Und nein, ich nenne sie natürlich nicht wirklich hysterische Momente, denn das wäre ja genauso, als würde ich jedem Menschen einen narzisstischen Moment andichten, der sich wegen einer bestandenen Leistung toll und großartig findet.

Was ich erlebe, nennt man kurz und knapp Flow, und das ist so endlos (da haben wir die Theatralik wieder 😉 ) wertvoll. Gerade dann, wenn man etwas schreiben will, oder wenn man kreative Ideen braucht. Es ist nicht nur ein Gedankenrausch, sondern auch ein Tätigkeitsrausch.

Ich bin in der Regel ein rationaler Mensch, ein introvertierter Mensch, ein Steppenwolf, ein…

… ja, würden mich Ärzte im Alltag erleben, hätte ich wohl das Etikett: schizoide Persönlichkeitsstörung. Das ist genau das Gegenteil von hysterisch/histrionisch. Also was denn nun? Vielleicht doch Bipolar?

Dieser Diagnosewahn hier in Deutschland und auch Österreich sorgt für Millionen Emotionskrüppel, denn heutzutage ist es schick, ohne Emotionen herum zu laufen. Man findet Intelligenz sexy und zum Intellekt gehört es wohl dazu, keine emotionale Beteiligung zu zeigen. Es könnte ja impulsiv sein, oder labil, affektiv oder narzisstisch, schizoid oder hysterisch – egal was, es zählt dann nicht mehr zur Intelligenz, sondern zu einer Person, die unglaubwürdig und crazy ist.

Ich glaube, dieses typisch deutsche/österreichische Vorgehen zu hinterfragen und zu kritisieren, ist ein zentrales Anliegen meiner Webseite. Irgendwann muss es doch mal gut sein, Diagnosen – meist gezielt – einzusetzen, um Menschen emotional zu amputieren.

So weit mein heutiges Gedankenrasen (bipolar? 😉 ) im Bereich Persönliches.

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